Sonntag, 20. November 2011

Tag 4 2.10. Über goldene Felder

Von Pamplona nach Puente la Reina (23 km)
Harald weckt uns punkt 6 Uhr mit Gesang, der Kerl hat ein mächtiges Organ und singt prächtig. Zum Frühstück wird schlicht Toast mit Marmelade und Tee serviert, mehr braucht man auch nicht, es ist fabelhaft. Diesen Service hat man eigentlich nicht auf dem Jakobsweg. Am Tisch mit mir sitzt Harald, ein Pilger aus der Schweiz. Er ist von Genf gestartet und hat den Weg in 2-Wochen-Abschnitte aufgeteilt, ich weiß nicht, wie lange er das schon macht. Ab St.-Jean läuft er den Rest nun an einem Stück.
Die Herberge liegt ein wenig abseits vom Schuss, man kann entweder zurück in die Altstadt gehen, um die richtige Route zu finden oder man läuft mit einer Karte, wie sie mein Reiseführer hat. Auf die Weise findet man nicht perfekt hinaus, aber irgendwann treffe ich doch auf einen Wegweiser, der mich davon geleitet, schneller ist es allemal.
In Cizur Menor angekommen bin ich ungemein durstig und muss meine Flasche auffüllen, wie durch einen Schmetterlingseffekt sehe ich die unglaublichste Pilgertruppe der ganzen Reise. Ein Ehepaar, das sich das Gepäck von einem Esel tragen lässt. Die Idee ist gar nicht übel, allerdings ist es ein Esel. In einem anderen Reiseführer habe ich folgendes gelesen: „Ein Esel wird ihr Gepäck tragen, solange Sie bereit auch ihn ab und an zu tragen“. Um das zu bestätigen, läuft das Tier auf den Rasen, um das Gras abzufressen. Sein Frauchen mag dies jedoch nicht und scheucht ihn weiter, störrisch wie er ist, trottet er wenige Meter zum nächsten Grasbüschel und lässt es sich gut schmecken.
vor mir: Brenda, noch weiter vorn: Anne
Um 8 Uhr geht die Sonne auf, der Himmel ist wolkenlos und in sattes blau getaucht, die gelbe Sonne färbt das Getreide golden ein und scheint hell über die geernteten Felder. Unter dem Berg, den es zu erklimmen gilt, befindet sich das verschlafende Dörflein Zariquiegui, in dem es nichts außer einem Brunnen gibt. Dort treffe ich Anne und Brenda wieder, die schon sehr früh ihre Herberge verlassen haben. Beide haben ihre Pause beendet und marschieren mit mir weiter. Der Aufstieg zum Perdón-Kamm ist nicht sehr beschwerlich, aber er kommt mir wie der Hohe Steig vor. Für alle, die nicht mit auf der Kartierung in den Alpen waren: der Hohe Steig ist ein ätzender Weg an der Bergflanke entlang, er kann sich nie entscheiden, ob er ganz hinunter oder ganz hinauf möchte, deshalb ist man gut zwei Stunden mit ihm beschäftigt. Dieser Weg hat ebenfalls sein Auf und Ab, was aber bald vorüber ist, und schon stehen wir auf dem „Gipfel“. Wir stehen auf gerade einmal 1000 m Höhe und trotzdem ist dieser Berg eine Klimascheide, hinter uns liegt grünes Vorgebirgsnavarra und vor uns beginnt das trockene Mittelnavarra.
Die Brücke über den Arga
Der Abstieg hat es in sich, mit den vielen lockeren Steinen ist er sehr holprig und keine Freude für die Füße, die Blase wächst immer weiter und der große linke Zeh beginnt stark zu schmerzen. Wie wir feststellen müssen, sind die Hinweisschilder umsonst und lügen uns permanent an. Ein Schild verspricht uns nur noch 5 km bis nach Puente la Reina, nach 2 km kommt das gleiche Schild noch einmal.
In Puente beziehen wir die öffentliche Herberge, gerüchteweise soll es auch eine geben, die einen Pool hat, das kommt uns aber unwirklich vor. In unserer Herberge gibt es stattdessen wackelige Zwei-Etagen-Betten und jede Menge Fliegen, die einem selbst den großen Garten vermiesen können.
Photo by Alex Groundwater
Puente la Reina ist eine sehr alte und kleine Stadt und genauso sieht sie auch aus. Viel mehr als die mittelalterliche Altstadt gibt es an Häusern auch gar nicht, die Gassen sind eng und von hohen Häusern umgeben. Entlang der Hauptstraße gibt es eigentlich nur Bars, hie und da mischt sich ein kleiner Supermarkt oder Schneider unter. Es gibt drei Kirchen, die man als Besucher der Stadt alle gesehen haben sollte. Hier bekomme ich den spanischen Katholizismus erst so richtig zu spüren, die Altäre sind riesig und alles ist prunkvoll in Gold gepackt. Ein Denkmal zu Jakob darf natürlich nicht fehlen.
Das bedeutendste Ziel ist die gotische Brücke über den Rio Arga. Hier vereinen sich der aragonische Weg, vom Somport-Pass kommend, und der navarrische Weg, von Saint-Jean-Pied-de-Port. Der Name Puente la Reine bedeutet übersetzt "Brücke der Königin" und bezieht sich auf eine nicht namentlich bekannte Königin aus dem 11. Jahrhundert, die den Brückenbau gestiftet hat. Der Ort entwickelte sich dank der Brücke rasch zum Knotenpunkt und ist dadurch fest mit dem Camino verwachsen.
Der Christian beim Tagebuchschreiben
In der Herberge gibt es eine Küche mit Herd, wie ein königliches Festmahl kommen mir meinen billigen Nudeln mit Tomatensoße vor, gibt es eben nicht alle Tage. Einem Franzosen kann ich mein Taschenmesser anbieten, damit er seine Tomaten schneiden kann. Wie ein kritischer Koch fügt er seinem Salat winzige Gewürzprisen hinzu, schmeckt immer wieder ab und gibt dann noch ein klein wenig mehr. Nachdem er eine halbe Stunde seinen Salat im Kühlschrank gelassen hat, kommt er wieder und würzt noch einmal äußert sensibel nach, bis es den perfekten Geschmack gefunden hat. Leider konnte ich mich nie selbst von seinen Kochkünsten überzeugen. Die Franzosen eben...
Vincent, fotograffiert von Alex
Nach dem Essen suche ich Brenda und Anne, die sich wahrscheinlich ins nächstbeste Restaurant gesetzt haben und bereits ihr erstes Glas Wein genießen. Sie sind aber nicht zu finden, weder auf der Hauptstraße, in keiner der Bars, in keiner Kirche und auch nicht in der Nähe der Brücke. Jeden Pilger, den ich kenne, sei es auch so flüchtig, frage ich „Have you seen Anne and Brenda? One tall, one small“, die Gestik gehört selbstverständlich dazu. Niemand kann mir helfen, durch Zufall schaue ich etwas abseits bei der Allee und da sitzen sie tatsächlich in einem Lokal, mit Essen und Wein. Als ich mich dazu geselle, zeigen sich die anderen vom Nachbartisch, allesamt Iren: Harry, Michael und Louis (zwei Brüder) und Vincent, ein sehr alter Mann, aber topfit, mit dem größten Mundwerk, den besten Witzen und dem größten Wissen. Ich bin also von lauter Iren umgeben, es ist als müssten alle von denen erst nach Spanien fahren, um sich kennen zu lernen.

