Donnerstag, 19. Januar 2012

Tag 16 14.9. Die löwenhafte

Von El Burgo Ranero nach León (38 km)
Neues Ziel?
Heute geht es endlich nach León, darauf habe ich schon lange gewartet, mein Freund Sebastian hatte León nach 14 Tagen Wanderung erreicht, ich liege zwei Tage dahinter, das ist noch okay. Wir verlassen wieder sehr früh die Herberge, jetzt, wo ich wieder mit Judith zusammen laufe, frühstücke ich auch wieder ordentlich. Im Alleingang habe ich mir jeden Morgen im Laufen einen Apfel gegönnt und das war es dann meistens auch schon bis zum Mittagessen. Durch Judith nehme ich mir dann mehr Zeit und esse einen Joghurt, immerhin,oder verschwinde im nächsten Dorf im erstbesten Café, der Einfluss einer Wandergruppe grenzt sich deutlich vom Solo-Lauf ab, in der Gruppe macht es auf Dauer auch mehr Spaß.
Enger Weg
Trotzdem gehen wir bald wieder alleine, wir haben immer noch eine klare mondhell beschienene Nacht und die Straße zieht sich wieder endlos hin bis zum Horizont, ohne, dass ein Ende in Sicht ist. Kurz vor Sonnenaufgang habe ich meine erste Begegnung mit der Handtuch-Oma, wie ich sie getauft habe. Hier kommen wieder meine Vorurteile gegenüber Deutschen ans Tageslicht. Ich bin erst an diesem Ehepaar vorbei gelaufen und hatte mich danach kurz hingesetzt, um einen Blick auf die Karte zu werfen. Als die beiden mich überholten, musste die Frau tatsächlich innehalten und mir die Schulter streicheln mit den Worten „Ach, und noch so ein junger“. In einer Sekunde hatte ich entschieden, dass ich diese Frau niemals besser kennen lernen wollte. Warum ich sie Handtuch-Oma getauft habe? Das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
Morgens zu wandern macht nicht sehr viel Spaß, wenn man niemanden zum Reden hat. Es gibt keinen Ansporn, nichts, dass einen vorwärts treibt. Wenn die Sonne ballert, möchte man nur noch am Ziel ankommen und läuft, was das Zeug hält, die Aussicht ist auch dann viel besser. Am Morgen ist es dunkel, das hat seinen Reiz, aber mehr auch nicht.
Eine neue Blase hat sich gebildet, an einem Zeh, das kommt wahrscheinlich davon, dass meine Zehen in den Schuhen sehr eng zusammen gedrückt werden und stärker aneinander reiben. Pünktlich zur Ladenöffnung bin ich in Mansilla de las Mulas, hier ist Halbzeit und ich nehme die erste Bar, die meinen Weg kreuzt. Das Gras ist noch wunderbar nass vom Morgentau, eine Wonne für die Füße.
Stierkampfarena von León

