| Südseite der Kathedrale |
Wir nehmen uns einen Tag frei, so war es abgemacht, Burgos als größte Stadt auf dem Camino francés eignet sich wunderbar dafür. Das heißt, dass wir heute Morgen ausschlafen können, es ist geradezu ein Luxus nicht den Wecker auf 5 Uhr stellen zu müssen. Aber um 7 Uhr erwachen wir auch, erstmal wird es langsam hell und sowieso sind die meisten Pilger wach und machen einen Höllenlärm, ganz so, als würde ohnehin niemand mehr schlafen.
Um 8 Uhr müssen wir die Herberge verlassen, der Besenwagen in Gestalt des Rezeptionisten zieht durch die Stockwerke und zitiert uns auf Spanisch hinaus. Die Sonne geht just in diesem Moment auf und taucht die Kathedrale, die gleich neben der Herberge liegt, in ihr gelbes Licht. Judith zieht los, um sich einen Kaffee zu ergattern, Eric ignoriert den Besenwagen und gönnt sich eine morgendliche Dusche. Ich mache mich vor der Kathedrale breit und genieße mein Frühstück im Sonnenaufgang. Jan kommt vorbei und möchte in der Kirche noch rasch ein Stoßgebet zum Himmel schicken, bevor er weiterläuft. Bei dieser Gelegenheit betrete ich zum ersten Mal das Kirchenhaus, es ist ungelogen ein gewaltiger Bau, das lässt sich von außen schon erahnen, nur von innen sieht es um mehrere Dimensionen größer aus. Ich stehe im Vorschiff und komme von hier leider nicht in das Hauptschiff, dazu muss ich durch einen anderen Eingang gehen, der um diese Uhrzeit noch verschlossen ist.
| Jakob als Matamoros |
In Burgos gibt es offiziell zwei Herbergen, die eine ist die städtische von letzter Nacht, die zweite liegt davon nicht weit entfernt an einem hübschen Platz, die Existenz der dritten Herberge scheint nicht bestätigt, jeder sagt etwas anderes, gesehen habe ich sie nie, sie soll aber weit außerhalb der Altstadt liegen. Die Herbergen werfen morgens ihre Gäste hinaus, putzen einmal durch und öffnen frühestens zur Mittagszeit, so auch jene, die ich mir nun ausgesucht habe. Davor sammeln sich bereits die Iren Micheal und Louis, Eva, die ich in Grañon kennen gelernt habe, kommt kurz vorbei. Sie hat die Stadt gerade betreten und ergattert sich einen Platz in der städtischen. Unsere ist privat geführt und zählt an die 16 Betten. Der Besitzer verweigert mir jedoch den Eintritt. Michael, Louis und eine andere Pilgerin kamen ebenfalls gestern nach Burgos und setzen heute einen Tag aus. Bei den dreien hat der Besitzer noch ein Auge zugedrückt, als er allerdings meinen gestrigen Stempel sieht, fährt er aus der Haut und bombardiert mich auf Spanisch. Ich verstehe kein Wort, sein Kopfschütteln und sein Affekt sagen mir genug, dass hier für mich nichts zu holen ist. Eine Pilgerin kann ihn jedoch verstehen und übersetzt mir ins Englische, dass es eine Schande sei, nicht zu laufen, obwohl man doch auf Pilgerschaft sei. Er nimmt generell nur Pilger auf, die mindestens zehn Kilometer nach Burgos gelaufen sind. Falls ich am Ende des Abends keine Unterkunft finde, wäre er eventuell bereit, mir einen Platz auf dem Fußboden anzubieten. Betrübt ziehe ich von dannen. Vor der Herberge treffe ich Eric, der mit Judith in einem Hotel untergekommen ist. Ganz ohne Bett bleibt man natürlich nicht, im Ernstfall gehe ich ins Hotel, nur passt das nicht in meine Finanzen und würde mitunter das Geld für zwei Tage verschlingen und so früh auf der Reise will ich nicht an meine Reserven treten. Wir werden sehen.
| Brenda, Ich, Udo, Bill, Anne, Harry, Nicolien |
Ich gehe zurück zur städtischen Herberge, um dort mein Glück zu versuchen, und ein wahres Glück treffe ich dort auch wirklich. In der langen Schlange, die bis auf die Straße reicht, stehen Harry und Bill, just in diesem Moment kommen Anne und Brenda aus der Richtung der Kathedrale und rufen mir fröhlich zu. Die Freude des Wiedersehens ist groß, ich dachte mir schon, dass die beiden einen Tag hinter mir sind, aber ich hätte nie damit gerechnet sie jemals wiederzusehen. Nachdem sich beide einquartiert haben, bin ich an der Reihe. Gott sei Dank erwische ich die Frau an der Rezeption und nicht den Kerl, denn der hätte mich ganz bestimmt nicht noch einmal hinein gelassen. Die Frau war auch erst skeptisch, dann machte ich ihr die Lage mit meinem Fuß deutlich. Das muss natürlich nichts bedeuten, ich könnte schließlich auch das Blaue vom Himmel erzählen, aber die Tatsache, dass ich in der privaten Herberge keinen Platz bekommen habe, stimmt sie um und sie gewährt mir gnädig eine weitere Nacht.
