Von Najera nach Grañon (29 km)
Ich danke Eric auf Knien für das Hackenpflaster, es passt sich perfekt der Fußform an, klebt hervorragend und ich spüre überhaupt nichts mehr, so stelle mir das vor. Im Schlafsaal gab es ein monströses Schnarchkonzert, in meiner nächtlichen Verwirrtheit habe ich öfters meine Ohrenstöpsel entfernt und bin kurz darauf vom Lärm aufgewacht. Hätte ich an der Wand gelegen, wäre das bestimmt nicht passiert, ich glaube die frische Luft kommt nicht bis dorthin. Entweder sind dort alle erstickt oder die halten Winterschlaf wie die Bären.
| Irgendwann nach Sonnenaufgang |
Vor dem Supermarkt treffen wir Daniel, ein Pilger, der in Sachsen gestartet ist, nachdem er Arbeit und Wohnung verloren hat. Er spricht nur deutsch und hängt sich wie eine Klette an mich, weil ich für Judith und Eric übersetzen kann. Ehrlich gesagt, möchte ich mich nicht weiter mit ihm auseinander setzen, aber er lässt nicht locker, mir kommt er aufdringlich vor. Als er uns um etwas Geld bittet, weil er keines hat, helfen wir ihm aus und ich bin dankbar, als er uns verlässt.
Um die Deutschen mache ich auf dem Camino einen Bogen, sofern das möglich ist, die Quote liegt bei 30%. Ich möchte eigentlich keine Deutschen kennen lernen, das kann ich jeden Tag zu Hause machen, hier reizen mich vielmehr die anderen Länder und Kulturen. Manche Deutsche verstehen das nicht und fühlen sich schnell beleidigt, was mich darin nur bestärkt. Das soll nicht heißen, dass alle Deutschen schlecht sind, in dem Fall sollte ich aus meinem Heimatland rasch verschwinden, es gibt ebenso viele nette. Jan aus Larrasoaña und Susanne, die ich in Viana kennen gelernt habe, sind ein passendes Beispiel.
Wir lassen Daniel hinter uns, Harry hat sich hier in einer Herberge einquartiert, und betreten die heiße und staubige Ebene am Ortsausgang von Santo Domingo. Die einzige Möglichkeit die Schmerzen an meiner Sehne anzugehen, ist stark an Tempo zuzulegen und ich rausche an meinen verblüfft dreinschauenden Begleitern vorbei. „Was tust du Christian?“, kann mir Judith noch hinterherrufen.
„Ich bekämpfe den Schmerz“, schreie ich zurück.
„Nein, lass das, du bekommst nur wieder Blasen“
„Wir sehen uns in Grañon“, und weg bin ich, wenig später überhole ich Jytte und Susanne, die mir genauso überrascht hinterher schauen. Die Methode funktioniert, mein Leid verschwindet, in Grañon warte ich auf die Nachhut und wir suchen die Herberge, die wir zuerst nicht finden, denn sie ist in einer Kirche untergebracht.
![]() |
| Gemeinsames Essen in der Herberge |
Die Unterkunft ist der Wahnsinn, und zu Recht kann ich sagen, dass es die beste Herberge auf dem gesamten Weg war. Die Nebengebäude und das Dach der Kirche sind umfunktioniert worden, im Obergeschoss gibt es einen großen Saal, in dem ein Klavier und eine Gitarre nur darauf warten, in die Hand genommen zu werden. Das Gemäuer erinnert stark an eine mittelalterliche Burg, es ist eng und verwunschen, dicke Holzbalken stützen das Dach und das ganze ist auf Spenden basiert. Manchmal ist es unverständlich, wie Herbergen zehn Euro verlangen und nichts bieten und andere kein Geld erwarten und dafür ein Paradies erschaffen. Hier ist es sehr gemütlich und sauber. Unsere Betten sind weiche Matratzen, die im Erdgeschoss in einer Kapelle auf dem Boden ausgelegt wurden. Zum Abendessen werden wir bekocht, jeder kann etwas beisteuern. Uns wird Zuchini-Suppe, Salat, Melonen, Brot und Wein serviert. Alles ist dermaßen gut zubereitet, dass ich kein Fleisch vermisse und normalerweise esse ich viel Fleisch. Mit am Tisch sitzen 47 Pilger aus 16 Nationen, jede bekommt ihre eigene Erwähnung und Applaus, darunter sind ein Brasilianer, ein australisches Pärchen, einige Kanadier, eine Südafrikanerin und viele viele mehr.
Im Hof sehe ich Bernard, der sich gerade von Mary aus den USA die Füße massieren lässt. Sofort überbringe ich Judith und Eric diese freudige Nachricht, schließlich wären wir gerne mit ihm die letzten beiden Tage gelaufen. Aber er gibt vor uns nicht zu kennen. Im ersten Moment wirkt er ein wenig neben sich, deshalb denken wir, dass er sich einen Sonnenstich oder was auch immer geholt hat. Doch Eric kitzelt mehr aus ihm heraus, er nimmt es uns krumm, dass wir Logroño ohne ihn verlassen haben, weiter möchte er jedoch nicht darüber reden und ignoriert uns nach allen Regeln der Kunst.
Dessen ungeachtet fangen wir uns wieder und nachdem mich Eric nach einer guten Partie Schach besiegt hat, findet nach dem Gottesdienst und dem Abendessen das gemeinsame Gebet im Chor der Kirche statt. Ich will unbedingt hingehen und kann Eric dazu überreden mitzukommen. Im Chor ist es sehr düster, nachdem jeder einen Platz gefunden hat, werden einige Teelichter und die Pilgerkerze angezündet. Diese wird herumgereicht, wobei jeder die Möglichkeit erhält, etwas zu sagen, sich bei den Leuten zu bedanken, ihnen eine gute Reise zu wünschen oder einfach nur zu schweigen. Als eine Schwedin an der Reihe ist, singt sie uns ein schwedisches Kirchenlied vor, sie hat eine fabelhafte, engelsgleiche Stimme und in Kombination mit der guten Akustik des Chorgestühls, soll sich jeder das Beste darunter vorstellen.
zurückgelegte Strecke: 223 km

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen