Sonntag, 11. Dezember 2011

Tag 10 8.9. Dominanz

Von Villafranca nach Burgos (37 km)
Ich möchte es gleich vorab erwähnen, wir wollten an diesem Tag nicht nach Burgos, sondern kurz davor Halt machen.
Eric hat uns gestern eröffnet, dass er zwar gerne mit uns läuft, aber genauso gut weiß, dass wir nicht immer das gleiche Tempo haben. Sobald Judith ihre Stöcker in die Hand nimmt, rennt sie uns beiden davon. Eric beschaut lieber die wunderschönen Landschaften und geht frei heraus, nicht einmal mit einem Plan für den Abend. Ich habe mein eigenes Tempo und sauge die Natur in vollen Zügen auf, wenn ich laufe, einen Plan, wo ich schlafen werde, habe ich trotzdem gerne.
Deshalb geht Eric heute langsamer, ich denke, er braucht jetzt diese Einsamkeit, jeder braucht sie für sich selbst auf dem Camino. Andernfalls kommt man nie zum Nachdenken.
Als er uns das erzählt, oder besser gesagt erzählt er das Judith auf Französisch, seltsamerweise verstehe ich, was er sagt, geht die Sonne gerade auf. Nachdem wir erst durch eine kalte Nacht gelaufen sind, gingen wir danach durch einen dichten Wald, in dem es dagegen sehr warm wurde. Jetzt stehen wir zwischen dem Wald und der Autobahn, über den Bäumen sind in weiter Ferne Windräder zu erkennen und eben die rote, aufgehende Sonne.
Judith und ich gehen weiter, mehr und mehr versetzt, jeder von uns benötigt scheinbar seine Ruhe. Der Wald, den wir jetzt durchlaufen, erinnert mich stark an Brandenburg. Der Boden ist genauso mit hellem Sand bedeckt und mit hohen, nadeligen Bäumen ausgestattet wie in der tiefsten Mark. Als wir aus den Alpen zurück nach Berlin gefahren sind, habe ich gegen Ende der Fahrt geschlafen und als ich aufgewacht bin, war mir sofort klar, dass wir in Brandenburg sind, manchmal erkennt man es an der typischen Vegetation.
Spaniens Brandenburg
Nach drei Stunden kommen wir in St. Juan an und verdrücken uns in die erstbeste Bar, um die knurrenden Mägen zu beruhigen. Eigentlich dachten wir, dass wir noch zwei Stunden vor uns haben. Den Kirchturm am Horizont hielten wir für eine Einsiedelei, die wir hätten passieren müssen. Zum Glück war dem nicht so.
Wie sich herausstellt, ist Judith ein großer Fan der Buchreihe, die meine Kindheit geprägt hat: Harry Potter. Und als wäre das noch nicht genug, ist sie genauso von “Der Herr der Ringe" begeistert, daraus ergibt sich eine Menge Gesprächsstoff und die beiden Themen beschäftigen uns fast den ganzen Tag. Wie sich auch herausstellt ist Judith einst katholisch erzogen worden und immer noch religiös geprägt, auch wenn das nicht ihre Motivation für die Reise ist. Sie glaubt an Gott oder eine Form von Gott, allerdings nicht in der Form, wie es die katholische Kirche berichtet, sondern eher auf eigene Art. Damit steht sie gewiss nicht alleine, meine ehemalige Lektorin, die zum Evangelischen zählt, glaubt weniger an das, was ihr die Kirche erzählt, deshalb lässt sie auch gut und gerne mal das Amen nach dem Gebet aus. Judith und ich sind uns einig: die Kirche scheint längst nicht mehr das zu sein, was sie einmal war. Aus der ursprünglich jüdischen Bewegung (was manche Christen kategorisch übersehen) ist ein unterdrückter Glaube entstanden, der eben anders als die anderen Religionen wie das damals korrupt regierte Judentum und götzenartige Heidentum war. Die durch die Oberen angeordneten Vorschriften wurden nicht mehr hingenommen, es entwickelte sich eine Nischenreligion, vehement von ihren Gegnern verfolgt. Bildhaft in Szene gesetzt wird dies vor allem bei Monumentalfilmen wie „Ben Hur“ oder „Quo Vadis?“. Aber als das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich wurde, änderte sich die Lage. Jeder Papst wurde der Nachfolger des in Rom gekreuzigten Apostels Petrus, er verstand sich also als der direkte Draht zu Jesus, der den Menschen Heil und Segen bescherte. Wer dem nicht folgte, lästerte den Christengott, der an dieser Stelle so verschieden vom Judengott ist, wie sich Schwarz und Weiß nicht gleichen. Die Juden wurden unter den Römern verfolgt, nun werden sie unter den Christen verfolgt. Die Muslime besetzen das Heilige Land, die Christen rufen zum Kreuzzug und metzeln alles nieder und ein Jahrtausend später wundern sie sich, wenn Bomben in ihren Städten explodieren. Kurzum, die Kirche hat ihre Macht aufs Schärfste missbraucht und ist zu einer Institution herangewachsen, die, man könnte sagen, ihre wirtschaftlichen Interessen verfolgt, wie es eine Firma tut. Irgendwo muss schließlich Geld herkommen. Was tut sich hier beim Glauben? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Bei mir hat der Glaube nie gezündet, Atheist bin ich nicht, aber eben auch nicht gläubig, in Bezug auf den Fragebogen aus Roncesvalles bin ich konfessionslos und das reicht mir. Judith ist christlich, auf ihre eigene Art. Bezeichnender Weise hat sie sich mit dem Protestantismus beschäftigt und findet dort mehr Gemeinsamkeiten zu ihrer Persönlichkeit und ihrem Denken als sie es im Katholizismus tut. Wie sie sagt, sind wir, also die Menschen, von der Religion abgekommen. Um es in der ursprünglich englischen Fassung zu sagen, mit einem kleinen Wortspiel, dass mir sehr gefällt: „we got(d) out of religion“.
An dieser Stelle laufen wir wieder versetzt, ich muss mein Tempo verlangsamen, denn die Sehne meldet sich wieder. Vor uns liegt Atapuerca, wo ich meinen linken Schuh aufbinde und nur noch durch die unteren Schnürsenkel wieder schließe, so hoffe ich den Druck auf meine Sehne zu verringern. Atapuerca hat nicht viel außer einer nennenswerten Geschichte zu bieten. Durch den Bau einer Eisenbahnlinie sind über 800000 Jahre alte Gesteinsschichten angeschnitten worden, in denen Archäologen Überreste von menschlichen Knochen gefunden haben. Diese wurden auf eben jene Zeit datiert und zählen zu den ältesten menschlichen Überresten in Europa, der Menschentyp erhielt den Namen Homo antecessor, „Vorgänger“. Von wem stammen wir nun ab? Vom afrikanischen Homo sapiens oder dem europäischen Homo neanderthalis, der ja wiederum auf den Atapuerca-Menschen zurückgeht? Oder sind wir ein Mischling? Vielleicht kommen wir ja alle aus Atapuerca. Dem zu Ehren wurde über der Ausgrabungsstätte ein archäologisches Museum errichtet, es liegt jedoch abseits des Weges und würde uns vieler Stunden berauben, deshalb haben wir dafür leider keine Zeit. Beim Verlassen des Dorfes laufen wir an einer Einheit des spanischen Militärs vorbei, der Zugführer trägt eine deutsche Uniform oder um genau zu sein, hat er die deutsche Flagge auf seine Schultern gestickt, da lässt sich doch vermuten, dass er Deutscher ist. Die Soldaten sind mit Marschgepäck ausgerüstet, bewaffnet und überholen uns beim Aufstieg, die müssen ordentlich schwitzen in ihren Uniformen. Der Berg, den wir erklimmen ist leider viel zu klein, ich hab einen Narren gefressen an den trockenen Bäumen und dem dürren Boden, dessen scharfe Steine bereits heraus gewittert sind. Diese Szene dauert mir zu kurz an, es ist als müsste man einen Hindernisparkour laufen. Oben auf dem Gipfel finden wir Eric, der sich verschnaufend auf einen Felsblock gesetzt hat. Vor hier aus kann man Burgos schon sehen, es sieht nicht einmal sehr weit aus und es ist erst ein Uhr nachmittags. Eigentlich wollen wir heute nicht nach Burgos, das erscheint uns zu weit, stattdessen zielen wir auf ein Dorf kurz davor, dass sich irgendwo schräg zu unserer Linken befindet. Aber Judith kommentiert das folgendermaßen: „Es ist, als würde man vor der Torte sitzen und sie nicht essen“, da stimmen wir ihr beide zu. Also nach Burgos, nur nicht die Jakobsroute entlang, denn die macht einen Schlenker nach Süden, wir laufen zwischen den Feldern und kürzen damit ein wenig ab. Dieser Weg ist nur nicht ausgeschildert, wir müssen das eine oder andere Mal jemanden nach dem Weg fragen und die Spanier zeigen sich alles andere als begeistert, dass wir den Camino verlassen haben. Trotzdem wird uns geholfen. Burgos ist weiter weg, als wir dachten, durch die Nachmitagshitze und unseren angeschlagenen Füßen brauchen wir beinahe ewig, Judith und Eric laufen weit vorne weg.
Vorerst quartieren wir uns in einem Diner ein, wo wir eine sehr lange Pause einlegen, hier gibt es kostenloses Internet, es ist jedoch hoffnungslos langsam. Eric weigert sich um vier weiterzugehen, er will uns später folgen, wir nehmen zu zweit die letzten sechs Kilometer auf uns. Mein Reiseführer schreibt, dass Burgos komplett überschätzt wird, sollte man sich durch die industrielle Vorstadt nähern, genau das tun wir, die Straße ist lang, schnurgerade und Schatten gibt es nicht.
Um 5 Uhr erreichen wir die städtische Herberge, die ist riesig groß, aber wen wundert das, denn es gibt kaum Alternativen in Burgos. Ich glaube hier kommen 200 Pilger unter, an der Rezeption bezahlt man 4 € und bekommt ein Bett zugewiesen und weil das Gebäude für eine Herberge sehr hoch ist, hat man einen Fahrstuhl gebaut, um die sechs Etagen zu versorgen, wir schlafen quasi unter dem Dach.
Um noch ein wenig Burgos zu besichtigen, verlasse ich die Herberge, irgendwo über mir höre ich jedoch eine Gitarre, das zieht mich magisch an und ich folge der Musik bis in den Nebeneingang, wo ich plötzlich Eric finde. Er schickt mich auf den Balkon, dort sitzen zwei Pilger, einer mit Gitarre, eine mit einer kleinen Harfe und spielen irische Volkslieder. Wie sich herausstellt verdienen sie sich auf die Art das Geld, um sich auf der Reise über Wasser zu halten. Unter den Zuschauern ist auch Jan aus Larrasoaña, ich hatte gewettet, dass wir uns nie wieder sehen. Die Gelegenheit packe ich beim Schopf und frage ihn um Rat wegen meines Fußes.
Erstens: schnüre seine Schuhe nicht bis oben hin zu, dein Bein braucht Platz und darf nicht eingedrückt werden“, erklärt er mir.
Zweitens: massiere deine Sehne so oft du kannst, streiche rauf und runter, das regt die Blutzirkulation an und hat mir meine Achillessehne gerettet. Drittens: schmier dir Voltaren rauf“ und er zückt eine Tube davon aus seiner Tasche, notiert mir den Namen und gibt mir die erste Ladung gratis. „Viertens: geh langsamer, wenn du es nicht behandelts, bekommst du eine Sehnenscheidentzündung.“
Und warum ist es ausgerechnet der linke Fuß?“, frage ich.
Das ist anscheinend dein dominanter Fuß, jeder Mensch hat einen, genauso wie du eine dominante Hand hast, mit der du schreibst. Mit deinem dominanten linken Fuß verrichtest du mehr Arbeit als mit dem Rechten. Deshalb laufen Menschen auch im Kreis, wenn man sie alleine in der Wüste aussetzt. Viel interessanter ist es dann, wenn man zwei Menschen mit unterschiedlich dominanten Füßen nebeneinander durch die Wüste schickt. Beide würden sich ergänzen und strikt geradeaus laufen.“
Die Apotheken haben leider schon geschlossen, aber morgen ist auch noch ein Tag, für’s erste bin ich mit guten Ratschlägen versorgt. Mein Sightseeing ist beendet bevor es überhaupt begonnen hat. Wir drei sind hundemüde und fallen früh ins Bett.