Wir befinden uns mitten in der Siesta, da hat nichts offen und obwohl ich heute nur ein wenig durch die Stadt gelaufen bin, brauche ich meine eigene Siesta. Dieser Rhythmus hat sich in den letzten Tagen durchgesetzt, nach der Tagesetappe, dem Duschen und Wäsche waschen, wurde eine Mittagsruhe eingelegt, im besten Fall schläft man 20 Minuten und ist danach wie neugeboren.
| Anne, Bill und Brenda haben Spaß |
Im Anschluss an meine Wiedergeburt besichtige ich endlich die Altstadt, im großen Park, der sich am Fluss entlang zieht, schreibe ich meine Postkarten und Briefe, werde jedoch bald von den Fliegen vertrieben. Es wird Zeit für de Kathedrale. Eine gewöhnliche Kirche ist es nicht mehr, zumindest der Hauptteil ist mittlerweile zu einem Museum umfunktioniert worden. Drinnen ist es schier gewaltig, man könnte alle kirchlichen Kunstwerke auf einen Haufen werfen und würde damit wahrscheinlich noch immer nicht an das Pensum der Kathedrale von Burgos herankommen. Jede Ecke, jede noch so kleine Winzigkeit, ist verziert, verschnörkelt, ausgearbeitet und jede Aussparung mit Bildhauereien versehen worden. Entlang des Hauptschiffes finden sich mehrere kleine Kapellen, zu Ehren der christlichen Heiligen, gewidmet den längst toten spanischen Adligen, die es wohl gestiftet haben. Und dann gibt es noch die großen Kapellen, die aber eher die Größe von normalen Kirchen haben und als Gotteshäuser im Kleid von Nebengebäuden für die Gläubigen offen stehen. So viel Gold und Silber an einem Platz habe ich das letzte Mal in der Altstadt von Dubrovnik (Kroatien) gesehen, als uns der Bischofsschatz gezeigt wurde. Der touristische Andrang ist groß, die Nischen sind mit steinernen Sarkophagen wichtiger Personen der Christenheit gefüllt. Ebenso gut hätte man den Leichnam von Jesu Christi ausstellen können, es hätte nichts an diesem pompösen Ambiente geändert.
Burgos muss einst eine überaus reiche Stadt gewesen sein, wenn sie sich solch ein prunkvolles und gewaltiges Bauwerk leisten konnte.
Gegen Abend lädt uns Bill zum Essen ein, denn morgen fliegt er wieder heim, es war von Anfang an sein Ziel nur bis Burgos zu laufen. Neu in der Runde sind Nicolien aus den Niederlanden sowie Thomas und Udo aus Deutschland. Es ist eigentlich unbeschreiblich wie schön es ist, mit all diesen Wanderern aus verschiedenen Ländern an einem Tisch zu sitzen, zum Verständnis aller sprechen wir fast nur Englisch. Genau aus diesem Grund meide ich die Deutschen (von Thomas, Udo und sehr wenigen anderen einmal abgesehen), man findet sie häufig in großen Gruppen und auf Deutsch nörgelnd. So habe ich es bisher bei jedem Sommerurlaub erlebt, am Anfang der Reise glaubt man der einzige Deutsche im Hotel zu sein und nach einer Woche hat sich schon eine große Traube gebildet, die wie eine Klette aneinander hängt. Da hab ich es doch lieber bunt durchmischt, so macht es am Meisten Spaß.
Dort, wo wir sitzen, ist es mit einem Mal sehr laut geworden. Zum einen gibt die Kathedrale ein 15-minütiges Glockenspiel zum Besten, zum anderen findet vor der Kathedrale ein Theaterstück lärmigster Güte statt.
Nachdem wir das Weingelage beendet haben und recht müde sind, trennen wir uns vor einem Pub, Bill weigert sich den Abend nicht mit mindestens einem Guinness zu beenden, die Iren sind allesamt dabei, wer hätte das gedacht.
Der Matamoros ist ein beliebtes Motiv für spanische Kunstwerke. Diesen Beinamen erhielt der Apostel Jakob der Ältere, dessen Gebeine in der Kathedrale von Santiago liegen und wegen dem wir auch überhaupt erst den Camino laufen. Jakob ist in Spanien zum Nationalhelden avanciert, die Könige, die vor und während der Reconquista gegen die Mauren oder andere Nicht-Christen zu kämpfen hatten, führten den Sieg stets auf den Heiligen zurück. Die Entdeckung seines Grabes gab der christlichen Pilgerschaft einen ordentlichen Schub und begünstigte natürlich den Krieg gegen die Araber. So gesehen half Jakob dabei, die iberische Halbinsel von den Mauren zu "befreien", gerade so, als wäre er selbst in der Schlacht zugegen gewesen und hätte alles "Böse" niedergemetzelt. Eigens dafür stellt man den Matamoros stets auf einem Pferd mit einem Schwert in der Hand dar, unter den Pferdehufen liegen die sterbenden Araber.
Man merkt, im katholischen Spanien hat makabere Kunst durchaus ihren Platz, nicht in Nischen, sondern groß, golden und für alle zu sehen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen