Donnerstag, 5. Januar 2012

Tag 14 12.9. Durch die Wüste

Von Fromista nach Calzedilla de la Cueza (38 km)
Mein Reiseführer beschreibt den zweiten Teil dieser Etappe wie folgt: „Páramo: kalte, öde Gegend steht im Spanisch-Lexikon. Die Öde und Eintönigkeit wird bald offenbar, die Kälte wird man allerdings in den Haupt-Pilgermonaten Juni bis September kaum spüren können, dann brennt nämlich die Sonne ohne Unterlass auf die verbrannten Stoppelfelder, und Schatten gibt es weit und breit nicht. Da lohnt es sich, eine Flasche Wasser zusätzlich eingepackt zu haben, auch wenn der Rucksack aus den Nähten platzt“.
In diesen Sätzen steckt mehr Wahrheit, als mir vorher bewusst war. Aber dazu später mehr.
Die Franzosen schlummern friedlich vor sich hin, als ich um 5 Uhr mucksmäuschenstill aus dem Bett springe, die Herberge verlasse ich als Erster. Die finstere Nacht wird durch den prallen Vollmond hell erleuchtet, eindrucksvoll sieht dies vor allem am erhöhten Autobahnzubringer aus, von wo mir eine weite Sicht auf die große Landschaft gewährt wird. Der Weg kreuzt eine verlassene Villa, die hervorragend in einem Gruselroman gepasst hätte. Anschließend läuft man nur noch parallel zur Landstraße, von Zeit zu Zeit wird der steinige Weg durch die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos beleuchtet. Thomas sagte mir bereits die demotivierende Wirkung der Kilometersteine voraus, die Markierungen sind an jedem vollen Kilometer platziert, so weiß man immer, wie weit es noch bis Carrion de los Condes ist, wo ich Halbzeit habe. Aufbauend ist es keineswegs, immer wieder daran erinnert zu werden, dass man noch 15 km vor sich hat, und zwanzig Minuten später noch 14 km.
Der Sonnenaufgang ist wahnsinnig, eine deutsche Pilgerin hat mir gestern dazu geraten, mich so oft es geht umzudrehen, damit man den richtigen Moment nicht verpasst. Wir gehen stetig nach Westen, um den Sonnenaufgang zu erleben, müssen wir nach hinten blicken und wenn es zu spät ist, verpasst man den allerersten Sonnenstrahl, wie er über den Horizont kriecht. Also heißt es immer nach hinten zu schauen und sich im Rücken Augen wachsen zu lassen, es zahlt sich aus, wenn die ersten Sonnenstrahlen blenden und der rote Ball schnell höher steigt. Sofort wird es wärmer und ich muss meine Jacke ausziehen.
Gegen 8:30 laufe ich durch Villalcaza de Sigu, die Kirche hier soll sehr schön sein, quasi ein Muss für den Durchreisenden, jedoch öffnet sie erst in eineinhalb Stunden, das ist zu spät für mich. Nach Carrion ist der Weg nicht sonderlich schwer, er findet nur kein Ende, hilfreich ist auch nicht, dass ich die Etappenhälfte schon am Horizont erkennen kann, wir haben aber gelernt, dass es noch lange nichts heißen muss. So wie auch bei Burgos, ist es noch ein Zwei-Stunden-Weg. Die Stadt ist sehr schön und belebt, das erste Café, das den Weg kreuzt, wurde von der Pilgerschaft bereits annektiert, dort treffe ich auch Udo und Nicolien, die bald nach meiner Ankunft wieder aufbrechen und weitermarschieren. Nicolien lässt mehrere Seiten aus ihrem Reiseführer zurück, sie reißt immer die alten Seiten heraus, schließlich braucht sie diese nicht mehr, und wie sie meint, reduziert sich damit das Gewicht im Rucksack merklich. So habe ich ein wenig niederländische Lektüre, während ich mein Napolitana verspeise, wenn man den Kontext kennt, ist Niederländisch gut zu lesen, das ist wahrscheinlich aber auch die einzige Sprache in Europa, die dem Deutschen so sehr ähnelt, obwohl mir da noch Jiddisch einfällt.
Kein Schatten, weit und breit
Nachdem ich meinen Essensvorrat im Supermarkt aufgestockt habe, muss ich die Wüste durchqueren. Dieses Stück Weg ist der einsamste und wohl auch trockenste Teil des Camino francés, denn auf 17 km gibt es kein einziges Dorf. Zuerst gehe ich auf einer langen asphaltierten Landstraße, die sich schnurgerade bis in die Unendlichkeit zieht. Links und Rechts stehen wenige Bäume, die nur dürftig Schatten spenden. Schließlich mündet die Straße in einen Staubweg, mit den Bäumen ist es hier vorbei, die wenigen, die hier noch stehen, können das heiße Sonnenlicht nicht einmal im Ansatz dämpfen. Nach sechs Kilometern soll es einen Brunnen geben, viel gebe ich darauf nicht, trotzdem will ich dort meine Mittagspause machen und meine Wasserflasche gehörig voll machen.
Der Brunnen ist durch eine schwere Betonplatte abgedeckt und ausgetrocknet, in mehreren Sprachen steht darauf geschrieben: „seca, dry, trocken“. Auf den Picknickbänken davor sitzen zwei Franzosen, die sich dennoch ihr Mittagessen mit Hilfe eines Campingkochers zubereiten. Weil der Brunnen trocken liegt, fällt die Mittagspause flach, denn ich würde meine Wasserflasche wahrscheinlich leer trinken, wenn ich jetzt mein Essen auspacke. Susanne läuft am Rastplatz vorbei und winkt mir erschöpft zu. Ich schultere meinen Rucksack und stakse ihr hinterher durch die Trockenheit. Die Landschaft sieht toll aus, verdursten tut man gewiss nicht, meine Flasche fasst 0,7 Liter, dass kann ich mir für 17 km gut einteilen, zusätzlich habe ich noch eine leicht befüllte 0,5 Literflasche dabei, falls ich überhaupt kein Wasser mehr habe. Außerdem gibt es für den Verzweifelten in den Sommermonaten einen Picknickplatz auf der Hälfte der Strecke, dort steht für gewöhnlich jemand, der Getränke verkauft. Susanne wirft sich in einen Stuhl und genehmigt sich ein kühles Dosenbier, ihr Bonner Gemüt will wohl den Karneval früher feiern, der Verkäufer schaut mich böse an, weil ich nichts kaufe, mich aber auf einen Stuhl setze und ausruhe, als würde ich ihm sein Geschäft verderben.
Bald muss ich weiter, bloß raus aus der glühenden Hitze, Spanien kann gut und gerne eine Armada an Getränkeautomaten entlang dieser Strecke aufstellen, es wird zur Mittagszeit nicht kühler. Die Straße zieht sich weiter nach vorn, wir passieren alsbald die Cañadas, von der allerdings nur noch ein Schild und eine breite Wildgrasfläche übrig sind. Auf dieser Fläche schickten die spanischen Adligen einst ihr Vieh umher, damit es sich an dem saftigen Gras satt fressen konnte, im Winter wurden die Tiere wieder eingefangen, wie auf der Alm, nur hier haben sich die Tiere eine Schneise gefressen, wie die Büffel im wilden Westen.
Hinter einem Hügel erscheint plötzlich der Kirchturm von Calzedilla de la Cueza, ich denke, dass ich es endlich geschafft habe. Aber mehr als die Kirchturmspitze kann ich nicht erkennen, egal wie weit ich noch laufe. Wie bei Hontanas ist das Ziel erst sichtbar, wenn man schon fast mit dem Gesicht gegen die Stadtmauer gelaufen ist, dann tut sich eine Lücke auf, die ich hinuntersteige und schon stehe ich am Ortseingang. Die Herberge befindet sich direkt vor mir, nur durch ein kleines Schild gekennzeichnet, doch Susanne schlüpft gerade durch die Tür hinein. Ein paar Betten sind noch frei, um das ganze paradiesisch abzurunden, und weil wir uns ja quasi in einer kochenden Wüste befinden, hat die Herberge einen Pool im Hinterhof. Nachdem ich meine Wäsche gewaschen und in der Sonne aufgehangen habe, schlüpfe ich in meine Badehose und springe in das kühle Nass, es ist eine wahre Wonne, vor allem für die geschundenen Füße. Das Blasenpflaster am Hacken löst sich beim Schwimmen teilweise von der Haut, man kann mit den Pflastern von Compeed duschen, nur leider nicht schwimmen. Als ich den Rest von der Haut schneide, sehe ich, dass die Blase beinahe vollständig verheilt ist, das Pflaster klebt nur noch an der Blasenhaut, die ja ohnehin schon abgestorben ist und auch weggeschnitten werden muss, sonst baumelt das Pflaster an meinem Fuß. Die Haut darunter, die bisher so stark geschmerzt hat, ist zur neuen robusten Oberhaut gewachsen. Nach der Operation trockne ich die Stelle und bleibe in meinen Badelatschen, die Blase bekommt schön viel Luft.
Heute ist Montag, trotzdem hat die Kirche und damit die einzige Sehenswürdigkeit im Ort geschlossen, so bleibt mir nur noch übrig die Dorfbar zu inspizieren. Eine Kochmöglichkeit gibt es in der Herberge nicht, wenn ich nicht mein Brot aus dem Rucksack esse, brauche ich hier etwas zu mampfen. Die Bar ist gleichzeitig ein Hotel, wo sich ein paar Pilger einquartiert haben, die ich Touristenpilger taufe, weil sie sich ihr Gepäck von Ort zu Ort fahren lassen und am Abend in den besten Hotels absteigen. Das mag etwas abfällig klingen und ist nicht zuletzt damit verbunden, dass ich den Großteil der deutschen Pilgerschaft meide, denn die kommen aus Deutschland und sind auf den ersten Blick so nörgelig, dass ich sie gar nicht mehr kennen lernen will, um den ersten Eindruck zu revidieren. Ich denke, wenn man den Camino läuft, sollte man sein Gepäck selber tragen, die Etappenlänge spielt keine Rolle, aber aus dem Rucksack zu leben, ist eine nicht zu unterschätzende Erfahrung, die unbedingt dazu gehört. Aber hier sind noch weitere Deutsche, um Welten freundlicher als jene, die mit vielen Koffern von Dorf zu Dorf ziehen: Susanne taucht hier auf, Eva, die ich noch aus Grañon kenne, ist gebürtig Polin, lebt aber seit ihrer Kindheit in Deutschland, und nicht zu vergessen Hans und Norbert, die Chemiker-Brüder. Sie selbst geben sich den Namen Hapegrinos, weil sie in Anlehnung an Hape Kerkeling nicht jede Nacht in der Herberge verbringen, sondern auch mal in eine Pension gehen, und ganz entspannt laufen. Die beiden schließe ich sofort in mein Herz, sie haben das gleiche negative Bild der Touristenpilger gemalt wie ich, das bietet genug Gesprächsstoff.
Am Abend lassen wir uns das Pilgermenü in der Bar kräftig schmecken, nach zwei Gläsern Wein halte ich die Hand darauf, sonst wird der nächste Morgen furchtbar.
Mit einem anderen Pilger, der schon ordentlich betrunken ist, gehe ich zur Herberge zurück. Leider schläft dieser Mann im Bett direkt neben mir und es sind immer zwei Betten eng an eng zusammen gestellt. Ich finde ihn nicht besonders nett, er war den ganzen Tag über schon aufdringlich und wollte mit uns abfällig diskutieren, Susanne hatte mich schon vorgewarnt und jetzt wird mir klar, dass diese Warnung auf ihn bezogen ist. Die nächste Bettreihe ist aber komplett frei, das wird sofort von mir veranschlagt, ich kann mich die Nacht einmal breit machen und schlafe ausgesprochen gut.

zurückgelegte Strecke: 391 km

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