Während ich mein Bocadillo genieße und die Füße hochlege, kommt Udo auf einen kurzen Moment vorbei. Er ist gestern auch in El Burgo Ranero geblieben, allerdings in einer anderen Herberge. Ich frage nach Thomas und Nicolien.
„Du Christian, die sind noch ein Stück weiter gelaufen“, antwortet er nur und macht sich wieder auf den Weg.
Kurz darauf trifft das schwedische Ehepaar ein und gesellt sich zu mir. Auf dem Weg hierher haben sie Judith überholt, das absolut nicht mehr wandern kann, die Blasen scheinen sie zu malträtieren.  Deswegen haben die beiden ihr Schmerztabletten gegeben, jetzt läuft sie auf Pillen weiter. Sie liegt etwa sechs Kilometer hinter uns, ich beschließe daher nicht auf sie zu warten und folge dem Ruf des Weges, kurz nachdem die Schweden aufgebrochen sind. Hinter dem Ort geht es neben der stark befahrenen und lauten Landstraße weiter, hier wurde extra für die Pilger ein breiter Staubweg gebahnt. Dahinter wird es jedoch dreckig, der Weg verschwindet und mündet in den Seitenstreifen der Straße, die Lastwagen brettern an mir vorbei und wehen mir jedes Mal meinen Hut vom Kopf, den ich zum Glück mit einer Schnur am davon flattern hindern kann. Eine ganze Weile ändert sich nichts an der Wegführung, schließlich bahnt sich der Camino wieder eine eigene Straße, zumindest für ein paar Minuten. Ich bleibe kurz stehen, um mir das Spektakel der vielen Autos anzusehen, da spaziert Mary, fröhlich singend und tanzend an mir vorbei, grüßt frohen Mutes und hüpft davon. Sie hat wohl einen guten Tag erwischt. Das schwedische Pärchen hat sich in ein Restaurant am Weg gesetzt und verspeist ein herrliches Essen, soviel lässt sich aus der Ferne erkennen, und den Wein lassen sie sich auch gut schmecken.
Tot, während der Siesta
Nun wird der Weg grässlich, es muss eine Brücke überquert werden, der Seitenstreifen wird schmaler und schmaler und verschwindet gänzlich, hier muss kalkuliert werden, ob man es noch vor dem nächsten Auto über die Brücke schafft oder nicht. Ich komme glücklich davon, habe aber auch Pilger gesehen, die sich an die Balustrade drückten, um nicht vom Auto gestreift zu werden.
Der Schrecken hat endlich ein Ende, der sich anbahnende Ort Puente Villarente scheint von der stark befahrenen Hauptstraße zu leben, ein Café wünscht jedem Pilger namenhaft „Viel Glück“. Wird das Café von Deutschen betrieben oder spielt der Name auf den hohen deutschen Pilgeranteil von immerhin 30% an?
Den Ort verlasse ich nach rechts und schlage mich durch die Weinberge, hie und da nasche ich an den Trauben, die tatsächlich nicht so süß wie in Rioja sind, aber trotzdem köstlich. Viele Male bilde ich mir ein León am Horizont erkennen zu können, aber das ist nicht möglich, wie ich gleich herausfinde, denn die Stadt wird von dieser Seite von einem Berg verdeckt. Es geht über die große Autobahn hinüber, dankenswerter Weise ist eine Fußgängerbrücke errichtet worden, und schon stehe ich in León. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wo sich die Herberge befindet, ebenso wenig, wo es zur Altstadt geht. León wirkt sehr groß, es ist jetzt etwa 16 Uhr und allzu lange möchte ich auch nicht mehr unterwegs sein. Vor mir läuft eine Pilgerin, die zumindest die Anschein erweckt den Weg zu wissen, sie fragt einen Radpilger nach der Richtung und ich folge ihr vorerst, doch bald wird mir klar, dass sie ganz andere Pläne hat. Mein Reiseführer und ein Schild verweisen auf die öffentliche Herberge, angesichts der späten Stunde denke ich, dass die anderen privaten Herbergen schon voll sind und suche damit die öffentliche. Sie liegt ganz und gar nicht auf der Route, aber direkt neben einer Polizeiwache. Trotz der Größe gibt es Achterzimmer, das ist sehr angenehm, und voll ist sie noch lange nicht.
Als ich mich gerade ausruhe und ins Tagebuch schreibe, betritt ein Pilger, etwa in meinem Alter das Zimmer, wirft seinen Rucksack enthusiastisch auf das Bett und springt munter hinterher. Ich frage ihn, ob er heute mit dem Jakobsweg anfängt.
"Ja", antwortet er, "woher weißt du das?"
"Deine Schuhe sind sauber", lautet die Antwort.
So ist es, er hat klinisch reine, dunkelbraune Wanderstiefel, die sehen sehr neu aus, oder sehr gut gepflegt. Die Schuhe der anderen, meine eingeschlossen, sind bereits mit einer weißen Schicht überzogen, die von den Staubstraßen herrührt. Es beginnen viele Wanderer den Camino in León. Mein Freund Daniel ist diesen Weg auch einmal gelaufen, sein Startpunkt war dabei León. Der Hauptgrund ist meist die Zeit. Da bin ich heilfroh, einen vollen Monat Zeit zu haben, die zwei Wochen bis hierher hätte ich nie verpassen wollen.
Der Tag geht schnell zu Ende und ich will unbedingt in die Altstadt, die Herberge liegt davon exakt eine halbe Stunde entfernt, Vorteil: man sieht viel von León und León ist wunderschön, Nachteil: man verliert eine Stunde. Aber hey, Christian, genieß die Stadt und nimm die Dinge, wie sie kommen. Denn wer weiß, vielleicht hätte sich der Tag anders entwickelt, wenn der Weg kürzer wäre, Schmetterlingseffekt und so. Okay, mal ehrlich, ich glaube nicht daran, sei es drum.
Im Stadtkern treffe ich Ivan, wir beide freuen uns sehr, einander zu sehen. Er berichtet mir von Judith, die vor kurzem eingetroffen ist. Während der Siesta sind die Straßen wie immer leer gefegt, in der Kathedrale macht das einiges her, es ist dann nicht so voll. Und die Kathedrale gefällt mir. Als ich sie verlasse, ist die Mittagsruhe vorbei und die Straßen sind mit einem Mal krachend voll, wie der Alexanderplatz in Berlin.
Leóns Kathedrale

Ich setze mich in ein Café und schreibe ein paar Postkarten, doch kurz darauf kommt der Kellner und vertreibt mich, da ich kein Kunde bin und nur in Ruhe schreiben will, darf ich hier nicht sitzen. Na gut, damit kann ich leben, schade ist nur, dass sich bisher kein einziger spanischer Kellner an dieser Gewohnheit gestört hat, alle ließen mich in Ruhe, dieser lässt mich dagegen gehen. Umso besser, denn nach drei Metern läuft mir plötzlich Judith über den Weg. Ich habe sie lange nicht mehr so strahlen sehen. Sie ist überglücklich endlich in León zu sein, die Schmerzmittel, mit denen sie noch voll gepumpt ist, tun ihr übriges.
Sie erzählt mir, dass sie noch einmal das schwedische Ehepaar getroffen hat, in eben jenem Lokal, an dem ich vorbei lief, während sie aßen. Ihre Teller waren so beladen mit Essen, dass sie alleine nicht damit fertig wurden und Judith baten ihr zu helfen.
Die Kette der Begegnungen reißt nicht ab, kurz darauf finde ich Thomas und Nicolien und jetzt kommt es. Die beiden waren gestern in El Burgo Ranero, aber letztlich wollten sie dort nicht bleiben und sind weiter gelaufen, so weit so gut. Dann wurde es Nacht und sie wollten noch immer nicht Halt machen, nachdem sie an der Straße sitzend eine Packung Chips verdrückt hatten, beschlossen sie, bis nach León zu laufen. Das sind 72 km, die haben doch einen Knacks weg. In der Stadt waren sie etwa um 8 Uhr morgens, haben sich das einzige Hotel gesucht, dass um die Uhrzeit geöffnet hat und sind ins Bett gefallen, um dann wieder um 12 aufzustehen.
Leben nach der Siesta

Bald geht die Sonne unter und ich möchte heute noch die Postkarten zu Ende schreiben, um sie morgen früh in den Briefkasten zu werfen. Nur hat León hinter jeder Ecke eine Überraschung bereit, vor dem Justizpalast findet ein öffentliches Konzert statt, für 20 Minuten höre ich es mir an. Das Bild ist recht komisch, die meisten tragen ihre Abendgarderobe, sind entweder Touristen oder Bürger der Stadt, ich kann nur mit meiner kurzen Hose, meinen in Pflaster eingeschlagenen Zehen, meinem Wanderhemd und meinen Badelatschen aufwarten. Aber wie schon gesagt, man geht als Pilger in der Masse unter.
In der Herberge ziehe ich mich in die Küche zum Schreiben zurück, dazu kommt es aber wieder nicht. Denn dort sitzen noch zwei deutsche Studentinnen, Alex und Maren, die ein Jahr älter sind als ich, und zwei Spanier, Pepe und ein unbekannter. Pepe ist ein sehr guter Läufer, er hat jedoch eine ernste Sehenscheidentzündung und muss den Weg hier beenden. Der andere Spanier war einmal Politiker der spanischen Grünen, so sieht er auch aus. Nicht, dass ich etwas gegen die Grünen habe, er wäre nur wahrscheinlich in keiner anderen Partei aufgenommen worden, mit seinen langen, lockigen und wilden Haaren, er erinnert mich sehr an meinen Gitarrenlehrer.
Keiner von beiden kann Englisch oder Deutsch, Maren, Alex und ich können dagegen auch kein Spanisch. Aber mit Hilfe meines kleinen Wörterbuches und der Mimik und Gestik können wir fünf uns gut verständigen, es ist wie eine Mischung aus Pantomime und Puppentheater, aber wir verstehen einander, ganz ohne eine gemeinsame Sprache.
Maren und Alex studieren Germanistik und Journalismus, ich muss lange raten, um das herauszufinden. Die beiden kommen aber nicht im Entferntesten auf meine Studienrichtung. Sofern der oder die andere überhaupt versteht, dass man Geologie gesagt hat und nicht eher an Theologie oder Biologie denkt (das ist alles schon passiert und wird noch weiter passieren), werden stets zwei Fragen gestellt: „Was macht man da und bekommt man überhaupt einen Job?“
Die schlichte Antwort ist „wir arbeiten mit Vulkanen“ und dann sind alle ruhig, Vulkane kennt jeder und wir werden nicht gleich auf Steine und Dreckwühler reduziert. Aber wir tun auch noch mehr, es gibt immerhin noch Erdbeben, Erdöl, Klima, Wasser, Energiewirtschaft, Ressourcen, Satelliten und einen ganzen großen Haufen. Dann sind die Leute von der Informationsflut erschlagen und still.
Maren und Alex sind zwei Trickserinnen, in Logroño wollten sie nicht mehr laufen und haben heute von dort den Zug bis hierher genommen. Es kommt eh nur auf die letzten 100 km an, aber denen ist so viel entgangen.
Der Abend wird länger, als ich es mir vorgestellt hatte, aber mit so vielen netten Menschen zusammen zu sitzen, macht viel Spaß und entschädigt für die kurze Nacht.
zurückgelegte Strecke: 469 km

Montag, 16. Januar 2012

Tag 15 13.9. Auftritt der Kanadierin

Von Calzedilla de la Cueza nach El Burgo Ranero (40 km)
Am Ende der großartigen Nacht ist von meiner Blase nicht mehr viel übrig, die tote Haut ist ausgetrocknet und wird sich wohl bald lösen, zur Sicherheit klebe ich aber noch ein normales Pflaster darüber.
Es ist eine helle Nacht, beinahe Vollmond, das macht jede Taschenlampe im Prinzip überflüssig, zumal wir ohnehin neben der baumlosen Landstraße laufen. Auf dem Weg gibt es sehr viele Dörfer, so kommt mir die Strecke gleich viel kürzer vor. Es ist trotz der Dunkelheit ungewöhnlich warm und deutet bereits die enorme Hitze im Laufe des Tages an. Der Weg nach Sahagún verläuft absolut ereignislos, wie immer kann man die Stadt schon sehen, gerade als ich die Autobahn erreiche, die dorthin führt. Aber es ist noch weit bis zum Eintritt.
In Sahagún suche ich nach einer geeigneten Gelegenheit zur Pause, ein Café wäre schon ganz nett, eine Bank tut es aber auch, nur auf dem Straßenpoller möchte ich nicht sitzen. Nach langer Suche lande ich an einem Kinderspielplatz und werfe mich auf die einzige freie Bank, die anderen sind von alten Männern oder Müttern mit ihren Kindern belegt.
Während meine Socken und Schuhe in der Sonne trocknen, lasse ich mir den Rest meiner Räucherwurst gut schmecken und labe mich zusätzlich noch an dem Käse. Räuchwerwurst ist etwas feines, hält sich eine Woche im heißen Rucksack und ist auch dann noch genießbar. Ein Kind findet mich anscheinend interessanter als die Tatsache, dass es von der Mutter auf der Schaukel angestoßen wird und lässt mich partout nicht mit seinem neugierigen Blick nicht aus den Augen.
Von Sahagún sehe ich leider nicht mehr als die Straßen, auf denen ich mich zurzeit befinde, ich möchte ja nicht hier bleiben und auch viel lieber weiter laufen. Trotzdem hätte eine Besichtigung ihren Reiz, aber dazu kommt es nicht. Im Endeffekt ist es ganz gut, dass ich nicht getrödelt habe. Beim Verlassen der Stadt bilde ich mir ein Judith in der Ferne erkennen zu können. Bereits auf dem Weg nach Hontanas dachte ich, sie gesehen zu haben, ihr Rucksack und ihr rosa Shirt sahen aus der Ferne nun einmal wie Judith aus, aber nachdem ich die Frau eingeholt hatte, konnte ich sehen, dass ich im Irrtum war.
Und wieder denke ich die Kanadierin zu sehen, diesmal bin ich mir sehr sicher, das ist ihr Rucksack, ihr Basecap, ihr Gang, ich rufe ihren Namen und siehe da, sie dreht sich um. Ja, es ist Judith, die es genauso wenig wie ich glauben kann, dass wir uns hier treffen.
„Ich bin jede Wette eingegangen, dass du wegen deiner Zauberstöcke schon einen Tag Vorsprung hast“, und alles andere wäre nicht die Judith, die ich kenne.
Sie lacht. „Weißt du, ich bin schon seit einer Ewigkeit hier. Jean-Luc und die Jungs haben lange nichts von mir gehört, aber wegen der Zeitverschiebung musste ich bis zum Mittag warten. Dann habe ich zu Hause angerufen, die Kinder vermissen ihre Mami.“
Jeder regelt die Kommunikation mit der Heimat anders. Judith wählt die Herbergen vorrangig nach der Existenz eines Telefons aus, Eric hat viele Postkarten geschrieben, ich schreibe Emails und Briefe, jeder auf seine Art.
„Christian, wie geht es dir? Und vor allem deiner Blase?“, fragt sie mich im nächsten Moment, während wir im Schatten einer Allee die Stadt verlassen.
„Du wirst es nicht glauben“, antworte ich, „aber die Blase ist verheilt. Wir hatten in der gestrigen Herberge einen Pool, wo ich die Füße kühlen konnte. Der Sehne geht es auch besser, die Salbe und der Verband leisten eine gute Arbeit. Und wie steht es um dich?“
„Es ist nicht zu fassen, ich habe meine erste Blase bekommen, auch am Hacken, so wie du. Es tut höllisch weh, ich kann deswegen nicht mehr so viel laufen, wie davor. Das setzt mir zu.“
Das muss man ihr auch glauben, immerhin flog sie uns ständig davon. Jetzt scheint es so, als hätten wir die Rollen getauscht. Sie macht jetzt genau das durch, was mir vorher widerfahren ist.
Wir befinden uns hier auf dem Real Camino, dem königlichen Weg, diese Trasse verläuft entlang der historischen Route aus dem Mittelalter, viele dieser alten Routen gibt es heute nicht mehr. Der Camino de Santiago ist kein direkter Weg zum Apostelgrab, er ist vielmehr eine lange Straße, die alle Dörfer und Städte bis zum Ziel verbindet. Im Zuge der Moderne sind diese Verbindungen durch Landstraßen und Autobahnen ersetzt worden, für den alten Camino blieb dafür nicht viel Platz, aus diesem Grund funktionieren auch die Wegweiser nicht immer, denn oft werden neue Trassen gebahnt, besonders, wenn ein heiliges Jahr vor der Tür steht, dann müssen nämlich die anströmenden Pilgermassen aufgenommen werden.
Kurz hinter Sahagún erwartet uns eine freudige Erfrischung, wie schon nach Logroño, an der Straßenseite hat jemand am Zaun eines Gartens zwei Körbe mit Cocktailtomaten und Pflaumen aufgestellt, alles gegen eine kleine Spende. Danach geht wieder jeder für sich, nicht, dass wir schon die Nase voneinander voll hätten, nur wir finden gerade kein gemeinsames Tempo und ich bin schrecklich durstig, meine Flasche ist beinahe leer, der nächste Brunnen kommt erst in sieben Kilometern, um ihn bald zu erreichen, laufe ich schneller. Das tut manchmal unglaublich gut, es ist schweißtreibend und anstrengend, aber es fühlt sich großartig an. Der Brunnen hat sogar Wasser, auf dem Camino weiß man das ja nie, ich lege mich davor auf den Boden und lasse mich voll laufen, bis Judith nach zehn Minuten das Dorf erreicht.
Hat meinen Schuh attackiert
Das besondere an diesem Wegabschnitt ist nicht unbedingt der alte königliche Weg, eine Krone hat uns bisher niemand aufgesetzt und einem Pagen bin ich auch nicht begegnet, nein, es ist die Adobe-Bauweise, die man hier antreffen kann. Die hat nichts mit der Softwarefirma Adobe zu tun. Als Adobe wird das Material der Hausfassaden bezeichnet, dabei wird bei der Herstellung Stroh zu Lehm gegeben und dieser Brei lange Zeit gestampft, bis sich alles schön verbunden hat, in der Sonne werden daraus Lehmziegel gebrannt oder einfach nur bereits bestehende Hauswände verputzt. Diese Konstruktion ist natürlich sehr kostengünstig, andererseits verfällt das Material nach einem Jahr wieder und muss erneuert werden.
Nach El Burgo Ranero ist es wieder heiß und staubtrocken, aber auch nicht mehr weit. Es gibt hier ungewöhnlich viele Herbergen, vielleicht weil die nächste Unterkunft erst nach mindestens zehn Kilometern kommt. Mir ist es fast egal, wo ich schlafe, eine Küche wäre schon nett, zufällig ist dies auch die einzige Herberge, die ein öffentliches Telefon hat, Judith’s Wahl fällt deshalb auf diese. Der Dachstuhl ist offen, wir haben dadurch einen seltenen Blick in das Gebälk des Daches. In unserem Zimmer schläft unter anderem noch ein deutscher Pilger, der sich sofort an meine Fersen heftet, als er unsere Herkunft erfährt, und mich wie ein Wasserfall beredet. Nach einer Weile bin ich zu müde und falle in einen erholsamen Mittagsschlaf.
Die Küche ist sehr modern, groß und mit allem ausgestattet, was man sich nur wünschen kann, es gibt ein großes gemeinsames Kochen der meisten Gäste, überall fällt etwas zum Naschen ab und der Kühlschrank ist voll mit Resten von gestern. Judith bereitet eine scharfe Pasta zu und ich verkoche ein Pfund Nudeln, das ist nur viel zu viel, trotzdem bleibt noch genug Platz für Schokolade, wie könnte es anders sein. Wir können den Rest der Nudeln leider nicht verschenken, denn alle sind gesättigt und zufrieden, also werden die Pilger morgen eine nudelige Überraschung im Kühlschrank vorfinden.
Wir kommen auf die Sauberkeit in den Herbergen zu sprechen. Hier gibt es Decken für die Nacht, die sind kratzig, aber wärmen, gut, dass wir Inlays haben. Man weiß nie, ob in den Decken nicht Bettwanzen darauf warten über uns herzufallen. Ich versuche das Judith zu erzählen, aber mir fällt nicht das englische Wort für „Bettwanzen“ ein, also versuche ich es zu umschreiben.
„Ich meine die kleinen Tierchen, die dich beißen, sodass du am Morgen rote und juckende Stellen am Körper hast“
„You mean bogs?“, fragt sie mich.
„Bogs?“ Das Wort kenne ich nicht, zumindest nicht in dieser Aussprache.
„Oh, you want to say bugs“, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich, „bugs“ ist das richtige Wort für Bettwanzen. Ihr französischer Akzent kam wieder einmal ans Tageslicht, bogs statt bugs. Man hört es ebenso, wenn sie „because“ sagt, mein Lieblingssatz im Französisch-Englischen stammt jedoch von Eric: „We have to go over the ‚ill“, ein Traum, das Wort „hill“ für Hügel bekommt er nicht hin. Diese winzigen Details amüsieren mich immer wieder. Wen wundert es, Französisch ist Judith’s Muttersprache, erst in der Schule hat sie Englisch gelernt, und wüsste ich nicht, dass sie aus Quebec kommt, hätte ich sie in den USA eingeordnet, um ehrlich zu sein, ist mir das passiert, als wir uns in Villamajor kennen gelernt haben.
„Ich hatte bisher noch keine Bettwanzen“, fährt sie fort. „Bernard hat mir erzählt, was ich tun soll, falls es passiert.“
Jetzt hat sie mich. Auf dem Camino wird man die Viecher nicht mehr los, aber bitte doch zu Hause, denn die will man sicher nicht einschleppen.
Judith malt ein schreckliches Bild: „Die können dir das ganze Haus auffressen“.
„Nein, jetzt übertreibst du aber“, ich kann es wirklich nicht glauben, in der Hinsicht bin ich skeptisch, aber ich hatte auch noch nie Bettwanzen, von daher weiß ich das nicht.
„Doch. Aber damit es nicht dazu kommt, musst du alles, was du von der Reise mitbringst, draußen lassen und bloß nicht mit ins Haus nehmen. Eigentlich hast du nur drei Möglichkeiten. Du kannst dich deiner Klamotten bereits vorher entledigen, deshalb verbrennt man auch seine Kleidung in Finisterre. Aber wenn du später noch etwas von deinen Sachen haben willst, kannst du sie kochen oder einfrieren, angeblich müssen sie mehrere Tage im Kühlfach liegen.“
Weil sie den Behandlungsplan auch nur aus Erzählungen kennt, ziehen wir das Internet zur Rate und gehen mehr oder weniger dreisprachig vor. Englisch ist die Sprache, in der wir uns beide verstehen, aber in der jeweiligen Muttersprache finden wir schneller Ergebnisse. Deshalb wechseln wir oft zwischen Wörterbuch und den Internettexten, ich suche nach Bettwanzen und Judith nach Punaise de lit. Wie sich herausstellt, sollten die Kleidungsstücke eine Woche bei -15°C in der Kühltruhe liegen, im Falle eines ganzen Rucksackes müsste man schon auf einen kalten Winter in Deutschland warten. Des Weiteren kann man die Sachen auch kochen, vorgeschrieben sind hier drei Minuten bei 70°C, aber wie klein ist danach die Wäsche?
Noch haben wir keine Bettwanzen und hoffentlich bleibt das bis zum Ende so. Der Buschfunk auf dem Camino funktioniert ausgezeichnet, mir ist von einem Pilger berichtet worden, der am ganzen Körper von Bettwanzen gebissen worden ist. Auf diese Art und Weise habe ich auch von den drei Salzburgern gehört, die von Österreich bis hierher am Stück gelaufen sind.

zurückgelegte Strecke: 431 km

Donnerstag, 5. Januar 2012

Tag 14 12.9. Durch die Wüste

Von Fromista nach Calzedilla de la Cueza (38 km)
Mein Reiseführer beschreibt den zweiten Teil dieser Etappe wie folgt: „Páramo: kalte, öde Gegend steht im Spanisch-Lexikon. Die Öde und Eintönigkeit wird bald offenbar, die Kälte wird man allerdings in den Haupt-Pilgermonaten Juni bis September kaum spüren können, dann brennt nämlich die Sonne ohne Unterlass auf die verbrannten Stoppelfelder, und Schatten gibt es weit und breit nicht. Da lohnt es sich, eine Flasche Wasser zusätzlich eingepackt zu haben, auch wenn der Rucksack aus den Nähten platzt“.
In diesen Sätzen steckt mehr Wahrheit, als mir vorher bewusst war. Aber dazu später mehr.
Die Franzosen schlummern friedlich vor sich hin, als ich um 5 Uhr mucksmäuschenstill aus dem Bett springe, die Herberge verlasse ich als Erster. Die finstere Nacht wird durch den prallen Vollmond hell erleuchtet, eindrucksvoll sieht dies vor allem am erhöhten Autobahnzubringer aus, von wo mir eine weite Sicht auf die große Landschaft gewährt wird. Der Weg kreuzt eine verlassene Villa, die hervorragend in einem Gruselroman gepasst hätte. Anschließend läuft man nur noch parallel zur Landstraße, von Zeit zu Zeit wird der steinige Weg durch die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos beleuchtet. Thomas sagte mir bereits die demotivierende Wirkung der Kilometersteine voraus, die Markierungen sind an jedem vollen Kilometer platziert, so weiß man immer, wie weit es noch bis Carrion de los Condes ist, wo ich Halbzeit habe. Aufbauend ist es keineswegs, immer wieder daran erinnert zu werden, dass man noch 15 km vor sich hat, und zwanzig Minuten später noch 14 km.
Der Sonnenaufgang ist wahnsinnig, eine deutsche Pilgerin hat mir gestern dazu geraten, mich so oft es geht umzudrehen, damit man den richtigen Moment nicht verpasst. Wir gehen stetig nach Westen, um den Sonnenaufgang zu erleben, müssen wir nach hinten blicken und wenn es zu spät ist, verpasst man den allerersten Sonnenstrahl, wie er über den Horizont kriecht. Also heißt es immer nach hinten zu schauen und sich im Rücken Augen wachsen zu lassen, es zahlt sich aus, wenn die ersten Sonnenstrahlen blenden und der rote Ball schnell höher steigt. Sofort wird es wärmer und ich muss meine Jacke ausziehen.
Gegen 8:30 laufe ich durch Villalcaza de Sigu, die Kirche hier soll sehr schön sein, quasi ein Muss für den Durchreisenden, jedoch öffnet sie erst in eineinhalb Stunden, das ist zu spät für mich. Nach Carrion ist der Weg nicht sonderlich schwer, er findet nur kein Ende, hilfreich ist auch nicht, dass ich die Etappenhälfte schon am Horizont erkennen kann, wir haben aber gelernt, dass es noch lange nichts heißen muss. So wie auch bei Burgos, ist es noch ein Zwei-Stunden-Weg. Die Stadt ist sehr schön und belebt, das erste Café, das den Weg kreuzt, wurde von der Pilgerschaft bereits annektiert, dort treffe ich auch Udo und Nicolien, die bald nach meiner Ankunft wieder aufbrechen und weitermarschieren. Nicolien lässt mehrere Seiten aus ihrem Reiseführer zurück, sie reißt immer die alten Seiten heraus, schließlich braucht sie diese nicht mehr, und wie sie meint, reduziert sich damit das Gewicht im Rucksack merklich. So habe ich ein wenig niederländische Lektüre, während ich mein Napolitana verspeise, wenn man den Kontext kennt, ist Niederländisch gut zu lesen, das ist wahrscheinlich aber auch die einzige Sprache in Europa, die dem Deutschen so sehr ähnelt, obwohl mir da noch Jiddisch einfällt.
Kein Schatten, weit und breit
Nachdem ich meinen Essensvorrat im Supermarkt aufgestockt habe, muss ich die Wüste durchqueren. Dieses Stück Weg ist der einsamste und wohl auch trockenste Teil des Camino francés, denn auf 17 km gibt es kein einziges Dorf. Zuerst gehe ich auf einer langen asphaltierten Landstraße, die sich schnurgerade bis in die Unendlichkeit zieht. Links und Rechts stehen wenige Bäume, die nur dürftig Schatten spenden. Schließlich mündet die Straße in einen Staubweg, mit den Bäumen ist es hier vorbei, die wenigen, die hier noch stehen, können das heiße Sonnenlicht nicht einmal im Ansatz dämpfen. Nach sechs Kilometern soll es einen Brunnen geben, viel gebe ich darauf nicht, trotzdem will ich dort meine Mittagspause machen und meine Wasserflasche gehörig voll machen.
Der Brunnen ist durch eine schwere Betonplatte abgedeckt und ausgetrocknet, in mehreren Sprachen steht darauf geschrieben: „seca, dry, trocken“. Auf den Picknickbänken davor sitzen zwei Franzosen, die sich dennoch ihr Mittagessen mit Hilfe eines Campingkochers zubereiten. Weil der Brunnen trocken liegt, fällt die Mittagspause flach, denn ich würde meine Wasserflasche wahrscheinlich leer trinken, wenn ich jetzt mein Essen auspacke. Susanne läuft am Rastplatz vorbei und winkt mir erschöpft zu. Ich schultere meinen Rucksack und stakse ihr hinterher durch die Trockenheit. Die Landschaft sieht toll aus, verdursten tut man gewiss nicht, meine Flasche fasst 0,7 Liter, dass kann ich mir für 17 km gut einteilen, zusätzlich habe ich noch eine leicht befüllte 0,5 Literflasche dabei, falls ich überhaupt kein Wasser mehr habe. Außerdem gibt es für den Verzweifelten in den Sommermonaten einen Picknickplatz auf der Hälfte der Strecke, dort steht für gewöhnlich jemand, der Getränke verkauft. Susanne wirft sich in einen Stuhl und genehmigt sich ein kühles Dosenbier, ihr Bonner Gemüt will wohl den Karneval früher feiern, der Verkäufer schaut mich böse an, weil ich nichts kaufe, mich aber auf einen Stuhl setze und ausruhe, als würde ich ihm sein Geschäft verderben.
Bald muss ich weiter, bloß raus aus der glühenden Hitze, Spanien kann gut und gerne eine Armada an Getränkeautomaten entlang dieser Strecke aufstellen, es wird zur Mittagszeit nicht kühler. Die Straße zieht sich weiter nach vorn, wir passieren alsbald die Cañadas, von der allerdings nur noch ein Schild und eine breite Wildgrasfläche übrig sind. Auf dieser Fläche schickten die spanischen Adligen einst ihr Vieh umher, damit es sich an dem saftigen Gras satt fressen konnte, im Winter wurden die Tiere wieder eingefangen, wie auf der Alm, nur hier haben sich die Tiere eine Schneise gefressen, wie die Büffel im wilden Westen.
Hinter einem Hügel erscheint plötzlich der Kirchturm von Calzedilla de la Cueza, ich denke, dass ich es endlich geschafft habe. Aber mehr als die Kirchturmspitze kann ich nicht erkennen, egal wie weit ich noch laufe. Wie bei Hontanas ist das Ziel erst sichtbar, wenn man schon fast mit dem Gesicht gegen die Stadtmauer gelaufen ist, dann tut sich eine Lücke auf, die ich hinuntersteige und schon stehe ich am Ortseingang. Die Herberge befindet sich direkt vor mir, nur durch ein kleines Schild gekennzeichnet, doch Susanne schlüpft gerade durch die Tür hinein. Ein paar Betten sind noch frei, um das ganze paradiesisch abzurunden, und weil wir uns ja quasi in einer kochenden Wüste befinden, hat die Herberge einen Pool im Hinterhof. Nachdem ich meine Wäsche gewaschen und in der Sonne aufgehangen habe, schlüpfe ich in meine Badehose und springe in das kühle Nass, es ist eine wahre Wonne, vor allem für die geschundenen Füße. Das Blasenpflaster am Hacken löst sich beim Schwimmen teilweise von der Haut, man kann mit den Pflastern von Compeed duschen, nur leider nicht schwimmen. Als ich den Rest von der Haut schneide, sehe ich, dass die Blase beinahe vollständig verheilt ist, das Pflaster klebt nur noch an der Blasenhaut, die ja ohnehin schon abgestorben ist und auch weggeschnitten werden muss, sonst baumelt das Pflaster an meinem Fuß. Die Haut darunter, die bisher so stark geschmerzt hat, ist zur neuen robusten Oberhaut gewachsen. Nach der Operation trockne ich die Stelle und bleibe in meinen Badelatschen, die Blase bekommt schön viel Luft.
Heute ist Montag, trotzdem hat die Kirche und damit die einzige Sehenswürdigkeit im Ort geschlossen, so bleibt mir nur noch übrig die Dorfbar zu inspizieren. Eine Kochmöglichkeit gibt es in der Herberge nicht, wenn ich nicht mein Brot aus dem Rucksack esse, brauche ich hier etwas zu mampfen. Die Bar ist gleichzeitig ein Hotel, wo sich ein paar Pilger einquartiert haben, die ich Touristenpilger taufe, weil sie sich ihr Gepäck von Ort zu Ort fahren lassen und am Abend in den besten Hotels absteigen. Das mag etwas abfällig klingen und ist nicht zuletzt damit verbunden, dass ich den Großteil der deutschen Pilgerschaft meide, denn die kommen aus Deutschland und sind auf den ersten Blick so nörgelig, dass ich sie gar nicht mehr kennen lernen will, um den ersten Eindruck zu revidieren. Ich denke, wenn man den Camino läuft, sollte man sein Gepäck selber tragen, die Etappenlänge spielt keine Rolle, aber aus dem Rucksack zu leben, ist eine nicht zu unterschätzende Erfahrung, die unbedingt dazu gehört. Aber hier sind noch weitere Deutsche, um Welten freundlicher als jene, die mit vielen Koffern von Dorf zu Dorf ziehen: Susanne taucht hier auf, Eva, die ich noch aus Grañon kenne, ist gebürtig Polin, lebt aber seit ihrer Kindheit in Deutschland, und nicht zu vergessen Hans und Norbert, die Chemiker-Brüder. Sie selbst geben sich den Namen Hapegrinos, weil sie in Anlehnung an Hape Kerkeling nicht jede Nacht in der Herberge verbringen, sondern auch mal in eine Pension gehen, und ganz entspannt laufen. Die beiden schließe ich sofort in mein Herz, sie haben das gleiche negative Bild der Touristenpilger gemalt wie ich, das bietet genug Gesprächsstoff.
Am Abend lassen wir uns das Pilgermenü in der Bar kräftig schmecken, nach zwei Gläsern Wein halte ich die Hand darauf, sonst wird der nächste Morgen furchtbar.
Mit einem anderen Pilger, der schon ordentlich betrunken ist, gehe ich zur Herberge zurück. Leider schläft dieser Mann im Bett direkt neben mir und es sind immer zwei Betten eng an eng zusammen gestellt. Ich finde ihn nicht besonders nett, er war den ganzen Tag über schon aufdringlich und wollte mit uns abfällig diskutieren, Susanne hatte mich schon vorgewarnt und jetzt wird mir klar, dass diese Warnung auf ihn bezogen ist. Die nächste Bettreihe ist aber komplett frei, das wird sofort von mir veranschlagt, ich kann mich die Nacht einmal breit machen und schlafe ausgesprochen gut.

zurückgelegte Strecke: 391 km

Dienstag, 3. Januar 2012

Tag 13 11.9. Meseta

Von Hontanas nach Fromista (35 km)

Castrojeriz (photo by
Alex Groundwater)
Wie Ruth mir erzählt hat, haben ihre Wanderschuhe keinen Knöchelschutz, also wie Turnschuhe, deshalb muss sie doppelt darauf achten, nicht umzuknicken und sich so den Knöchel zu brechen. So etwas geschieht schneller als man im ersten Moment denken mag, ich bin schon einige Male umgeknickt, bevorzugt nachts, bei Abstiegen oder im steinigen Gelände, doch dank des hohen Schafts der Schuhe passiert nichts weiter. Die Nacht heute erscheint doppelt so dunkel wie jede andere, was natürlich Blödsinn ist, aber dennoch so wirkt. Es ist bewölkt, Mondschein bleibt also aus, und in den Feldern wäre die einzige Beleuchtung eine Taschenlampe, so man eine hat. Ruth besitzt keine, ist ihr aber völlig egal, ihre Ruhe hätte ich gerne, wie oft wäre ich an einer Kreuzung falsch abgebogen ohne meine Lampe, aber ihr macht das Verlaufen nichts aus.
Anne und Brenda sind wieder die ersten, die aus der Herberge stürzen und fliegen zum nächsten Dorf. Castrojeriz erreiche ich zusammen mit Thomas noch vor Sonnenaufgang, die Wegführung ist hier buchstäblich sinnfrei, denn so schön ist der Ort nun auch wieder nicht, dass man ihn unbedingt durchqueren muss. Die Straße, auf der wir uns befinden, macht einen Schlenker nach links und führt an der Flanke des Berges entlang. Der Weg hingegen führt rechts zur Kirche hinauf und anschließend durch das Labyrinth der Dorfstraßen. Thomas  berichtet, dass die Wegführung ab und an verändert wird, zum Beispiel, wenn eine neue Bar eröffnet wurde, der Weg sollte dann nach Möglichkeit an dieser vorbei führen. Das ist ein großes Manko des Jakobsweges: er wird zunehmend kommerzialisiert, Viele Firmen haben diese Nische bereits entdeckt und stellen ihre Werbeschilder entlang der Route auf. Die Herbergen kosten mal mehr, mal weniger Geld, nicht immer sind die Preise gerechtfertigt, Geld macht noch keine Gastfreundschaft.

Auf zur Meseta
Wir kommen auch an der Kneipe vorbei, die Hape Kerkeling als „die beste auf dem ganzen Weg“ beschrieben hat. Nur hat sie um diese Uhrzeit noch geschlossen und wir können es nicht überprüfen.
In der aufgehenden Sonne vor uns erscheint die nächste große Meseta, wie ein übergroßer Felsbrocken, der sich am Horizont entlang zieht, ragt die Erhebung vor uns auf und bringt uns alle ordentlich ins Schwitzen. Aber nur so macht es ja auch Spaß.
Oben ist die Wegführung wieder völlig bekloppt, der Jakobsweg verlässt den Trampelpfad nach rechts, geht in wilden Schlangenlinien und Geröll rechts an ihm vorbei und kreuzt ihn wieder zweihundert Meter weiter, bis es an den Abstieg geht. Der hat es in sich und treibt mir beinahe die Sehne aus dem Bein, unten angekommen erwartet uns jedoch wieder die Ebene, man führt uns an einer Einsiedelei vorbei und wir landen in einem Dörflein namens Iterga de Vega, in der ersten Bar sitzen selbstverständlich alle anderen Pilger, Anne, Brenda, Thomas, Udo, Nicolien und auch Susanne gesellt sich später noch zu uns und schenkt mir die Hälfte ihres Bocadillos, weil es zu viel für sie ist.

Kirche in Fromista
Die nächste Meseta ruft bereits nach uns, der Aufstieg ist plötzlich ungewöhnlich schwer und schmerzhaft, nicht minder ist es die Ebene hinter dem Hügel. Darauf verläuft eine 2 km lange Straße, die den Namen Straße nicht verdient. Sie ist mit großen, runden Geröllblöcken versehen, andauernd rutscht man ab und kann den Fuß niemals mit der ganzen Sohle aufsetzen, was irgendwann einfach zu viel ist. Nachdem uns also noch mehr Steine in den Weg gelegt wurden, hat auch diese Tortur bald ein Ende und wartet mit einer weiteren Pause als Belohnung in Boadilla del Camino.
In früheren Zeiten, insbesondere im Mittelalter war der Camino eine wirtschaftlich äußerst wichtige Verbindung der großen Städte. Ihnen folgten kleinere Ortschaften, die bezeichnender Weise ein Suffix wie „del Camino“ im Namen tragen. Der Jakobsweg spülte also eine Menge Geld in die Stadtkassen, so konnten auch teure Pflasterstraßen gebaut werden, in diesem Fall findet sich der Zusatz „Calzada“ im Orstnamen, etwa bei Santo Domingo de la Calzada.
Boadilla ist recht beschaulich und hübsch, aber die folgenden 6 km bis nach Fromista gehen auch noch. Kaum habe ich das Dorf in Richtung Westen verlassen, baut sich neben mir der Kanal de Castilla auf. Dieser Kanal ist die Hauptbewässerungsader für diesen Teil Kastilliens und nicht zuletzt ein sehr wichtiges Brut- und Rückzugsgebiet für Vögel. So schnell der Kanal kam, so schnell verschwindet er auch wieder, nach etwa einer Stunde betrete ich Fromista über die Schleuse, auf der gerade ein Hochzeitspaar ein Fotoshooting abhält. Leider ist heute Sonntag, eigentlich hat jedes Geschäft heute geschlossen, dadurch wirkt Fromista wie ein verschlafenes Nest, sieht trotzdem hübsch aus. In der Herberge teile ich mir einen Schlafsaal mit drei Franzosen, die ein wenig Englisch sprechen können, die Verständigung klappt nicht immer besonders gut, ist aber vorhanden. Ruth ist auch hier und freut sich mich zu sehen, bisher verlief ihr Camino ohne Probleme, nur heute hat sie eine große Blase am Hacken bekommen. Ich schenke ihr zwei meiner Hackenpflaster und muss sie überreden es anzunehmen, nach einer überzeugenden Rede, dass sie ohne ein ordentliches Pflaster sicher nicht mehr weit kommt, nimmt sie es freudestrahlend an.
Hinter der Kirche, nur einen Katzensprung von der Herberge entfernt, sitzt Thomas vor einer Bar, er hatte doch keine Lust in Boadilla zu bleiben, wie es zuvor sein Plan gewesen ist.
„Udo und Nicolien sind ein oder zwei Dörfer weitergezogen, Fromista war ihnen zu langweilig“, erzählt er mir. Damit steht er auf, verschwindet in der Bar und kehrt mit einem großen Glas Bier zurück, das er vor mich hinstellt. „Ich spendiere dir eins.“
Nach diesem Bier ist mein Alkoholpensum für heute erfüllt, es steigt schnell zu Kopf, der Fluch des Wanderns. Susanne ist jetzt auch angekommen und gesellt sich zu uns. Sie und Thomas haben sich in einer Pension einquartiert, scheint nicht verkehrt, denn morgen bekommen sie ein deftiges Frühstück.
Bis zum Abendessen, das ja immer erst ab 19 Uhr serviert wird, ist noch viel Zeit und ich breche auf, um Fromista zu erkunden, so gut dies eben an einem Sonntag geht, gleichzeitig halte ich nach einem Lokal Ausschau, das mir ein leckeres Abendessen zaubern kann. Ich bleibe bei der Kirche San Martin hängen, eben jene, die gleich vor der Herberge liegt. Ich gerate mitten in eine Touristengruppe, die im selben Moment wie ich die Kirche betreten will, dadurch gehe ich in der Masse unter und werde beim Eintritt übersehen, wie praktisch. In der Gruppe ist jemand, der sich anscheinend gut mit Bildhauerei auskennt und einen Vortrag über die hübsch verzierten Säulenkapitele hält.

zurückgelegte Strecke: 353 km