zurückgelegte Strecke: 288 km 

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Tag 9 7.9. Das Dinner

Von Grañon nach Villafranca (28 km)
Obwohl mir Eric gestern eine Fußmassage gegeben hat, sind die Schmerzen an der Sehne nicht verschwunden. Zum Glück haben wir für die Nacht Decken bekommen, es wurde sehr kalt draußen. Decken bekommt man nicht in jeder Herberge, prinzipiell braucht man sie im September auch nicht, nur leider ist das Wetter oft unberechenbar. Die Kirchenglocke läutet tagsüber alle fünfzehn Minuten, nachts kenne ich den Zyklus nicht und weil wir direkt unter dem Kirchturm schlafen, haben wir schlimmes befürchtet, aber des nachts steigt die Kirche auf eine kleinere, leise Glocke um.
Wer bis hierhin noch nicht glaubt, dass Frühaufstehen in jeder Hinsicht lohnenswert ist, der sei durch den üppigen Sternenhimmel bekehrt, der uns am Morgen begleitet. Leider haben wir nach wenigen Stunden die Grenze von Rioja überschritten, vorbei ist es mit dem Rioja-Wein.
Klischeehaft wie in einem US-amerikanischen Film der 80erJahre frühstücken in einer Schnellstraßenraststätte, während uns Judith über ihr Leben in Kanada aufklärt. Als wir uns das erste Mal in Villamajor trafen, habe ich sie auf Ende zwanzig geschätzt, tatsächlich ist sie 39, sie wird aber oft für jünger gehalten. Zu Hause in Quebec hat sie ihren Mann Jean-Luc und ihre Kinder Charles und Didier, beide 11 Jahre alt. Achja, falls du das hier jemals liest Judith, entschuldige, dass ich so aus dem Nähkästchen plaudere.
Jean-Luc's Beruf hat für mich keinen richtigen Namen, aber er kontrolliert und begutachtet Schweißarbeiten im ganzen Land, z.B. mit Röntgenstrahlung, hochfluide Substanzen und was weiß der Teufel noch alles. Seine Arbeit führt ihn durch ganz Kanada, Ende September fährt er nach Inuvik, dort wo auch die großen Ice-Trucks entlangfahren.
Charles und Didier gehen beide noch zur Grundschule und starten bald in die Oberschule. Judith hat also drei Jungs in ihrem Heim und meistert scheinbar alles mit einer bewundernswerten  Geduld. Für alles hat sie einen Plan, sei es, um die Kinder von der Schule abzuholen oder zum Sportverein zu fahren, die Zeit muss optimal eingeteilt werden, damit auch das Abendessen nicht anbrennt und noch genug da ist, wenn Jean-Lucs 21-jähriger Sohn unangemeldet zum Essen vorbeikommt. Es ist demnach nicht vorteilhaft sie aus dem Konzept zu bringen, trotzdem ist stets spontan genug für alle Eventualitäten. Sie hat einmal als Französischlehrerin  gearbeitet und den Job nur ein wenig geändert, jetzt unterrichtet sie Lehrer an der Universität in neuen Lehrmethoden und wie sie ihre eigenen verbessern können.
Nach der Stärkung pausieren wir Stunden später in Belorado. Am Ortseingang laufen wir an einem steilen Erdhang vorbei, aus dem kleine Steinchen herausschauen. Judith greift sich einen, hält ihn mir unter die Nase und fragt: "Christian, du bist Geologe, was ist das für ein Stein?" Damit reiht sich Judith in die Reihe vieler Menschen ein und meine Kommilitonen werden mir zustimmen, dass sie diese Frage ebenso oft gehört haben. Die Frage ist rasch beantwortet, das Gestein ist weiß, schimmernd, faserig und mit dem Fingernagel ritzbar. Mehr kann ich dazu auf einer Pilgerschaft nicht sagen, es ist ein Gips, ganz schlicht.
