Dienstag, 3. Januar 2012

Tag 13 11.9. Meseta

Von Hontanas nach Fromista (35 km)

Castrojeriz (photo by
Alex Groundwater)
Wie Ruth mir erzählt hat, haben ihre Wanderschuhe keinen Knöchelschutz, also wie Turnschuhe, deshalb muss sie doppelt darauf achten, nicht umzuknicken und sich so den Knöchel zu brechen. So etwas geschieht schneller als man im ersten Moment denken mag, ich bin schon einige Male umgeknickt, bevorzugt nachts, bei Abstiegen oder im steinigen Gelände, doch dank des hohen Schafts der Schuhe passiert nichts weiter. Die Nacht heute erscheint doppelt so dunkel wie jede andere, was natürlich Blödsinn ist, aber dennoch so wirkt. Es ist bewölkt, Mondschein bleibt also aus, und in den Feldern wäre die einzige Beleuchtung eine Taschenlampe, so man eine hat. Ruth besitzt keine, ist ihr aber völlig egal, ihre Ruhe hätte ich gerne, wie oft wäre ich an einer Kreuzung falsch abgebogen ohne meine Lampe, aber ihr macht das Verlaufen nichts aus.
Anne und Brenda sind wieder die ersten, die aus der Herberge stürzen und fliegen zum nächsten Dorf. Castrojeriz erreiche ich zusammen mit Thomas noch vor Sonnenaufgang, die Wegführung ist hier buchstäblich sinnfrei, denn so schön ist der Ort nun auch wieder nicht, dass man ihn unbedingt durchqueren muss. Die Straße, auf der wir uns befinden, macht einen Schlenker nach links und führt an der Flanke des Berges entlang. Der Weg hingegen führt rechts zur Kirche hinauf und anschließend durch das Labyrinth der Dorfstraßen. Thomas  berichtet, dass die Wegführung ab und an verändert wird, zum Beispiel, wenn eine neue Bar eröffnet wurde, der Weg sollte dann nach Möglichkeit an dieser vorbei führen. Das ist ein großes Manko des Jakobsweges: er wird zunehmend kommerzialisiert, Viele Firmen haben diese Nische bereits entdeckt und stellen ihre Werbeschilder entlang der Route auf. Die Herbergen kosten mal mehr, mal weniger Geld, nicht immer sind die Preise gerechtfertigt, Geld macht noch keine Gastfreundschaft.

Auf zur Meseta
Wir kommen auch an der Kneipe vorbei, die Hape Kerkeling als „die beste auf dem ganzen Weg“ beschrieben hat. Nur hat sie um diese Uhrzeit noch geschlossen und wir können es nicht überprüfen.
In der aufgehenden Sonne vor uns erscheint die nächste große Meseta, wie ein übergroßer Felsbrocken, der sich am Horizont entlang zieht, ragt die Erhebung vor uns auf und bringt uns alle ordentlich ins Schwitzen. Aber nur so macht es ja auch Spaß.
Oben ist die Wegführung wieder völlig bekloppt, der Jakobsweg verlässt den Trampelpfad nach rechts, geht in wilden Schlangenlinien und Geröll rechts an ihm vorbei und kreuzt ihn wieder zweihundert Meter weiter, bis es an den Abstieg geht. Der hat es in sich und treibt mir beinahe die Sehne aus dem Bein, unten angekommen erwartet uns jedoch wieder die Ebene, man führt uns an einer Einsiedelei vorbei und wir landen in einem Dörflein namens Iterga de Vega, in der ersten Bar sitzen selbstverständlich alle anderen Pilger, Anne, Brenda, Thomas, Udo, Nicolien und auch Susanne gesellt sich später noch zu uns und schenkt mir die Hälfte ihres Bocadillos, weil es zu viel für sie ist.

Kirche in Fromista
Die nächste Meseta ruft bereits nach uns, der Aufstieg ist plötzlich ungewöhnlich schwer und schmerzhaft, nicht minder ist es die Ebene hinter dem Hügel. Darauf verläuft eine 2 km lange Straße, die den Namen Straße nicht verdient. Sie ist mit großen, runden Geröllblöcken versehen, andauernd rutscht man ab und kann den Fuß niemals mit der ganzen Sohle aufsetzen, was irgendwann einfach zu viel ist. Nachdem uns also noch mehr Steine in den Weg gelegt wurden, hat auch diese Tortur bald ein Ende und wartet mit einer weiteren Pause als Belohnung in Boadilla del Camino.
In früheren Zeiten, insbesondere im Mittelalter war der Camino eine wirtschaftlich äußerst wichtige Verbindung der großen Städte. Ihnen folgten kleinere Ortschaften, die bezeichnender Weise ein Suffix wie „del Camino“ im Namen tragen. Der Jakobsweg spülte also eine Menge Geld in die Stadtkassen, so konnten auch teure Pflasterstraßen gebaut werden, in diesem Fall findet sich der Zusatz „Calzada“ im Orstnamen, etwa bei Santo Domingo de la Calzada.
Boadilla ist recht beschaulich und hübsch, aber die folgenden 6 km bis nach Fromista gehen auch noch. Kaum habe ich das Dorf in Richtung Westen verlassen, baut sich neben mir der Kanal de Castilla auf. Dieser Kanal ist die Hauptbewässerungsader für diesen Teil Kastilliens und nicht zuletzt ein sehr wichtiges Brut- und Rückzugsgebiet für Vögel. So schnell der Kanal kam, so schnell verschwindet er auch wieder, nach etwa einer Stunde betrete ich Fromista über die Schleuse, auf der gerade ein Hochzeitspaar ein Fotoshooting abhält. Leider ist heute Sonntag, eigentlich hat jedes Geschäft heute geschlossen, dadurch wirkt Fromista wie ein verschlafenes Nest, sieht trotzdem hübsch aus. In der Herberge teile ich mir einen Schlafsaal mit drei Franzosen, die ein wenig Englisch sprechen können, die Verständigung klappt nicht immer besonders gut, ist aber vorhanden. Ruth ist auch hier und freut sich mich zu sehen, bisher verlief ihr Camino ohne Probleme, nur heute hat sie eine große Blase am Hacken bekommen. Ich schenke ihr zwei meiner Hackenpflaster und muss sie überreden es anzunehmen, nach einer überzeugenden Rede, dass sie ohne ein ordentliches Pflaster sicher nicht mehr weit kommt, nimmt sie es freudestrahlend an.
Hinter der Kirche, nur einen Katzensprung von der Herberge entfernt, sitzt Thomas vor einer Bar, er hatte doch keine Lust in Boadilla zu bleiben, wie es zuvor sein Plan gewesen ist.
„Udo und Nicolien sind ein oder zwei Dörfer weitergezogen, Fromista war ihnen zu langweilig“, erzählt er mir. Damit steht er auf, verschwindet in der Bar und kehrt mit einem großen Glas Bier zurück, das er vor mich hinstellt. „Ich spendiere dir eins.“
Nach diesem Bier ist mein Alkoholpensum für heute erfüllt, es steigt schnell zu Kopf, der Fluch des Wanderns. Susanne ist jetzt auch angekommen und gesellt sich zu uns. Sie und Thomas haben sich in einer Pension einquartiert, scheint nicht verkehrt, denn morgen bekommen sie ein deftiges Frühstück.
Bis zum Abendessen, das ja immer erst ab 19 Uhr serviert wird, ist noch viel Zeit und ich breche auf, um Fromista zu erkunden, so gut dies eben an einem Sonntag geht, gleichzeitig halte ich nach einem Lokal Ausschau, das mir ein leckeres Abendessen zaubern kann. Ich bleibe bei der Kirche San Martin hängen, eben jene, die gleich vor der Herberge liegt. Ich gerate mitten in eine Touristengruppe, die im selben Moment wie ich die Kirche betreten will, dadurch gehe ich in der Masse unter und werde beim Eintritt übersehen, wie praktisch. In der Gruppe ist jemand, der sich anscheinend gut mit Bildhauerei auskennt und einen Vortrag über die hübsch verzierten Säulenkapitele hält.

zurückgelegte Strecke: 353 km

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