Von Villafranca nach Burgos (37 km)
Ich möchte es gleich vorab erwähnen, wir wollten an diesem Tag nicht nach Burgos, sondern kurz davor Halt machen.
Eric hat uns gestern eröffnet, dass er zwar gerne mit uns läuft, aber genauso gut weiß, dass wir nicht immer das gleiche Tempo haben. Sobald Judith ihre Stöcker in die Hand nimmt, rennt sie uns beiden davon. Eric beschaut lieber die wunderschönen Landschaften und geht frei heraus, nicht einmal mit einem Plan für den Abend. Ich habe mein eigenes Tempo und sauge die Natur in vollen Zügen auf, wenn ich laufe, einen Plan, wo ich schlafen werde, habe ich trotzdem gerne.
Deshalb geht Eric heute langsamer, ich denke, er braucht jetzt diese Einsamkeit, jeder braucht sie für sich selbst auf dem Camino. Andernfalls kommt man nie zum Nachdenken.
Als er uns das erzählt, oder besser gesagt erzählt er das Judith auf Französisch, seltsamerweise verstehe ich, was er sagt, geht die Sonne gerade auf. Nachdem wir erst durch eine kalte Nacht gelaufen sind, gingen wir danach durch einen dichten Wald, in dem es dagegen sehr warm wurde. Jetzt stehen wir zwischen dem Wald und der Autobahn, über den Bäumen sind in weiter Ferne Windräder zu erkennen und eben die rote, aufgehende Sonne.
Judith und ich gehen weiter, mehr und mehr versetzt, jeder von uns benötigt scheinbar seine Ruhe. Der Wald, den wir jetzt durchlaufen, erinnert mich stark an Brandenburg. Der Boden ist genauso mit hellem Sand bedeckt und mit hohen, nadeligen Bäumen ausgestattet wie in der tiefsten Mark. Als wir aus den Alpen zurück nach Berlin gefahren sind, habe ich gegen Ende der Fahrt geschlafen und als ich aufgewacht bin, war mir sofort klar, dass wir in Brandenburg sind, manchmal erkennt man es an der typischen Vegetation.
| Spaniens Brandenburg |
Nach drei Stunden kommen wir in St. Juan an und verdrücken uns in die erstbeste Bar, um die knurrenden Mägen zu beruhigen. Eigentlich dachten wir, dass wir noch zwei Stunden vor uns haben. Den Kirchturm am Horizont hielten wir für eine Einsiedelei, die wir hätten passieren müssen. Zum Glück war dem nicht so.
An dieser Stelle laufen wir wieder versetzt, ich muss mein Tempo verlangsamen, denn die Sehne meldet sich wieder. Vor uns liegt Atapuerca, wo ich meinen linken Schuh aufbinde und nur noch durch die unteren Schnürsenkel wieder schließe, so hoffe ich den Druck auf meine Sehne zu verringern. Atapuerca hat nicht viel außer einer nennenswerten Geschichte zu bieten. Durch den Bau einer Eisenbahnlinie sind über 800000 Jahre alte Gesteinsschichten angeschnitten worden, in denen Archäologen Überreste von menschlichen Knochen gefunden haben. Diese wurden auf eben jene Zeit datiert und zählen zu den ältesten menschlichen Überresten in Europa, der Menschentyp erhielt den Namen Homo antecessor, „Vorgänger“. Von wem stammen wir nun ab? Vom afrikanischen Homo sapiens oder dem europäischen Homo neanderthalis, der ja wiederum auf den Atapuerca-Menschen zurückgeht? Oder sind wir ein Mischling? Vielleicht kommen wir ja alle aus Atapuerca. Dem zu Ehren wurde über der Ausgrabungsstätte ein archäologisches Museum errichtet, es liegt jedoch abseits des Weges und würde uns vieler Stunden berauben, deshalb haben wir dafür leider keine Zeit. Beim Verlassen des Dorfes laufen wir an einer Einheit des spanischen Militärs vorbei, der Zugführer trägt eine deutsche Uniform oder um genau zu sein, hat er die deutsche Flagge auf seine Schultern gestickt, da lässt sich doch vermuten, dass er Deutscher ist. Die Soldaten sind mit Marschgepäck ausgerüstet, bewaffnet und überholen uns beim Aufstieg, die müssen ordentlich schwitzen in ihren Uniformen. Der Berg, den wir erklimmen ist leider viel zu klein, ich hab einen Narren gefressen an den trockenen Bäumen und dem dürren Boden, dessen scharfe Steine bereits heraus gewittert sind. Diese Szene dauert mir zu kurz an, es ist als müsste man einen Hindernisparkour laufen. Oben auf dem Gipfel finden wir Eric, der sich verschnaufend auf einen Felsblock gesetzt hat. Vor hier aus kann man Burgos schon sehen, es sieht nicht einmal sehr weit aus und es ist erst ein Uhr nachmittags. Eigentlich wollen wir heute nicht nach Burgos, das erscheint uns zu weit, stattdessen zielen wir auf ein Dorf kurz davor, dass sich irgendwo schräg zu unserer Linken befindet. Aber Judith kommentiert das folgendermaßen: „Es ist, als würde man vor der Torte sitzen und sie nicht essen“, da stimmen wir ihr beide zu. Also nach Burgos, nur nicht die Jakobsroute entlang, denn die macht einen Schlenker nach Süden, wir laufen zwischen den Feldern und kürzen damit ein wenig ab. Dieser Weg ist nur nicht ausgeschildert, wir müssen das eine oder andere Mal jemanden nach dem Weg fragen und die Spanier zeigen sich alles andere als begeistert, dass wir den Camino verlassen haben. Trotzdem wird uns geholfen. Burgos ist weiter weg, als wir dachten, durch die Nachmitagshitze und unseren angeschlagenen Füßen brauchen wir beinahe ewig, Judith und Eric laufen weit vorne weg.
Vorerst quartieren wir uns in einem Diner ein, wo wir eine sehr lange Pause einlegen, hier gibt es kostenloses Internet, es ist jedoch hoffnungslos langsam. Eric weigert sich um vier weiterzugehen, er will uns später folgen, wir nehmen zu zweit die letzten sechs Kilometer auf uns. Mein Reiseführer schreibt, dass Burgos komplett überschätzt wird, sollte man sich durch die industrielle Vorstadt nähern, genau das tun wir, die Straße ist lang, schnurgerade und Schatten gibt es nicht.
Um 5 Uhr erreichen wir die städtische Herberge, die ist riesig groß, aber wen wundert das, denn es gibt kaum Alternativen in Burgos. Ich glaube hier kommen 200 Pilger unter, an der Rezeption bezahlt man 4 € und bekommt ein Bett zugewiesen und weil das Gebäude für eine Herberge sehr hoch ist, hat man einen Fahrstuhl gebaut, um die sechs Etagen zu versorgen, wir schlafen quasi unter dem Dach.
Um noch ein wenig Burgos zu besichtigen, verlasse ich die Herberge, irgendwo über mir höre ich jedoch eine Gitarre, das zieht mich magisch an und ich folge der Musik bis in den Nebeneingang, wo ich plötzlich Eric finde. Er schickt mich auf den Balkon, dort sitzen zwei Pilger, einer mit Gitarre, eine mit einer kleinen Harfe und spielen irische Volkslieder. Wie sich herausstellt verdienen sie sich auf die Art das Geld, um sich auf der Reise über Wasser zu halten. Unter den Zuschauern ist auch Jan aus Larrasoaña, ich hatte gewettet, dass wir uns nie wieder sehen. Die Gelegenheit packe ich beim Schopf und frage ihn um Rat wegen meines Fußes.
„Erstens: schnüre seine Schuhe nicht bis oben hin zu, dein Bein braucht Platz und darf nicht eingedrückt werden“, erklärt er mir.
„Zweitens: massiere deine Sehne so oft du kannst, streiche rauf und runter, das regt die Blutzirkulation an und hat mir meine Achillessehne gerettet. Drittens: schmier dir Voltaren rauf“ und er zückt eine Tube davon aus seiner Tasche, notiert mir den Namen und gibt mir die erste Ladung gratis. „Viertens: geh langsamer, wenn du es nicht behandelts, bekommst du eine Sehnenscheidentzündung.“
„Und warum ist es ausgerechnet der linke Fuß?“, frage ich.
„Das ist anscheinend dein dominanter Fuß, jeder Mensch hat einen, genauso wie du eine dominante Hand hast, mit der du schreibst. Mit deinem dominanten linken Fuß verrichtest du mehr Arbeit als mit dem Rechten. Deshalb laufen Menschen auch im Kreis, wenn man sie alleine in der Wüste aussetzt. Viel interessanter ist es dann, wenn man zwei Menschen mit unterschiedlich dominanten Füßen nebeneinander durch die Wüste schickt. Beide würden sich ergänzen und strikt geradeaus laufen.“
Die Apotheken haben leider schon geschlossen, aber morgen ist auch noch ein Tag, für’s erste bin ich mit guten Ratschlägen versorgt. Mein Sightseeing ist beendet bevor es überhaupt begonnen hat. Wir drei sind hundemüde und fallen früh ins Bett.
zurückgelegte Strecke: 288 km
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen