Donnerstag, 19. Januar 2012

Tag 16 14.9. Die löwenhafte

Von El Burgo Ranero nach León (38 km)
Neues Ziel?
Heute geht es endlich nach León, darauf habe ich schon lange gewartet, mein Freund Sebastian hatte León nach 14 Tagen Wanderung erreicht, ich liege zwei Tage dahinter, das ist noch okay. Wir verlassen wieder sehr früh die Herberge, jetzt, wo ich wieder mit Judith zusammen laufe, frühstücke ich auch wieder ordentlich. Im Alleingang habe ich mir jeden Morgen im Laufen einen Apfel gegönnt und das war es dann meistens auch schon bis zum Mittagessen. Durch Judith nehme ich mir dann mehr Zeit und esse einen Joghurt, immerhin,oder verschwinde im nächsten Dorf im erstbesten Café, der Einfluss einer Wandergruppe grenzt sich deutlich vom Solo-Lauf ab, in der Gruppe macht es auf Dauer auch mehr Spaß.
Enger Weg
Trotzdem gehen wir bald wieder alleine, wir haben immer noch eine klare mondhell beschienene Nacht und die Straße zieht sich wieder endlos hin bis zum Horizont, ohne, dass ein Ende in Sicht ist. Kurz vor Sonnenaufgang habe ich meine erste Begegnung mit der Handtuch-Oma, wie ich sie getauft habe. Hier kommen wieder meine Vorurteile gegenüber Deutschen ans Tageslicht. Ich bin erst an diesem Ehepaar vorbei gelaufen und hatte mich danach kurz hingesetzt, um einen Blick auf die Karte zu werfen. Als die beiden mich überholten, musste die Frau tatsächlich innehalten und mir die Schulter streicheln mit den Worten „Ach, und noch so ein junger“. In einer Sekunde hatte ich entschieden, dass ich diese Frau niemals besser kennen lernen wollte. Warum ich sie Handtuch-Oma getauft habe? Das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
Morgens zu wandern macht nicht sehr viel Spaß, wenn man niemanden zum Reden hat. Es gibt keinen Ansporn, nichts, dass einen vorwärts treibt. Wenn die Sonne ballert, möchte man nur noch am Ziel ankommen und läuft, was das Zeug hält, die Aussicht ist auch dann viel besser. Am Morgen ist es dunkel, das hat seinen Reiz, aber mehr auch nicht.
Eine neue Blase hat sich gebildet, an einem Zeh, das kommt wahrscheinlich davon, dass meine Zehen in den Schuhen sehr eng zusammen gedrückt werden und stärker aneinander reiben. Pünktlich zur Ladenöffnung bin ich in Mansilla de las Mulas, hier ist Halbzeit und ich nehme die erste Bar, die meinen Weg kreuzt. Das Gras ist noch wunderbar nass vom Morgentau, eine Wonne für die Füße.
Stierkampfarena von León

Während ich mein Bocadillo genieße und die Füße hochlege, kommt Udo auf einen kurzen Moment vorbei. Er ist gestern auch in El Burgo Ranero geblieben, allerdings in einer anderen Herberge. Ich frage nach Thomas und Nicolien.
„Du Christian, die sind noch ein Stück weiter gelaufen“, antwortet er nur und macht sich wieder auf den Weg.
Kurz darauf trifft das schwedische Ehepaar ein und gesellt sich zu mir. Auf dem Weg hierher haben sie Judith überholt, das absolut nicht mehr wandern kann, die Blasen scheinen sie zu malträtieren.  Deswegen haben die beiden ihr Schmerztabletten gegeben, jetzt läuft sie auf Pillen weiter. Sie liegt etwa sechs Kilometer hinter uns, ich beschließe daher nicht auf sie zu warten und folge dem Ruf des Weges, kurz nachdem die Schweden aufgebrochen sind. Hinter dem Ort geht es neben der stark befahrenen und lauten Landstraße weiter, hier wurde extra für die Pilger ein breiter Staubweg gebahnt. Dahinter wird es jedoch dreckig, der Weg verschwindet und mündet in den Seitenstreifen der Straße, die Lastwagen brettern an mir vorbei und wehen mir jedes Mal meinen Hut vom Kopf, den ich zum Glück mit einer Schnur am davon flattern hindern kann. Eine ganze Weile ändert sich nichts an der Wegführung, schließlich bahnt sich der Camino wieder eine eigene Straße, zumindest für ein paar Minuten. Ich bleibe kurz stehen, um mir das Spektakel der vielen Autos anzusehen, da spaziert Mary, fröhlich singend und tanzend an mir vorbei, grüßt frohen Mutes und hüpft davon. Sie hat wohl einen guten Tag erwischt. Das schwedische Pärchen hat sich in ein Restaurant am Weg gesetzt und verspeist ein herrliches Essen, soviel lässt sich aus der Ferne erkennen, und den Wein lassen sie sich auch gut schmecken.
Tot, während der Siesta
Nun wird der Weg grässlich, es muss eine Brücke überquert werden, der Seitenstreifen wird schmaler und schmaler und verschwindet gänzlich, hier muss kalkuliert werden, ob man es noch vor dem nächsten Auto über die Brücke schafft oder nicht. Ich komme glücklich davon, habe aber auch Pilger gesehen, die sich an die Balustrade drückten, um nicht vom Auto gestreift zu werden.
Der Schrecken hat endlich ein Ende, der sich anbahnende Ort Puente Villarente scheint von der stark befahrenen Hauptstraße zu leben, ein Café wünscht jedem Pilger namenhaft „Viel Glück“. Wird das Café von Deutschen betrieben oder spielt der Name auf den hohen deutschen Pilgeranteil von immerhin 30% an?
Den Ort verlasse ich nach rechts und schlage mich durch die Weinberge, hie und da nasche ich an den Trauben, die tatsächlich nicht so süß wie in Rioja sind, aber trotzdem köstlich. Viele Male bilde ich mir ein León am Horizont erkennen zu können, aber das ist nicht möglich, wie ich gleich herausfinde, denn die Stadt wird von dieser Seite von einem Berg verdeckt. Es geht über die große Autobahn hinüber, dankenswerter Weise ist eine Fußgängerbrücke errichtet worden, und schon stehe ich in León. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wo sich die Herberge befindet, ebenso wenig, wo es zur Altstadt geht. León wirkt sehr groß, es ist jetzt etwa 16 Uhr und allzu lange möchte ich auch nicht mehr unterwegs sein. Vor mir läuft eine Pilgerin, die zumindest die Anschein erweckt den Weg zu wissen, sie fragt einen Radpilger nach der Richtung und ich folge ihr vorerst, doch bald wird mir klar, dass sie ganz andere Pläne hat. Mein Reiseführer und ein Schild verweisen auf die öffentliche Herberge, angesichts der späten Stunde denke ich, dass die anderen privaten Herbergen schon voll sind und suche damit die öffentliche. Sie liegt ganz und gar nicht auf der Route, aber direkt neben einer Polizeiwache. Trotz der Größe gibt es Achterzimmer, das ist sehr angenehm, und voll ist sie noch lange nicht.
Als ich mich gerade ausruhe und ins Tagebuch schreibe, betritt ein Pilger, etwa in meinem Alter das Zimmer, wirft seinen Rucksack enthusiastisch auf das Bett und springt munter hinterher. Ich frage ihn, ob er heute mit dem Jakobsweg anfängt.
"Ja", antwortet er, "woher weißt du das?"
"Deine Schuhe sind sauber", lautet die Antwort.
So ist es, er hat klinisch reine, dunkelbraune Wanderstiefel, die sehen sehr neu aus, oder sehr gut gepflegt. Die Schuhe der anderen, meine eingeschlossen, sind bereits mit einer weißen Schicht überzogen, die von den Staubstraßen herrührt. Es beginnen viele Wanderer den Camino in León. Mein Freund Daniel ist diesen Weg auch einmal gelaufen, sein Startpunkt war dabei León. Der Hauptgrund ist meist die Zeit. Da bin ich heilfroh, einen vollen Monat Zeit zu haben, die zwei Wochen bis hierher hätte ich nie verpassen wollen.
Der Tag geht schnell zu Ende und ich will unbedingt in die Altstadt, die Herberge liegt davon exakt eine halbe Stunde entfernt, Vorteil: man sieht viel von León und León ist wunderschön, Nachteil: man verliert eine Stunde. Aber hey, Christian, genieß die Stadt und nimm die Dinge, wie sie kommen. Denn wer weiß, vielleicht hätte sich der Tag anders entwickelt, wenn der Weg kürzer wäre, Schmetterlingseffekt und so. Okay, mal ehrlich, ich glaube nicht daran, sei es drum.
Im Stadtkern treffe ich Ivan, wir beide freuen uns sehr, einander zu sehen. Er berichtet mir von Judith, die vor kurzem eingetroffen ist. Während der Siesta sind die Straßen wie immer leer gefegt, in der Kathedrale macht das einiges her, es ist dann nicht so voll. Und die Kathedrale gefällt mir. Als ich sie verlasse, ist die Mittagsruhe vorbei und die Straßen sind mit einem Mal krachend voll, wie der Alexanderplatz in Berlin.
Leóns Kathedrale

