Donnerstag, 8. Dezember 2011

Tag 9 7.9. Das Dinner

Von Grañon nach Villafranca (28 km)
Obwohl mir Eric gestern eine Fußmassage gegeben hat, sind die Schmerzen an der Sehne nicht verschwunden. Zum Glück haben wir für die Nacht Decken bekommen, es wurde sehr kalt draußen. Decken bekommt man nicht in jeder Herberge, prinzipiell braucht man sie im September auch nicht, nur leider ist das Wetter oft unberechenbar. Die Kirchenglocke läutet tagsüber alle fünfzehn Minuten, nachts kenne ich den Zyklus nicht und weil wir direkt unter dem Kirchturm schlafen, haben wir schlimmes befürchtet, aber des nachts steigt die Kirche auf eine kleinere, leise Glocke um.
Wer bis hierhin noch nicht glaubt, dass Frühaufstehen in jeder Hinsicht lohnenswert ist, der sei durch den üppigen Sternenhimmel bekehrt, der uns am Morgen begleitet. Leider haben wir nach wenigen Stunden die Grenze von Rioja überschritten, vorbei ist es mit dem Rioja-Wein.
Klischeehaft wie in einem US-amerikanischen Film der 80erJahre frühstücken in einer Schnellstraßenraststätte, während uns Judith über ihr Leben in Kanada aufklärt. Als wir uns das erste Mal in Villamajor trafen, habe ich sie auf Ende zwanzig geschätzt, tatsächlich ist sie 39, sie wird aber oft für jünger gehalten. Zu Hause in Quebec hat sie ihren Mann Jean-Luc und ihre Kinder Charles und Didier, beide 11 Jahre alt. Achja, falls du das hier jemals liest Judith, entschuldige, dass ich so aus dem Nähkästchen plaudere.
Jean-Luc's Beruf hat für mich keinen richtigen Namen, aber er kontrolliert und begutachtet Schweißarbeiten im ganzen Land, z.B. mit Röntgenstrahlung, hochfluide Substanzen und was weiß der Teufel noch alles. Seine Arbeit führt ihn durch ganz Kanada, Ende September fährt er nach Inuvik, dort wo auch die großen Ice-Trucks entlangfahren.
Charles und Didier gehen beide noch zur Grundschule und starten bald in die Oberschule. Judith hat also drei Jungs in ihrem Heim und meistert scheinbar alles mit einer bewundernswerten  Geduld. Für alles hat sie einen Plan, sei es, um die Kinder von der Schule abzuholen oder zum Sportverein zu fahren, die Zeit muss optimal eingeteilt werden, damit auch das Abendessen nicht anbrennt und noch genug da ist, wenn Jean-Lucs 21-jähriger Sohn unangemeldet zum Essen vorbeikommt. Es ist demnach nicht vorteilhaft sie aus dem Konzept zu bringen, trotzdem ist stets spontan genug für alle Eventualitäten. Sie hat einmal als Französischlehrerin  gearbeitet und den Job nur ein wenig geändert, jetzt unterrichtet sie Lehrer an der Universität in neuen Lehrmethoden und wie sie ihre eigenen verbessern können.
Nach der Stärkung pausieren wir Stunden später in Belorado. Am Ortseingang laufen wir an einem steilen Erdhang vorbei, aus dem kleine Steinchen herausschauen. Judith greift sich einen, hält ihn mir unter die Nase und fragt: "Christian, du bist Geologe, was ist das für ein Stein?" Damit reiht sich Judith in die Reihe vieler Menschen ein und meine Kommilitonen werden mir zustimmen, dass sie diese Frage ebenso oft gehört haben. Die Frage ist rasch beantwortet, das Gestein ist weiß, schimmernd, faserig und mit dem Fingernagel ritzbar. Mehr kann ich dazu auf einer Pilgerschaft nicht sagen, es ist ein Gips, ganz schlicht.
Das Hotelfoyer
Während die beiden im Park von Belorado flanieren, kaufe ich Milkaschokolade im Supermarkt und gebe sie aus. Als Franzose ist Eric mit dem tollen Geschmack bestens vertraut, Judith kannte bisher nur die übel schmeckende nordamerikanische Schokolade, ihre Augen weiten sich vor Glück und Zufriedenheit, sobald sie den ersten Bissen verarbeitet. Ich habe sie damit wohl abhängig gemacht, denn sie schwört von jetzt an nur noch Milka zu kaufen (was sie bis Santiago auch tatsächlich getan hat, sie macht mir bald Konkurrenz) und ihre Kinder nicht mehr mit amerikanischer Schokolade zu verfüttern.
Als wir weitergehen, wird es beinahe unerträglich heiß, aber, und das gilt tagein tagaus, man muss weitergehen, vom Stehenbleiben bekommen wir keinen Schlafplatz. Manchmal ist es sogar so, dass die Herbergen eine bestimmte Kilometerzahl voraussetzen, die man an diesem Tag gegangen sein muss. Diese liegt dann zwischen 12 und 15 Kilometern. Wegen der Hitze und Judith's beginnenden Fußproblemen machen wir viele Pausen, als Eric und ich Wasser holen, verulkt er die spanischen Dörfler mit der Geschichte, dass wir drei aus Finnland kommen und den ganzen Weg bis hierher gelaufen sind und am Ende auch wieder zurück marschieren wollen. Eric hat in den letzten Tagen ein gutes Spanisch erlernt und weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass es wirklich zwei finnische Wanderer auf dem Weg geben soll, die diese volle Strecke zu Fuß zurück gelegt haben. Das ist aber nur Hörensagen.
Der Speisesaal...
Schließlich gelangen wir nach Villafranca, die erste Herberge, die wir ursprünglich beziehen wollten, wird uns von Jytte und Susanne ausgeschlagen. Stattdessen kommen wir in einer privaten unter, die zu einem schicken Hotel gehört, trotzdem sind die Betten wackelig. Michael, Louis, das australische und das schwedische Pärchen haben sich ebenfalls hierher verirrt. Der Ort scheint ganz nett zu sein, einziges Manko ist die Straße, die alle paar Sekunden von Lastwagen befahren und deshalb besser nicht überquert wird.
Um 7 Uhr abends gab es ein fantastisches Dinner im Hotelrestaurant. Auf dem Camino hat man drei Möglichkeiten. Erstens, man kocht, das geht allerdings nicht immer, denn die Herbergen betreiben oft Vetternwirtschaft mit den ansässigen Bars, die Pilger sollen schließlich Geld ausgeben, deshalb gibt es nur selten eine Küche, diese Variante ist die wohl billigste. Zweitens, man versorgt sich aus dem Supermarkt, entweder schleppt man das Essen die ganze Zeit mit sich herum, so wie ich es mache, oder man kauft es sich jeden Abend neu, das lohnt sich besonders, wenn es mehrere sind und man gemeinsam ein Bankett errichtet. Drittens kann man abends in ein Restaurant geben, dafür ist meistens gesorgt, es gibt nur wenige Herbergen, die völlig abseits der Nahrungskette liegen.
...und meine Pilgerfreunde
In den Restaurants wird standardmäßig das Pilgermenü für zehn bis zwölf Euro serviert, man hat eine breite Auswahl an Fisch, Steak, Hühnchen und einigem mehr als Hauptgang, die Beilage ist so gut wie immer Pommes, selten auch einmal Reis. Für spanische Verhältnisse auf dieser Reise ist es viel Geld für wenig, dieses Mal gönnen wir es wir uns und erleben das beste Pilgermenü des Weges, zusammen mit einem ausgezeichneten Wein, der sogar kostenfrei nachgeschenkt wird, ebenso wie es kostenfrei mehr und mehr Brot gibt. Eric und Judith haben die Zeit genutzt und mir Löcher in den Bauch über das Studentenleben gefragt und wie sich das Bachelor-Master-System in Deutschland macht. Leider habe ich keinen Vergleich zum Diplom, außer, was mir erzählt wird. Prickelnd ist der Bachelor ja nicht gerade, ab und an fühlt man sich wie in der Schule, wo man von Stunde zu Stunde hetzt, für das richtige Studieren ist eigentlich kaum die Zeit vorhanden, in drei Jahren möchte man bitte seinen Abschluss gemacht haben, am besten hoch qualifiziert. Nun wird versucht, das alles unter einen Hut zu bekommen, Praktika zu machen, interessante und lehrreiche Kurse zu besuchen und sich keine Sorgen über einen nicht garantierten Masterplatz zu machen. Manchmal ist es wie Massentierhaltung, im jetzigen ersten Semester studieren an die 120 Geologen, wer betreut die?
Genug des Pamphlets, zurück nach Spanien. In der Kurzfassung: das Essen war fantastisch, die Herberge ein Geheimtipp und die Nacht angenehm ruhig, deswegen habe ich auch wieder verschlafen.

zurückgelegte Strecke: 251 km

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