Das Hotelfoyer
Während die beiden im Park von Belorado flanieren, kaufe ich Milkaschokolade im Supermarkt und gebe sie aus. Als Franzose ist Eric mit dem tollen Geschmack bestens vertraut, Judith kannte bisher nur die übel schmeckende nordamerikanische Schokolade, ihre Augen weiten sich vor Glück und Zufriedenheit, sobald sie den ersten Bissen verarbeitet. Ich habe sie damit wohl abhängig gemacht, denn sie schwört von jetzt an nur noch Milka zu kaufen (was sie bis Santiago auch tatsächlich getan hat, sie macht mir bald Konkurrenz) und ihre Kinder nicht mehr mit amerikanischer Schokolade zu verfüttern.
Als wir weitergehen, wird es beinahe unerträglich heiß, aber, und das gilt tagein tagaus, man muss weitergehen, vom Stehenbleiben bekommen wir keinen Schlafplatz. Manchmal ist es sogar so, dass die Herbergen eine bestimmte Kilometerzahl voraussetzen, die man an diesem Tag gegangen sein muss. Diese liegt dann zwischen 12 und 15 Kilometern. Wegen der Hitze und Judith's beginnenden Fußproblemen machen wir viele Pausen, als Eric und ich Wasser holen, verulkt er die spanischen Dörfler mit der Geschichte, dass wir drei aus Finnland kommen und den ganzen Weg bis hierher gelaufen sind und am Ende auch wieder zurück marschieren wollen. Eric hat in den letzten Tagen ein gutes Spanisch erlernt und weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass es wirklich zwei finnische Wanderer auf dem Weg geben soll, die diese volle Strecke zu Fuß zurück gelegt haben. Das ist aber nur Hörensagen.
Der Speisesaal...
Schließlich gelangen wir nach Villafranca, die erste Herberge, die wir ursprünglich beziehen wollten, wird uns von Jytte und Susanne ausgeschlagen. Stattdessen kommen wir in einer privaten unter, die zu einem schicken Hotel gehört, trotzdem sind die Betten wackelig. Michael, Louis, das australische und das schwedische Pärchen haben sich ebenfalls hierher verirrt. Der Ort scheint ganz nett zu sein, einziges Manko ist die Straße, die alle paar Sekunden von Lastwagen befahren und deshalb besser nicht überquert wird.
Um 7 Uhr abends gab es ein fantastisches Dinner im Hotelrestaurant. Auf dem Camino hat man drei Möglichkeiten. Erstens, man kocht, das geht allerdings nicht immer, denn die Herbergen betreiben oft Vetternwirtschaft mit den ansässigen Bars, die Pilger sollen schließlich Geld ausgeben, deshalb gibt es nur selten eine Küche, diese Variante ist die wohl billigste. Zweitens, man versorgt sich aus dem Supermarkt, entweder schleppt man das Essen die ganze Zeit mit sich herum, so wie ich es mache, oder man kauft es sich jeden Abend neu, das lohnt sich besonders, wenn es mehrere sind und man gemeinsam ein Bankett errichtet. Drittens kann man abends in ein Restaurant geben, dafür ist meistens gesorgt, es gibt nur wenige Herbergen, die völlig abseits der Nahrungskette liegen.
...und meine Pilgerfreunde
In den Restaurants wird standardmäßig das Pilgermenü für zehn bis zwölf Euro serviert, man hat eine breite Auswahl an Fisch, Steak, Hühnchen und einigem mehr als Hauptgang, die Beilage ist so gut wie immer Pommes, selten auch einmal Reis. Für spanische Verhältnisse auf dieser Reise ist es viel Geld für wenig, dieses Mal gönnen wir es wir uns und erleben das beste Pilgermenü des Weges, zusammen mit einem ausgezeichneten Wein, der sogar kostenfrei nachgeschenkt wird, ebenso wie es kostenfrei mehr und mehr Brot gibt. Eric und Judith haben die Zeit genutzt und mir Löcher in den Bauch über das Studentenleben gefragt und wie sich das Bachelor-Master-System in Deutschland macht. Leider habe ich keinen Vergleich zum Diplom, außer, was mir erzählt wird. Prickelnd ist der Bachelor ja nicht gerade, ab und an fühlt man sich wie in der Schule, wo man von Stunde zu Stunde hetzt, für das richtige Studieren ist eigentlich kaum die Zeit vorhanden, in drei Jahren möchte man bitte seinen Abschluss gemacht haben, am besten hoch qualifiziert. Nun wird versucht, das alles unter einen Hut zu bekommen, Praktika zu machen, interessante und lehrreiche Kurse zu besuchen und sich keine Sorgen über einen nicht garantierten Masterplatz zu machen. Manchmal ist es wie Massentierhaltung, im jetzigen ersten Semester studieren an die 120 Geologen, wer betreut die?
Genug des Pamphlets, zurück nach Spanien. In der Kurzfassung: das Essen war fantastisch, die Herberge ein Geheimtipp und die Nacht angenehm ruhig, deswegen habe ich auch wieder verschlafen.

zurückgelegte Strecke: 251 km

Sonntag, 4. Dezember 2011

Tag 8 6.9. Die Burg


Von Najera nach Grañon (29 km)
Ich danke Eric auf Knien für das Hackenpflaster, es passt sich perfekt der Fußform an, klebt hervorragend und ich spüre überhaupt nichts mehr, so stelle mir das vor. Im Schlafsaal gab es ein monströses Schnarchkonzert, in meiner nächtlichen Verwirrtheit habe ich öfters meine Ohrenstöpsel entfernt und bin kurz darauf vom Lärm aufgewacht. Hätte ich an der Wand gelegen, wäre das bestimmt nicht passiert, ich glaube die frische Luft kommt nicht bis dorthin. Entweder sind dort alle erstickt oder die halten Winterschlaf wie die Bären.
Irgendwann nach Sonnenaufgang
Nach Santo Domingo de la Calzada ist es ein kurzer Weg oder vielleicht sollte ich sagen, dass die fünf Stunden rasch vergangen sind. So ganz ohne Hürden wäre es langweilig geworden, beim Abstieg nach Santo Domingo beginnt die Sehne meines linken Schienbeins zu schmerzen. Es ist ein Gefühl, als ob ich die Region stark überdehnt hätte. Die Pause vor dem Supermarkt nehme ich dankend an. Neben dem Mittagsbrot werde ich über die deutsche Nachkriegsgeschichte gelöchert, unheimlich viel kann ich jedoch nicht erzählen, nur das, was ich seit der Schule nicht vergessen habe. Was Eric am meisten interessiert, ist, ob es heute immer noch die Gegensätze in den Köpfen der Menschen gibt. Da kann ich leider nur für mich sprechen und vermuten, wie es um andere steht. Die DDR habe ich nie erlebt, alles, was ich darüber weiß ist fleckenhaft selbst erarbeitet, von meiner Familie oder noch von der Schule. Die Auseinandersetzung heute spielt sich für mich eher einerseits in der Aufarbeitung der Stasi und andererseits in Filmen wie „Good Bye Lenin“, „Das Leben der Anderen“ und „Sonnenallee“ ab. Die ersten beiden sind sowohl in Frankreich, als auch in Kanada bekannt sehr bekannt und gern gesehen, wie sich herausstellt.
Vor dem Supermarkt treffen wir Daniel, ein Pilger, der in Sachsen gestartet ist, nachdem er Arbeit und Wohnung verloren hat. Er spricht nur deutsch und hängt sich wie eine Klette an mich, weil ich für Judith und Eric übersetzen kann. Ehrlich gesagt, möchte ich mich nicht  weiter mit ihm auseinander setzen, aber er lässt nicht locker, mir kommt er aufdringlich vor. Als er uns um etwas Geld bittet, weil er keines hat, helfen wir ihm aus und ich bin dankbar, als er uns verlässt.
Um die Deutschen mache ich auf dem Camino einen Bogen, sofern das möglich ist, die Quote liegt bei 30%. Ich möchte eigentlich keine Deutschen kennen lernen, das kann ich jeden Tag zu Hause machen, hier reizen mich vielmehr die anderen Länder und Kulturen. Manche Deutsche verstehen das nicht und fühlen sich schnell beleidigt, was mich darin nur bestärkt. Das soll nicht heißen, dass alle Deutschen schlecht sind, in dem Fall sollte ich aus meinem Heimatland rasch verschwinden, es gibt ebenso viele nette. Jan aus Larrasoaña und Susanne, die ich in Viana kennen gelernt habe, sind ein passendes Beispiel.
Wir lassen Daniel hinter uns, Harry hat sich hier in einer Herberge einquartiert, und betreten die heiße und staubige Ebene am Ortsausgang von Santo Domingo. Die einzige Möglichkeit die Schmerzen an meiner Sehne anzugehen, ist stark an Tempo zuzulegen und ich rausche an meinen verblüfft dreinschauenden Begleitern vorbei. „Was tust du Christian?“, kann mir Judith noch hinterherrufen.
„Ich bekämpfe den Schmerz“, schreie ich zurück.
„Nein, lass das, du bekommst nur wieder Blasen“
„Wir sehen uns in Grañon“, und weg bin ich, wenig später überhole ich Jytte und Susanne, die mir genauso überrascht hinterher schauen. Die Methode funktioniert, mein Leid verschwindet, in Grañon warte ich auf die Nachhut und wir suchen die Herberge, die wir zuerst nicht finden, denn sie ist in einer Kirche untergebracht.
Gemeinsames Essen in der Herberge
Die Unterkunft ist der Wahnsinn, und zu Recht kann ich sagen, dass es die beste Herberge auf dem gesamten Weg war. Die Nebengebäude und das Dach der Kirche sind umfunktioniert worden, im Obergeschoss gibt es einen großen Saal, in dem ein Klavier und eine Gitarre nur darauf warten, in die Hand genommen zu werden. Das Gemäuer erinnert stark an eine mittelalterliche Burg, es ist eng und verwunschen, dicke Holzbalken stützen das Dach und das ganze ist auf Spenden basiert. Manchmal ist es unverständlich, wie Herbergen zehn Euro verlangen und nichts bieten und andere kein Geld erwarten und dafür ein Paradies erschaffen. Hier ist es sehr gemütlich und sauber. Unsere Betten sind weiche Matratzen, die im Erdgeschoss in einer Kapelle auf dem Boden ausgelegt wurden. Zum Abendessen werden wir bekocht, jeder kann etwas beisteuern. Uns wird Zuchini-Suppe, Salat, Melonen, Brot und Wein serviert. Alles ist dermaßen gut zubereitet, dass ich kein Fleisch vermisse und normalerweise esse ich viel Fleisch. Mit am Tisch sitzen 47 Pilger aus 16 Nationen, jede bekommt ihre eigene Erwähnung und Applaus, darunter sind ein Brasilianer, ein australisches Pärchen, einige Kanadier, eine Südafrikanerin und viele viele mehr.
Im Hof sehe ich Bernard, der sich gerade von Mary aus den USA die Füße massieren lässt. Sofort überbringe ich Judith und Eric diese freudige Nachricht, schließlich wären wir gerne mit ihm die letzten beiden Tage gelaufen. Aber er gibt  vor uns nicht zu kennen. Im ersten Moment wirkt er ein wenig neben sich, deshalb denken wir, dass er sich einen Sonnenstich oder was auch immer geholt hat. Doch Eric kitzelt mehr aus ihm heraus, er nimmt es uns krumm, dass wir Logroño ohne ihn verlassen haben, weiter möchte er jedoch nicht darüber reden und ignoriert uns nach allen Regeln der Kunst.
Dessen ungeachtet fangen wir uns wieder und nachdem mich Eric nach einer guten Partie Schach besiegt hat, findet nach dem Gottesdienst und dem Abendessen das gemeinsame Gebet im Chor der Kirche statt. Ich will unbedingt hingehen und kann Eric dazu überreden mitzukommen. Im Chor ist es sehr düster, nachdem jeder einen Platz gefunden hat, werden einige Teelichter und die Pilgerkerze angezündet. Diese wird herumgereicht, wobei jeder die Möglichkeit erhält, etwas zu sagen, sich bei den Leuten zu bedanken, ihnen eine gute Reise zu wünschen oder einfach nur zu schweigen. Als eine Schwedin an der Reihe ist, singt sie uns ein schwedisches Kirchenlied vor, sie hat eine fabelhafte, engelsgleiche Stimme und in Kombination mit der guten Akustik des Chorgestühls, soll sich jeder das Beste darunter vorstellen.

zurückgelegte Strecke: 223 km