zurückgelegte Strecke: 93 km

Sonntag, 13. November 2011

Tag 3 1.10. Katzensprung zum Stierkampf

Von Larrasoaña nach Pamplona (15 km)
Pamplona ist eine sehr alte Stadt, obwohl in der Römerzeit gegründet gibt es Spuren von noch älteren Siedlungen in dem Gebiet. Das ist mein Ziel für heute.
Und es ist der erste Tag, an dem ich verschlafen habe, womit die Wirkung von Oropax bewiesen wäre. Viel hat dieser Morgen nicht zu bieten, es geht hauptsächlich an Schnellstraßen entlang, der ländliche Weg nach Pamplona hat der modernen Zivilisation Platz gemacht. Und als wären Schnellstraßen nicht genug, wird der Jakobsweg "restauriert", hierzulande bedeutet dies Asphalt, der auf den Weg gegossen wird. Es ist die einzige mir bekannte Route und einen Umweg um die Baustelle herum stelle ich mir schwer vor. Doch andere Länder zeigen andere Sitten, denn die Bauarbeiter bemerken mich, wie ich über die Baustelle stapfe und sie machen auch mit ihrem schweren Gerät genug Platz. Ich finde das übermäßig freundlich, hätte man das bei uns in Deutschland auch gemacht?
Die hässliche neue Straße findet alsbald ein Ende und weicht dem malerischen Villava, ein traumhaft schönes Dorf, ebenso das nahtlos angrenzende Burlada. Das Panorama gleich einem Urlaubsort an der Ostsee. Es sind aber nur Vororte von Pamplona, der Übergang ist fließend und nur durch Ortschilder erkennbar.
4 Pilger auf der Magdalenenbrücke: Brenda, Bill, Anne, Ich
Noch bevor ich Burlada verlassen habe, holen mich drei Iren ein, es sind Bill aus Roncesvalles sowie Brenda und Anne. Bill rennt uns beinahe davon, Anne und Brenda verwickeln mich in ein Gespräch. An dieser Stelle sei gesagt, dass sich die ersten Minuten eigentlich nur ums Kennenlernen drehen. Aber von der ersten Sekunde an verstehen wir uns prächtig. Anne und Brenda sind Freundinnen und gemeinsam mit Bill, den sie am Flughafen aufgegabelt haben, in St.-Jean gestartet.
Er ist den Weg schon einmal gelaufen, deshalb bleibt er nicht in Pamplona, sondern zieht zur nächsten Herberge weiter nach Cizur Menor. Anne, Brenda und ich schlendern durch die belebte Altstadt, in den Straßen ist es angenehm kühl, denn an den hohen Wohnhäusern kommt die Sonne nicht vorbei. Mit den Rucksäcken ist es aber recht umständlich, deshalb trennen wir uns vorerst und verabreden uns abends zum Wein trinken. Die beiden brechen zur städtischen Herberge auf, ich suche die private "Casa Paderborn", die hochgelobt und von den Jakobusfreunden Paderborn geleitet wird. Es ist noch genug Zeit, jetzt ist es etwa 11:30 Uhr, die Herberge öffnet erst in einer halben Stunde. Vor dem Eingang warten bereits einige Pilger, darunter Steve, ein Kanadier und eine Manchesterin. Ein paar Deutsche sind auch hier, wen wundert es bei einer deutschen Herberge, eine Pilgerin erinnert mich von Gesicht und Art her sehr an meine lebhafte Tante Elke. Eine andere Pilgerin, Sandra, ist damit beschäftigt ihren Rucksack zu erleichtern, sie hat sagenhafte 18 kg dabei, das ist doppelt so viel, wie eine Frau höchstens auf dem Weg tragen sollte. Wir helfen ihr beim Ausmüllen, vor allem Steve macht sich einen Spaß daraus. Beinahe jedes Gepäckstück kommentiert er als vollkommen nutzlos, Recht hat er, was soll sie denn mit einem 1,5 kg schweren Schlafsack im Spätsommer. Den gibt sie weg und bekommt von einem spendablen Pilger einen neuen und wesentlich leichteren. So geht es die ganze Zeit weiter, das Handtuch ist zu groß, der Kulturbeutel zu 
Harald in voller Pracht
voll, schminken braucht sich auf dem Camino ohnehin keiner und sie 
hat zu viele Klamotten bei sich.
Nun bringt ihr Rucksack nur noch 11 Kilo auf die Waage, immer noch viel, aber sein Eigengewicht spielt dort auch mit rein. Steve weiß wovon er spricht, sein Rucksack ist eine Schultasche von Eastpak und er trägt geschätzt 5 kg mit sich herum. Bis um 12 sind wir beschäftigt, dann öffnet die Herberge, die von Friederike und Harald geführt wird. Sie ist sehr sauber und bequem, das Bad könnte aus einem 4-Sterne-Hotel kommen. Harald flüstert mir zu, dass ich in der Küche nicht kochen darf (obwohl es so in meinem Reiseführer steht). Als deutsche Herberge wird sie nämlich von den spanischen Behörden schärfer als die einheimischen kontrolliert.
Die Siesta hat gerade begonnen und wir sind ein wenig ausgeruht. Sandra und ich brechen zur Stadtbesichtigung auf, was beinahe umsonst ist, denn fast alle Geschäfte haben geschlossen. An diesen Brauch habe ich mich nie gewöhnt, die Siesta kommt mir immer sehr ungelegen und liegt für die Pilger nicht günstig. Um die Mittagszeit herum erreicht man für gewöhnlich sein Ziel, verschwindet in einer Herberge, wäscht seine Wäsche wenn nötig und ruht sich aus. Danach sollte man sich wieder etwas bewegen, Besichtigungen bieten sich hervorragend dafür an. Und genau um diese Uhrzeit hat eigentlich alles geschlossen. Um 5 Uhr nachmittags öffnen die Geschäfte wieder und um 7 Uhr abends erst die Küchen der Restaurants und Bars, mit dem Essen muss also auch gewartet werden.
Ganz ausgestorben ist Pamplona aber nicht, die Kathedrale ist dennoch zu und ich habe sie nie von innen gesehen. Kurz vor Ladenschluss um 18:30 Uhr bin ich noch einmal zur Herberge gelaufen, um meinen Pilgerausweis zu holen, weil man mit diesem weniger Eintritt bezahlt. Als ich zurück kam, hatte die Kathedrale seit 10 Minuten ihre Tore versperrt. In einem Souvenirladen treffen wir jedoch Anne und Brenda wieder. Sandra hat sich dabei sofort in Anne Blues-Stimme verliebt und will sie, glaube ich, nicht mehr gehen lassen.
Plaza de Castillo, wie ausgestorben
Auf der Plaza de Castillo finden wir am Rondell in der Mitte David, den Typen, der wegen seinen Blasen schon den dritten Tag in Pamplona ist. Seine Füße sehen furchtbar aus und die Blasen sind mit Blut gefüllt, wie er damit überhaupt noch laufen konnte, ist mir ein Rätsel.
Zu Abend sitzen wir im Café Hemingway und lassen uns den Wein, eine weißen Rioja Crianza, gut schmecken. Aus einem Glas werden dabei schon einmal zwei. Leider steigt einem der Alkohol schnell zu Kopf, das ist wohl eine Folge vom täglichen Sport.
Jeder hat etwas über sich erzählt: Brenda arbeitet mit autistischen Kindern und hat selbst zwei erwachsene Kinder zu Hause, die sie schrecklich vermisst. Anne betreut Jugendliche in der Zeit zwischen der abgeschlossenen Schule und der Ausbildung oder dem Studium, was sich eventuell daran anschließt.
Ich möchte von beiden wissen, ob es stimmt, dass die Iren mehr Sympathie für Deutschland als für England hegen und sie bejahen es. Die Geschichte ist so verlaufen, dass die Iren teilweise sogar mit den Nazis sympathisierten und hofften, Hitler würde sie von den Engländern befreien. Um nationalsozialistisches Gedankengut ging es dabei nicht, aber England war ein gemeinsamer "Feind" im zweiten Weltkrieg und wie die Geschichte gezeigt hat, mündeten der englische und irische Nationalismus in der Spaltung der Insel. Der Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken besteht noch heute.
Brenda kennt sogar Hugo Hamilton, ein irischer Autor, dessen Buch „Der Matrose im Schrank“ ich gelesen habe und nur weiter empfehlen kann.
Gegen Ende gesellt sich Alex dazu, ein witziger und lebensfroher Kerl aus London. Er macht hervorragende Fotos und schleppt eigens dafür sein Ipad mit, damit er diese noch am selben Abend ins Netz stellen kann. Er hat den schrägsten Nachnamen, der mir bisher untergekommen ist. Sein Name ist Alex Groundwater. Als ich verkünde, dass ich mich in der Hydrogeologie spezialisieren möchte und das Grundwasser zum Studienobjekt wird, erzählt er mir die Geschichte seines Nachnamens, die ich hier kurz wiedergeben möchte.
Der Name „Groundwater“ stammt aus der Wikingerzeit. Als die Nordmänner mit ihren Schiffen umher segelten, hatten sie ihre Schilde stets auf der Außenbordseite montiert. Es ergab sich der Fall, dass sie das Land betreten wollten, dazu fuhren sie den Strand hinauf. Als sie immer weiter über den Grund schabten, gruben sich die Schilde in den Sand und steckten dort fest. Am Ufer warteten bereits die Einheimischen bis an die Zähne bewaffnet und begrüßten die fremden Eroberer mit Mord und Totschlag, die Wikinger konnten ihre Schilde nicht rechtzeitig aus dem Schlamm ziehen und starben einen blutigen Tod. Für die Lösung des Problems wurde für kommende Eroberungen stets der größte und stärkste (und wohl auch bärtigste) Mann mit einer gewaltigen Axt am Bug postiert. Kaum berührte das Boot den Grund (an dieser Stelle ist der Bezug zu Groundwater einwandfrei hergestellt), sprang der Krieger von Bord und metzelte alles nieder, was ihm vor die Nase kam. Den anderen Wikingern blieb genug Zeit, um an die Schilde zu kommen.
Jeder mag von der Geschichte halten was er will, unterhaltsam ist sie alle mal.
Alex schmeißt die dritte und letzte Runde Wein und lenkt das Gespräch auf die Themen Literatur und Film. Dass ich Kafka lese, entsetzt alle Anwesenden, ihm kann niemand etwas abgewinnen, über die Geschmäcker kann man eben nicht streiten. Dafür werden mir Jane Austen und die Odyssee wärmstens empfohlen.
Im England, so meint Alex, bezahlt man für eine Filmvorstellung im Kino an die zwölf Pfund als Normalpreis, mit 3D wird es entsprechend teurer. Daher geht kaum noch jemand in die Kinos. Doch als Avatar die Leinwände eroberte, war das Kino buchstäblich gerettet. Ich hoffe, solche horrenden Preise werden sich bei uns nie durchsetzen.
Es ist nun schon sehr dunkel geworden, die tanzende Menschenmenge vom Platz hat sich verdrückt und am Himmel beginnt es zu blitzen, ein Gewitter zieht auf, obwohl wir es erst für ein weit entferntes Feuerwerk gehalten haben.
Es ist gleich 10 Uhr, die Herbe schließt in wenigen Minuten und es wird Zeit sich zu verabschieden. Ein paar Sekunden später kommt plötzlich ein großer Regenschauer über die Stadt. Alle Passanten auf der Straße flüchten unter die Markisen, ich renne aber lachend durch die Straßen und werde wohl für verrückt gehalten. Gott sei Dank komme ich rechtzeitig bei der Herberge an. Harald steht bereits zwischen Tür und Angel, späht in das Unwetter hinaus und sucht seinen letzten Gast.

Pamplona und Hemingway
Countdown zu den nächsten Sanfermines
künstlerische Darstellung der Sanfermines
1926 erschien Hemingways erster größerer Roman unter dem Titel „Fiesta“. Inspiriert durch die Erlebnisse während seines Aufenthalts in Pamplona beschreibt Ernest Hemingway das Fest des Stadtpatrons San Fermín, welches jährlich zwischen vom 6. bis 14. Juli stattfindet, auch Sanfermines genannt. Besondere Bekanntheit erlangte das Fest durch die allmorgendlichen Stierläufe durch die Stadt, wobei die Tiere von ihren Stallungen aus auf einer Strecke von über 800 m durch die Altstadt getrieben werden. Die Mutprobe besteht darin möglichst lange vor den Bullen zu laufen, ihnen so nahe wie möglich zu kommen und erst im letzten Moment auszuweichen. Verletzungen sind keine Seltenheit, die besten Plätze, um diesem Spektakel zuzusehen, sind bereits Monate vorher zu Höchstpreisen vergeben.
Der Bekanntheitsgrad Pamplonas stieg quasi mit der Auflage des Buches, heute gibt es Hemingway zu Ehren ein Denkmal und eine nach ihm benannte Straße, nicht zuletzt das Café Hemingway am Plaza de Castillo, wo wir unseren Abend verbrachten.

zurückgelegte Strecke: 70 km

Montag, 7. November 2011

Tag 2 31.9. Der Biss

Von Roncesvalles nach Larrasoaña (28 km)
Es wird Zeit für eine Änderung, gestern bin ich zu lange in der Herberge geblieben und kam erst spät aus der Stadt, damit ist jetzt Schluss. Zwischen 5 und 5:30 Uhr stehen ohnehin die meisten Pilger auf, um 6 Uhr schaltet sich das Licht an, in einem so großen Schlafsaal würde länger schlafen ohnehin keinen Sinn ergeben. Einige kommentieren die Nacht als furchtbar, es war auch sehr laut, so ein Schnarchkonzert hatte ich noch nie. Allerdings hörte ich auch nur etwas, wenn ich meine Ohrenstöpsel herausnahm, danke Oropax.
Es ist noch dunkel draußen, kurz vor 7 Uhr verlasse ich die Herberge, so viel zum Vorsatz. Es geht durch einen Wald an der Landstraße entlang, deren Markierungsschild aufmunternd verkündet, dass es bis nach Santiago noch 790 km sind. Meiner Taschenlampe sei Dank ist der finstere Weg schnell beschritten, die Markierungen sind schwer zu finden, deshalb schließen sich mir drei lichtlose Pilger an.
Pünktlich zur Öffnung der Dorfbar erreichen wir Burguete, Zeit für ein Frühstück zusammen mit zwei Bekannten von gestern, deren Namen ich aber erst in Pamplona erfahren werde: Steve aus Manchester und Bill aus Irland. Steve scheint in den späten Zwanzigern zu sein, Bill um die 60. Wir unterhalten uns zwar interessiert  - und besonders Bill scheint begeistert von meinem Geologie-Studium zu sein - allerdings ist jeder noch etwas zurückhaltend, so zurückhaltend man eben sein kann, wenn man zusammen mit 20 Pilgern vor einer Bar sitzt. Jeder läuft für sich, nur für kurze Zeit sitzt man zusammen und redet. Ob sich das noch ändern wird?
Meine Faustregel lautet keine unnötigen langen Pausen zu machen, ich brauchte etwas zu essen, das ist jetzt verputzt, es geht also rasch weiter durch das Dorf, welches übrigens malerisch aussieht. Jeder Winkel ist geputzt und gekehrt, die Häuser stehen in Reih und Glied, präsentieren sich in feinem Weiß, es hat den Anschein, dieses Dorf würde an einem Wettbewerb um die idyllischste Gemeinde teilnehmen. Lange währt dieser Eindruck nicht, der Weg biegt in ein weitläufiges Kornfeld, gerade als die Sonne aufgeht und jeden Flecken Erde in rotes Licht taucht.
In Gerendian soll es einen Supermarkt geben, nachdem ich den Weg erfragt habe, ist dieser dennoch nicht zu finden. Ich streife endlos durch das Dorf und bin dabei wohl eine witzige Erscheinung für die Leute in der Bar, an der ich oft vorbeikomme. Der Supermarkt liegt dabei direkt am Wegesrand am Ortsausgang. Was brauche ich? Nudeln und Tomatensoße, es lebt sich günstig hier, ein Hut darf auch nicht fehlen, der neueste Schrei ist ein Cowboyhut aus Wildleder, her mit dem Fetzen. Entweder sagt die Kassiererin, dass ich damit wie ein Amerikaner aussehe oder dass ich tatsächlich aus Nordamerika komme, ich werde es nie erfahren. Eins bekomme ich aber mit, sie ist erbost, dass ich kein Spanisch spreche, das kann ich ihr noch vermitteln. Als ob ich der erste nicht Spanisch sprechende Pilger wäre.
Don't stop walking
Der Rucksack hat nun an Gewicht zugelegt, dabei ist es nur 1 kg, aber man spürt jedes Quäntchen mehr.
Gerade recht zur Mittagszeit, die Kirchturmuhr schlägt 12, ist Zubiri nach einem holprigen und steilen Abstieg erreicht. Die Füße wünschen eine Pause, die haben sie sich auch verdient. Die Beine schmerzen, den Zehen geht es nicht besser und die Blase am Hacken tut ihr übriges dazu. Unter dem Kirchturm halte ich Brotzeit und denke darüber nach, wie es weitergeht. Die Herberge in Zubiri ist mir von einem Freund empfohlen worden, der Reiseführer lehnt diese allerdings ab, papperlapapp, Bett und Dusche genügen. Doch es ist erst 12 Uhr, man kann doch den Tag nicht schon um 12 beenden, wenn einen nichts erwartet. Die nächste Herberge ist auch nicht weit entfernt.
Deshalb beschließe ich noch weiterzugehen. Meinen Beinen gefällt das zuerst nicht. Die Erfahrung habe ich bereits letztes Jahr in Belgien gemacht, als ich mit zwei Freunden zum Dodentocht angetreten bin (für die Interessierten: der Dodentocht oder auch Totenkopfmarsch findet alljährlich im August statt. Start und Ziel ist die Stadt Bornem, es gilt 100 km in 24 Stunden zu Fuß zurückzulegen. Wer mehr wissen möchte, sollte es im Internet nachlesen oder kann mich auch anschreiben, es ist ein wunderbares Sportereignis). Wir haben oft kurze Pausen gemacht und uns hingesetzt. Nach 50 km war es damit vorbei und wir mussten abbrechen. Einmal abgesehen von den vielen  Blasen hatten wir starke Schmerzen in den Beinmuskeln, vom ständigen Ausruhen und dann weiterlaufen. Daher lautet meine Devise: wenn es Pausen gibt, dann nur äußerst kurze und wenigstens eine sehr lange Mittagspause. Die hatte ich, aber wegen der Stopps zwischendurch habe ich meine Muskel zu sehr strapaziert, die Schmerzen kamen. Da hilft nur die Zähne zusammen beißen und weiterlaufen, ich will nicht in Zubiri bleiben, also muss ich weiterlaufen. Nach zehn Minuten langsamen Gehens haben sich die Beine daran gewöhnt und geben Ruhe. Mit dem richtigen Biss ist vieles machbar.
Die Magnesitfabrik bei Zubiri
Es geht an einer ziemlich lärmenden und schmutzigen Magnesitfabrik vorbei, hässlich, dreckig und laut, wer das noch nicht bemerkt hat, wird durch die Hinweisschilder darauf aufmerksam gemacht, nett finde ich aber, dass sie uns am Ende der Route eine gute Reise wünschen. Wenn schon der Blick auf die Fabrik nicht schön ist, so ist er es doch auf den Boden, wo ich eine Fahrkarte aus Berlin finde, die vor wenigen Tagen entwertet wurde. Manchmal ist die Welt ein Dorf, um es vorweg zu nehmen, ich habe nie herausgefunden, wem diese Fahrkarte gehört.
Wieder in der freien Wildbahn dürstet es mich und im nächsten Augenblick höre ich plätscherndes Wasser, das von einem kleinen Wasserfall kommt. Das Wasser ist jedoch gräulich trüb, da lasse ich lieber die Finger davon.  Jetzt hätte ich gerne ein hydrochemisches Beprobungsset dabei. Kurz darauf betrete ich den Villenort Ilarratz  noblen Appartements auf Mallorca. Ein solches haben wir vor vielen Jahren im Sommer bezogen, das einzige, was hier fehlt, ist der Meerblick. Statt salziges gibt es hier aber Süßwasser aus einem Brunnen, der mir gerade recht kommt. Es sind noch zwei andere Pilger hier, wir drei sind völlig durchgeschwitzt und kauern am Brunnen wie das Vieh vor der Tränke.
Nach einer Stunde Marsch habe ich mein Tagesziel erreicht, Larrasoaña macht einen hübscheren Eindruck als Zubiri, die Herberge hat noch drei freie Betten und ist im Rathaus untergebracht.  Alles ist sehr gemütlich, der Innenhof ist spartanisch und hätte mir unter normalen Bedingungen bestimmt nicht gefallen, aber hier finde ich ihn toll und freue mich wie ein kleines Kind darüber. Hier kann ich meine dreckige Wäsche waschen, mich entspannen und sogar kochen, mehr kann man sich wirklich nicht wünschen.
Den überwiegenden Teil des Tages bin ich alleine gewandert, das hat mir nicht gefallen. Also habe ich beschlossen, dass es endlich Zeit wird neue Leute kennenzulernen und nicht nur mit ihnen zu frühstücken. Wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er schon. In der Herberge lerne ich Jan kennen, ein Krankenpfleger in den Vierzigern aus der näheren Umgebung von Frankfurt am Main. Wir unterhalten uns sehr lange im Innenhof. Er wollte den Camino bereits 2003 in Angriff nehmen, damals noch zu Rad mit einem Freund. Aus der Reise wurde nichts. Jetzt zieht er es durch und trifft sich mit besagtem Freund irgendwo auf der Strecke.
Als wir auf mein Studium zu sprechen kommen, erzählt er mir eine unglaubliche Geschichte. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts plante der Architekt Hermann Sörgel das Mittelmeer trockenzulegen. So gigantisch und utopisch es auch klingt, er hatte nicht nur ausgefeilte und durchsetzungsfähige Pläne, er steckte mit seiner Idee auch weitere Denker an. Sein Plan war die die Errichtung zweier Staudämme, der erste sperrte die Straße von Gibraltar zu und verhinderte so den wichtigen Frischwasserzufluss aus dem Atlantik. Der zweite Staudamm sollte über das süditalienische Festland und Sizilien nach Tunesien führen und so eine verkehrsgünstige Verbindung zwischen Europa und Afrika schaffen. Durch das Verdunsten des Meerwassers, würde der Meeresspiegel abgesenkt und gewaltige Flächen an Neuland gewonnen werden, der neue Kontinent trüge den Namen "Atlantropa". Die Dämme sollten die Nutzung von Wasserkraft ermöglichen, das heiße Klima Afrikas zu wohnlichen Bedingungen herunter gekühlt und die trocken gelegten Landmassen besiedelt werden. Einzig und allein Venedig erhielte einen Sonderstatus. Ein weiterer Damm, weit entfernt von der Küste und außer Sichtweite sollte die Lagune und damit die Kulturstadt erhalten.
Die Geschichte klingt wirklich unglaublich, zwar revolutionär und innovativ, aber dennoch zu utopisch und zu groß. Gut, dass es nur eine Idee war.
Die Bekanntschaften nehmen kein Ende, kurz vor dem Schlafen gehen lerne ich einen Spanier kennen. Er spricht nur Spanisch, wir verstehen uns eigentlich überhaupt nicht, aber wir versuchen es, mit Händen und Füßen. Ich glaube, er möchte über die Berliner Mauer reden, aber genau weiß ich das nicht.

zurückgelegte Strecke: 55 km

Mittwoch, 2. November 2011

Tag 1 30.9. Gewaltmarsch

Von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Orrega/Roncesvalles (27 km)
Sonnenaufgang in den Pyrenäen
Obwohl der Wecker erst um 6 Uhr losgehen sollte, werde ich durch den Lärm der anderen im Schlafsaal wach, es ist 5:45 Uhr, Zeit zum Aufstehen. Dabei heiße ich die anderen Pilger herzlich willkommen, indem ich meine Sachen ausversehen vom Bett hinunterwerfe und dadurch auch den letzten schläfrigen wachgerüttelt habe. Es gibt ein Frühstück, das finde ich hervorragend, aufwachen mit einer großen Tasse heißen Tee.
Plötzlich kommt eine Deutsche aus dem Schlafsaal gestürmt und hält ihren Wecker in der Hand, der einen ohrenbetäubenden Lärm macht und scheinbar nicht ausgehen möchte, egal wie oft sie auf den Knopf drückt. Der Herbergsvater nimmt sich der Sache an und schlägt das Ding einige Male gegen die Wand, aber es bleibt dabei, laut und lauter. Ich schreite ein, zücke mein Taschenmesser, schraube die Klappe auf und entferne die Batterie, dann ist Stille. Sofort verkündet die Frau, dass es kein Wecker sondern eine Lampe sein soll. Und tatsächlich, beim Einsetzen der Batterie leuchtet es hell auf, macht aber wieder Lärm, ein unglaubliches Gerät, die Batterie lässt die Frau besser draußen. Wenn sie allerdings auf dem Weg verloren gehen sollte, ist das bestimmt eine gute Möglichkeit, um gefunden zu werden.
Saint-Jean-Pied-de-Port, verloren im Nebel
Um 7 Uhr breche ich auf und verlasse das noch schlafende Städtchen. Die Straße in die Berge ist sehr steil, jeder Radpilger, der hier beginnt, wird seinen Spaß haben, zumal die Wege bald nur noch über Stock und Stein führen und so mancher sein Rad dann doch lieber hinaufträgt. Eine Stunde später geht die Sonne auf und sorgt in der nebligen Landschaft für ein herrliches Panorama. Aber der Genuss hat kurze Zeit später ein Ende, nach drei Stunden Wanderung habe ich die erste Blase. Das ist doch wirklich unglaublich, ich war zehn Tage in den Alpen jeden Tag die Berge rauf und runter wandern, es gab keine einzige Blase. Da bin ich den ersten Tag auf Pilgerschaft und sofort bildet sich eine an meinem rechten Hacken, was soll's, für so etwas gibt es schließlich Blasenpflaster.
Nach der Mittagspause fängt die Sonne an zu heizen, es wird wirklich sehr heiß hier in den Bergen. Auf etwa 1250 m, kurz vor dem Berg Pic Leizar-Athéka, begegne ich das erste Mal Harry aus Irland, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn er stellt sich nicht vor. Er möchte lediglich wissen, ob der Berg vor uns der höchste Punkt ist.
"Tut mir sehr leid, aber nein, wir müssen noch etwa 200 m höher steigen".
Photo by Alex Groundwater
Er stöhnt hilfesuchend auf, trotzdem er ist gut zu Fuß und stürmt mir davon, der hat bestimmt keine Schwierigkeiten, sondern hüpft durch die Gegend wie eine Bergziege.
Entlang an der Westflanke des Berges führt der Weg zur Rolandsquelle, aus der köstliches Wasser sprudelt, kurz dahinter befindet sich die Grenze zu Spanien. Gegen 12 Uhr kommt Roncesvalles in Sicht, ich stehe auf dem höchsten Punkt, dem Cisa-Pass und darf mich für zwei Wege entscheiden. Der erste führt durch den Wald und kürzt die Landstraße erheblich ab. Der zweite geht erst einmal ebenfalls durch einen Wald zum historischen Ibañeta-Pass, wo Roland einst gegen die Basken kämpfte. Da will ich hin, doch welche Route soll ich nehmen. Da es kein Schild gibt, nehme ich einen der beiden Waldwege, natürlich den falschen. Der Weg geht permanent durch den Wald und sehr steil bergab. Die Bäume stehen so dicht, dass es unmöglich ist, zu sehen, wo man sich gerade befindet und wie weit es noch bis Roncesvalles ist. Das finde ich nicht gerade amüsant, denn unterwegs wird mir bald klar, dass ich zwar auf der kürzeren, aber dafür auch schlechteren Route bin und nicht über den Ibañeta-Pass gehen werde. Wann ich am Ziel bin, weiß ich allerdings nicht.
Die Rolandsquelle
Irgendwann ist es aber geschafft, urplötzlich habe ich den Wald verlassen, folge der Straße nach rechts und stehe mit einem Mal vor dem Kloster von Roncesvalles, viel mehr außer das, ein Hotel und eine Touristeninformation hat der Ort auch nicht zu bieten. Weil wir uns nun in Navarra befinden, dass zum Baskenland gehört, heißt der Ort im spanischen Kastellanisch Roncesvalles, im baskischen jedoch Orrega.
Die Herberge ist im Kloster untergebracht, Bettmangel herrscht gewiss nicht, es ist Platz für etwa 150 Menschen. Einen extra Raum für die Schuhe gibt es auch, der, wer hätte es gedacht, andachtsvoll stinkt. Der Mann an der Rezeption lässt mich einen kurzen Fragebogen ausfüllen, wo ich nach meiner Motivation für den Camino gefragt werde. Ich entscheide mich für kulturell und sportlich, religiös bin ich nicht hier, das macht sich schwer als konfessionsloser, und bis jetzt bin ich mir keines spirituellen Grundes bewusst. Aber ich habe noch den ganzen Weg vor mir, um darüber nachzudenken.
Die Klosteranlage von Roncesvalles
Hier bekomme ich meinen allerersten Stempel auf meinen nagelneuen Pilgerausweis. Somit bescheinige ich in einigen Wochen der katholischen Kirche, dass ich brav zu Fuß unterwegs gewesen bin und nicht durch andere Mittel abgekürzt habe. Die Stempel gibt es in jeder Herberge, man braucht jedoch nur die, in denen man die Nacht verbringt, damit ist man auch zur Nutzung sämtlicher Einrichtungen ermächtigt.
Abends findet in der Kirche eine Pilgermesse statt, nachdem alle Pilger ihren Weg in die Herberge gefunden haben. Es ist natürlich auf Spanisch, daher verstehe ich leider kein Wort, nur erahnen lässt es sich, dass der Priester uns eine unbeschwerte Reise wünscht und den kirchlichen Segen dazu erteilt. Die Musik war grandios, geradezu bombastisch, den Höhepunkt fand sie beim Einzug der Priester in die Kirche. Das gab einen Vorgeschmack dessen, was mir auf der weiteren Reise noch begegnen wird: Spanien ist ungelogen sehr katholisch, davon hatte ich zumindest schon gehört. Es war mein erster Gottesdienst in einer katholischen Kirche und er wurde gewaltig zelebriert.

Ein wenig Geschichte
Die Route über die Pyrenäen ist älter als das Volk der Franzosen und Spanier. Schon die Römer benutzten den Pyrenäenübergang als Verbindung ihrer hispanischen und aquitanischen Provinzen und bauten ihn bald zu einer befestigten Straße aus.
Eine besondere und historische Schlüsselstelle nimmt bis heute der Ibañeta-Pass ein, den Karl der Große 778 auf seinem Rückzug nach Frankreich überquerte. Ein Jahr zuvor  befand sich der fränkische König auf seinem Spanienfeldzug, nachdem ihm mehrere islamische Statthalter um seine Unterstützung in ihrem Unabhängigkeitskampf baten. Anstatt sie zu befreien, eroberte er die nordspanische Region und zog gegen Saragossa, vor dessen Toren sein Heer jedoch zum Stillstand kam. Auf eine Belagerung nicht vorbereitet musste er bald darauf den Rückzug antreten, um möglichen Verfolgern keine Gelegenheit zu geben, ließ er auf dem Rückweg das christlich-baskische Pamplona plündern und schleifen.
Die Basken sannen auf Rache und stellten den Franzosen bei der Überquerung der Berge einen Hinterhalt. Aufgrund des engen Passes war die Armee gezwungen in langen Reihen zu gehen, was sie entsprechend verwundbar machte. Nachdem der Großteil der Franken vorübergezogen war, griffen die Basken die Nachhut an. Unter ihnen befand sich der Befehlshaber Roland, der zusammen mit seinen Männern vom Hauptheer getrennt und hinab ins gedrängt wurde. Erst nach der ersten und verlustreichen Angriffswelle entschied sich der stolze Roland das Horn zu blasen, um die Armee um Hilfe zu rufen. Nach der zweiten Angriffswelle war nur noch Roland am Leben und kämpfte erbittert weiter, bis er im Pfeilhagel den Tod fand. Die Basken flohen, als sie das sich nähernde Hauptheer hörten, wurden jedoch bald eingeholt und getötet.
Die Schlacht von Roncesvalles ist ausführlich im Rolandslied, dem französischen Nationalepos, beschrieben. Die Geschichte des Helden Roland geht vermutlich auf den bretonischen Grafen Hruotland zurück. Anders als in der Historie wird das Heer jedoch nicht von Basken, sondern von Mauren angegriffen, diese Umdeutung schlägt Parallelen zu der spanischen Reconquista und den Kreuzzügen gegen die Araber.
Noch heute wird der heldenhafte Roland in Frankreich hochgeehrt, ebenso im spanischen Navarra. Entlang des Jakobsweges stehen immer wieder Statuen des Heerführers, genauso wie die steinernen gotischen Rolandskreuze, die an den Sieg der christlichen Franken über die Heiden erinnern.
Interessant ist dabei die Stilisierung Rolands zum Verteidiger der Christenheit, selbst im Baskenland, wenn man doch bedenkt, wer die Franken am Ibañeta-Pass überfiel.

