Von Calzedilla de la Cueza nach El Burgo Ranero (40 km)
Am Ende der großartigen Nacht ist von meiner Blase nicht mehr viel übrig, die tote Haut ist ausgetrocknet und wird sich wohl bald lösen, zur Sicherheit klebe ich aber noch ein normales Pflaster darüber.
Es ist eine helle Nacht, beinahe Vollmond, das macht jede Taschenlampe im Prinzip überflüssig, zumal wir ohnehin neben der baumlosen Landstraße laufen. Auf dem Weg gibt es sehr viele Dörfer, so kommt mir die Strecke gleich viel kürzer vor. Es ist trotz der Dunkelheit ungewöhnlich warm und deutet bereits die enorme Hitze im Laufe des Tages an. Der Weg nach Sahagún verläuft absolut ereignislos, wie immer kann man die Stadt schon sehen, gerade als ich die Autobahn erreiche, die dorthin führt. Aber es ist noch weit bis zum Eintritt.
In Sahagún suche ich nach einer geeigneten Gelegenheit zur Pause, ein Café wäre schon ganz nett, eine Bank tut es aber auch, nur auf dem Straßenpoller möchte ich nicht sitzen. Nach langer Suche lande ich an einem Kinderspielplatz und werfe mich auf die einzige freie Bank, die anderen sind von alten Männern oder Müttern mit ihren Kindern belegt.
Während meine Socken und Schuhe in der Sonne trocknen, lasse ich mir den Rest meiner Räucherwurst gut schmecken und labe mich zusätzlich noch an dem Käse. Räuchwerwurst ist etwas feines, hält sich eine Woche im heißen Rucksack und ist auch dann noch genießbar. Ein Kind findet mich anscheinend interessanter als die Tatsache, dass es von der Mutter auf der Schaukel angestoßen wird und lässt mich partout nicht mit seinem neugierigen Blick nicht aus den Augen.
Von Sahagún sehe ich leider nicht mehr als die Straßen, auf denen ich mich zurzeit befinde, ich möchte ja nicht hier bleiben und auch viel lieber weiter laufen. Trotzdem hätte eine Besichtigung ihren Reiz, aber dazu kommt es nicht. Im Endeffekt ist es ganz gut, dass ich nicht getrödelt habe. Beim Verlassen der Stadt bilde ich mir ein Judith in der Ferne erkennen zu können. Bereits auf dem Weg nach Hontanas dachte ich, sie gesehen zu haben, ihr Rucksack und ihr rosa Shirt sahen aus der Ferne nun einmal wie Judith aus, aber nachdem ich die Frau eingeholt hatte, konnte ich sehen, dass ich im Irrtum war.
Und wieder denke ich die Kanadierin zu sehen, diesmal bin ich mir sehr sicher, das ist ihr Rucksack, ihr Basecap, ihr Gang, ich rufe ihren Namen und siehe da, sie dreht sich um. Ja, es ist Judith, die es genauso wenig wie ich glauben kann, dass wir uns hier treffen.
„Ich bin jede Wette eingegangen, dass du wegen deiner Zauberstöcke schon einen Tag Vorsprung hast“, und alles andere wäre nicht die Judith, die ich kenne.
Sie lacht. „Weißt du, ich bin schon seit einer Ewigkeit hier. Jean-Luc und die Jungs haben lange nichts von mir gehört, aber wegen der Zeitverschiebung musste ich bis zum Mittag warten. Dann habe ich zu Hause angerufen, die Kinder vermissen ihre Mami.“
Jeder regelt die Kommunikation mit der Heimat anders. Judith wählt die Herbergen vorrangig nach der Existenz eines Telefons aus, Eric hat viele Postkarten geschrieben, ich schreibe Emails und Briefe, jeder auf seine Art.
„Christian, wie geht es dir? Und vor allem deiner Blase?“, fragt sie mich im nächsten Moment, während wir im Schatten einer Allee die Stadt verlassen.
„Du wirst es nicht glauben“, antworte ich, „aber die Blase ist verheilt. Wir hatten in der gestrigen Herberge einen Pool, wo ich die Füße kühlen konnte. Der Sehne geht es auch besser, die Salbe und der Verband leisten eine gute Arbeit. Und wie steht es um dich?“
„Es ist nicht zu fassen, ich habe meine erste Blase bekommen, auch am Hacken, so wie du. Es tut höllisch weh, ich kann deswegen nicht mehr so viel laufen, wie davor. Das setzt mir zu.“
Das muss man ihr auch glauben, immerhin flog sie uns ständig davon. Jetzt scheint es so, als hätten wir die Rollen getauscht. Sie macht jetzt genau das durch, was mir vorher widerfahren ist.
Wir befinden uns hier auf dem Real Camino, dem königlichen Weg, diese Trasse verläuft entlang der historischen Route aus dem Mittelalter, viele dieser alten Routen gibt es heute nicht mehr. Der Camino de Santiago ist kein direkter Weg zum Apostelgrab, er ist vielmehr eine lange Straße, die alle Dörfer und Städte bis zum Ziel verbindet. Im Zuge der Moderne sind diese Verbindungen durch Landstraßen und Autobahnen ersetzt worden, für den alten Camino blieb dafür nicht viel Platz, aus diesem Grund funktionieren auch die Wegweiser nicht immer, denn oft werden neue Trassen gebahnt, besonders, wenn ein heiliges Jahr vor der Tür steht, dann müssen nämlich die anströmenden Pilgermassen aufgenommen werden.
Kurz hinter Sahagún erwartet uns eine freudige Erfrischung, wie schon nach Logroño, an der Straßenseite hat jemand am Zaun eines Gartens zwei Körbe mit Cocktailtomaten und Pflaumen aufgestellt, alles gegen eine kleine Spende. Danach geht wieder jeder für sich, nicht, dass wir schon die Nase voneinander voll hätten, nur wir finden gerade kein gemeinsames Tempo und ich bin schrecklich durstig, meine Flasche ist beinahe leer, der nächste Brunnen kommt erst in sieben Kilometern, um ihn bald zu erreichen, laufe ich schneller. Das tut manchmal unglaublich gut, es ist schweißtreibend und anstrengend, aber es fühlt sich großartig an. Der Brunnen hat sogar Wasser, auf dem Camino weiß man das ja nie, ich lege mich davor auf den Boden und lasse mich voll laufen, bis Judith nach zehn Minuten das Dorf erreicht.
| Hat meinen Schuh attackiert |
Das besondere an diesem Wegabschnitt ist nicht unbedingt der alte königliche Weg, eine Krone hat uns bisher niemand aufgesetzt und einem Pagen bin ich auch nicht begegnet, nein, es ist die Adobe-Bauweise, die man hier antreffen kann. Die hat nichts mit der Softwarefirma Adobe zu tun. Als Adobe wird das Material der Hausfassaden bezeichnet, dabei wird bei der Herstellung Stroh zu Lehm gegeben und dieser Brei lange Zeit gestampft, bis sich alles schön verbunden hat, in der Sonne werden daraus Lehmziegel gebrannt oder einfach nur bereits bestehende Hauswände verputzt. Diese Konstruktion ist natürlich sehr kostengünstig, andererseits verfällt das Material nach einem Jahr wieder und muss erneuert werden.
Nach El Burgo Ranero ist es wieder heiß und staubtrocken, aber auch nicht mehr weit. Es gibt hier ungewöhnlich viele Herbergen, vielleicht weil die nächste Unterkunft erst nach mindestens zehn Kilometern kommt. Mir ist es fast egal, wo ich schlafe, eine Küche wäre schon nett, zufällig ist dies auch die einzige Herberge, die ein öffentliches Telefon hat, Judith’s Wahl fällt deshalb auf diese. Der Dachstuhl ist offen, wir haben dadurch einen seltenen Blick in das Gebälk des Daches. In unserem Zimmer schläft unter anderem noch ein deutscher Pilger, der sich sofort an meine Fersen heftet, als er unsere Herkunft erfährt, und mich wie ein Wasserfall beredet. Nach einer Weile bin ich zu müde und falle in einen erholsamen Mittagsschlaf.
Die Küche ist sehr modern, groß und mit allem ausgestattet, was man sich nur wünschen kann, es gibt ein großes gemeinsames Kochen der meisten Gäste, überall fällt etwas zum Naschen ab und der Kühlschrank ist voll mit Resten von gestern. Judith bereitet eine scharfe Pasta zu und ich verkoche ein Pfund Nudeln, das ist nur viel zu viel, trotzdem bleibt noch genug Platz für Schokolade, wie könnte es anders sein. Wir können den Rest der Nudeln leider nicht verschenken, denn alle sind gesättigt und zufrieden, also werden die Pilger morgen eine nudelige Überraschung im Kühlschrank vorfinden.
Wir kommen auf die Sauberkeit in den Herbergen zu sprechen. Hier gibt es Decken für die Nacht, die sind kratzig, aber wärmen, gut, dass wir Inlays haben. Man weiß nie, ob in den Decken nicht Bettwanzen darauf warten über uns herzufallen. Ich versuche das Judith zu erzählen, aber mir fällt nicht das englische Wort für „Bettwanzen“ ein, also versuche ich es zu umschreiben.
„Ich meine die kleinen Tierchen, die dich beißen, sodass du am Morgen rote und juckende Stellen am Körper hast“
„You mean bogs?“, fragt sie mich.
„Bogs?“ Das Wort kenne ich nicht, zumindest nicht in dieser Aussprache.
„Oh, you want to say bugs“, fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich, „bugs“ ist das richtige Wort für Bettwanzen. Ihr französischer Akzent kam wieder einmal ans Tageslicht, bogs statt bugs. Man hört es ebenso, wenn sie „because“ sagt, mein Lieblingssatz im Französisch-Englischen stammt jedoch von Eric: „We have to go over the ‚ill“, ein Traum, das Wort „hill“ für Hügel bekommt er nicht hin. Diese winzigen Details amüsieren mich immer wieder. Wen wundert es, Französisch ist Judith’s Muttersprache, erst in der Schule hat sie Englisch gelernt, und wüsste ich nicht, dass sie aus Quebec kommt, hätte ich sie in den USA eingeordnet, um ehrlich zu sein, ist mir das passiert, als wir uns in Villamajor kennen gelernt haben.
„Ich hatte bisher noch keine Bettwanzen“, fährt sie fort. „Bernard hat mir erzählt, was ich tun soll, falls es passiert.“
Jetzt hat sie mich. Auf dem Camino wird man die Viecher nicht mehr los, aber bitte doch zu Hause, denn die will man sicher nicht einschleppen.
Judith malt ein schreckliches Bild: „Die können dir das ganze Haus auffressen“.
„Nein, jetzt übertreibst du aber“, ich kann es wirklich nicht glauben, in der Hinsicht bin ich skeptisch, aber ich hatte auch noch nie Bettwanzen, von daher weiß ich das nicht.
„Doch. Aber damit es nicht dazu kommt, musst du alles, was du von der Reise mitbringst, draußen lassen und bloß nicht mit ins Haus nehmen. Eigentlich hast du nur drei Möglichkeiten. Du kannst dich deiner Klamotten bereits vorher entledigen, deshalb verbrennt man auch seine Kleidung in Finisterre. Aber wenn du später noch etwas von deinen Sachen haben willst, kannst du sie kochen oder einfrieren, angeblich müssen sie mehrere Tage im Kühlfach liegen.“
Weil sie den Behandlungsplan auch nur aus Erzählungen kennt, ziehen wir das Internet zur Rate und gehen mehr oder weniger dreisprachig vor. Englisch ist die Sprache, in der wir uns beide verstehen, aber in der jeweiligen Muttersprache finden wir schneller Ergebnisse. Deshalb wechseln wir oft zwischen Wörterbuch und den Internettexten, ich suche nach Bettwanzen und Judith nach Punaise de lit. Wie sich herausstellt, sollten die Kleidungsstücke eine Woche bei -15°C in der Kühltruhe liegen, im Falle eines ganzen Rucksackes müsste man schon auf einen kalten Winter in Deutschland warten. Des Weiteren kann man die Sachen auch kochen, vorgeschrieben sind hier drei Minuten bei 70°C, aber wie klein ist danach die Wäsche?
Noch haben wir keine Bettwanzen und hoffentlich bleibt das bis zum Ende so. Der Buschfunk auf dem Camino funktioniert ausgezeichnet, mir ist von einem Pilger berichtet worden, der am ganzen Körper von Bettwanzen gebissen worden ist. Auf diese Art und Weise habe ich auch von den drei Salzburgern gehört, die von Österreich bis hierher am Stück gelaufen sind.
zurückgelegte Strecke: 431 km
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