Ich setze mich in ein Café und schreibe ein paar Postkarten, doch kurz darauf kommt der Kellner und vertreibt mich, da ich kein Kunde bin und nur in Ruhe schreiben will, darf ich hier nicht sitzen. Na gut, damit kann ich leben, schade ist nur, dass sich bisher kein einziger spanischer Kellner an dieser Gewohnheit gestört hat, alle ließen mich in Ruhe, dieser lässt mich dagegen gehen. Umso besser, denn nach drei Metern läuft mir plötzlich Judith über den Weg. Ich habe sie lange nicht mehr so strahlen sehen. Sie ist überglücklich endlich in León zu sein, die Schmerzmittel, mit denen sie noch voll gepumpt ist, tun ihr übriges.
Sie erzählt mir, dass sie noch einmal das schwedische Ehepaar getroffen hat, in eben jenem Lokal, an dem ich vorbei lief, während sie aßen. Ihre Teller waren so beladen mit Essen, dass sie alleine nicht damit fertig wurden und Judith baten ihr zu helfen.
Die Kette der Begegnungen reißt nicht ab, kurz darauf finde ich Thomas und Nicolien und jetzt kommt es. Die beiden waren gestern in El Burgo Ranero, aber letztlich wollten sie dort nicht bleiben und sind weiter gelaufen, so weit so gut. Dann wurde es Nacht und sie wollten noch immer nicht Halt machen, nachdem sie an der Straße sitzend eine Packung Chips verdrückt hatten, beschlossen sie, bis nach León zu laufen. Das sind 72 km, die haben doch einen Knacks weg. In der Stadt waren sie etwa um 8 Uhr morgens, haben sich das einzige Hotel gesucht, dass um die Uhrzeit geöffnet hat und sind ins Bett gefallen, um dann wieder um 12 aufzustehen.
Leben nach der Siesta

Bald geht die Sonne unter und ich möchte heute noch die Postkarten zu Ende schreiben, um sie morgen früh in den Briefkasten zu werfen. Nur hat León hinter jeder Ecke eine Überraschung bereit, vor dem Justizpalast findet ein öffentliches Konzert statt, für 20 Minuten höre ich es mir an. Das Bild ist recht komisch, die meisten tragen ihre Abendgarderobe, sind entweder Touristen oder Bürger der Stadt, ich kann nur mit meiner kurzen Hose, meinen in Pflaster eingeschlagenen Zehen, meinem Wanderhemd und meinen Badelatschen aufwarten. Aber wie schon gesagt, man geht als Pilger in der Masse unter.
In der Herberge ziehe ich mich in die Küche zum Schreiben zurück, dazu kommt es aber wieder nicht. Denn dort sitzen noch zwei deutsche Studentinnen, Alex und Maren, die ein Jahr älter sind als ich, und zwei Spanier, Pepe und ein unbekannter. Pepe ist ein sehr guter Läufer, er hat jedoch eine ernste Sehenscheidentzündung und muss den Weg hier beenden. Der andere Spanier war einmal Politiker der spanischen Grünen, so sieht er auch aus. Nicht, dass ich etwas gegen die Grünen habe, er wäre nur wahrscheinlich in keiner anderen Partei aufgenommen worden, mit seinen langen, lockigen und wilden Haaren, er erinnert mich sehr an meinen Gitarrenlehrer.
Keiner von beiden kann Englisch oder Deutsch, Maren, Alex und ich können dagegen auch kein Spanisch. Aber mit Hilfe meines kleinen Wörterbuches und der Mimik und Gestik können wir fünf uns gut verständigen, es ist wie eine Mischung aus Pantomime und Puppentheater, aber wir verstehen einander, ganz ohne eine gemeinsame Sprache.
Maren und Alex studieren Germanistik und Journalismus, ich muss lange raten, um das herauszufinden. Die beiden kommen aber nicht im Entferntesten auf meine Studienrichtung. Sofern der oder die andere überhaupt versteht, dass man Geologie gesagt hat und nicht eher an Theologie oder Biologie denkt (das ist alles schon passiert und wird noch weiter passieren), werden stets zwei Fragen gestellt: „Was macht man da und bekommt man überhaupt einen Job?“
Die schlichte Antwort ist „wir arbeiten mit Vulkanen“ und dann sind alle ruhig, Vulkane kennt jeder und wir werden nicht gleich auf Steine und Dreckwühler reduziert. Aber wir tun auch noch mehr, es gibt immerhin noch Erdbeben, Erdöl, Klima, Wasser, Energiewirtschaft, Ressourcen, Satelliten und einen ganzen großen Haufen. Dann sind die Leute von der Informationsflut erschlagen und still.
Maren und Alex sind zwei Trickserinnen, in Logroño wollten sie nicht mehr laufen und haben heute von dort den Zug bis hierher genommen. Es kommt eh nur auf die letzten 100 km an, aber denen ist so viel entgangen.
Der Abend wird länger, als ich es mir vorgestellt hatte, aber mit so vielen netten Menschen zusammen zu sitzen, macht viel Spaß und entschädigt für die kurze Nacht.
zurückgelegte Strecke: 469 km

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