zurückgelegte Strecke: 27 km

Sonntag, 30. Oktober 2011

Tag 0 29.8. Odyssee

Am 29. September 2011 habe ich den spanischen Jakobsweg mit Start in Saint-Jean-Pied-de-Port in Angriff genommen. Jeden Tag habe ich Tagebuch geführt, obwohl ich bisher nie daran interessiert gewesen bin, meine täglichen Erlebnisse aufzuschreiben. Nachdem ich einen Monat später zurück gekehrt bin, wurde ich von vielen über die Reise ausgefragt, aber mehr als "Ja, es war großartig" und einige kurze Geschichten konnte ich nicht erzählen. Die vollständige Geschichte ist einfach zu lang, als dass man sie bei einem Fotoabend oder ähnlichem vermitteln könnte. Aus diesem Grund habe ich den Blog erstellt, damit jeder, der gewillt ist, meine zahlreichen Erlebnisse nachlesen kann, Grundlage sind wie gesagt die Notizen aus meinem Tagebuch.
Fangen wir an.
Der Camino de Santiago oder im Deutschen schlicht Jakobsweg ist neben den Zielen Rom und Jerusalem einer der drei großen christlichen Pilgerwege und führt durch den Norden von Spanien nach Santiago de Compostela. Der Überlieferung zufolge liegen dort die Gebeine des heiligen Jakobus begraben, einer der zwölf Apostel Jesu Christi. Wie der Leichnam des Apostels ausgerechnet nach Santiago kam, ist bis heute nicht einwandfrei geklärt. Nachdem er sich auf spanischer Mission befand, um dort den christlichen Glauben zu verbreiten, kehrte er nach Jerusalem zurück und starb dort einen Märtyrertod. Eine Legende behauptet, dass seine Leiche über den Seeweg nach Galicien an der spanischen Westküste gebracht wurde. Der heilige Jakobus wurde daraufhin auf dem Gebiet der heutigen Stadt Santiago beigesetzt. Sein Grab wurde im 9. Jahrhundert n. Chr. wiederentdeckt und von der Kirche offiziell als dieses ausgewiesen, rasch entwickelte sich das Grab so einem beliebten Pilgerziel in der Christenheit. Wenig später errichtete man über dem Grab eine Kirche und als diese zu klein wurde eine Kathedrale, Santiago de Compostela wuchs buchstäblich über dem Grab des Apostels.
Tatsächlich hat der Jakobsweg keinen Anfang, er beginnt vor der eigenen Haustür und endet in Santiago. Diese Praxis mag in Mittelalter und Neuzeit noch sehr verbreitet gewesen sein, ist jedoch in der Moderne nur noch selten anzutreffen. Für die meisten Pilger ist der Camino de Santiago nur noch eine Route durch Spanien. Davon gibt es ebenso viele wie Sand am Meer, zu nennen seien der Camino de Norte, also der Küstenweg im Norden, die Wege ab Madrid oder Sevilla sowie der wohl bekannteste, der Camino francés.
Dieser beginnt nahe der spanisch-französischen Grenze im navarrischen Roncesvalles oder am aragonischen Somportpass. Die meisten Pilger starten jedoch im französischen Saint-Jean-Pied-de-Port und setzen dann über die Pyrenäen nach Roncesvalles über. Der Grund mag einerseits in der besseren Verkehrsanbindung gegenüber Roncesvalles liegen, andererseits jedoch für viele deutschsprachige auch das allseits bekannte Buch "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling.


Anreise nach Saint-Jean-Pied-de-Port
Der Dorfkern von Saint-Jean-Pied-de-Port
Die Nacht habe ich durchgemacht, das verspricht ein guter Tag zu werden. Gestern Abend gegen 20 Uhr sind wir von der Kartierübung aus den Alpen zurückgekehrt, wenig später ging es zu Philip, bei dem ich dankenswerter Weise mein Gepäck verstauen durfte, denn nach Hause hätte ich es nicht mehr rechtzeitig geschafft. Mein Flug nach Paris geht um 6:15 Uhr, der letzte Bus zum Flughafen Tegel ist schon abgefahren, der nächste kommt erst gegen 4 Uhr, jetzt ist es 1 Uhr. Die drei Stunden auf den Bus zu warten und aber auch wirklich nichts zu tun außer zu warten und den Gesprächen einer 40-jährigen Prostituierten, einem Betrunkenen und einem Zeitungsverkäufer zu lauschen waren nicht spaßig, ich kann mich also schon einmal in Geduld üben, falls ich in Spanien lange Zeit alleine laufe. Aber alles hat irgendwann ein Ende und der Bus fährt vor, danach läuft es wie am Schnürchen. Beim Check in am Flughafen bringt mein Rucksack 11,4 kg auf die Waage, damit hatte ich nicht gerechnet, sondern eher mit weniger Gewicht. Ich bin allerdings zu müde, um mir darüber Gedanken zu machen und lege mich vor meinem Gate auf die Bank und schlafe sofort ein. Eine halbe Stunde später wache ich völlig verwirrt auf, laufe am Flugsteig umher und suche meine Kartiergruppe, bis es mir kurze Zeit später dämmert, dass ich nicht mehr in den Alpen, sondern auf dem Weg nach Paris bin.
Um vom Pariser Flughafen Orly zum Gare de Montparnasse zu gelangen, hatte ich mich vorbereitet und einige Verbindungen im Internet recherchiert. Keine von denen lässt sich durchsetzen und ich irre suchend und fragend vor dem Flughafen umher. Mein Zug geht erst in zwei Stunden, aber ohne einen blassen Schimmer wie ich zum Bahnhof komme, fühle ich mich nicht wohl. Französischkenntnisse sind so gut wie nicht mehr vorhanden, jedoch erbarmt sich der Mann am Infoschalter und teilt mir in Englisch mit, dass es einen Shuttlebus nach Montparnasse gibt und wo ich ihn finden kann. Das ist meine Rettung, der Bus kann zwar lange nicht abfahren, weil immer wieder neue Fahrgäste erscheinen, und steckt auch wenig später in einem morgendlichen Pariser Stau, dennoch ist er pünktlich am Bahnhof. So mancher Berliner Bus kann sich daran ein Beispiel nehmen.
10:10 Uhr verlässt der TGV Montparnasse, der nächste Halt ist Bordeaux, wo einige Leute mit großen Rucksäcken einsteigen, das könnten tatsächlich Pilger sein. Mit dem TGV zu fahren, ist sehr angenehm, es ist kein ICE-Standard, aber trotzdem sehr bequem und immerhin hält er sich an seinen Fahrplan, denn er erreicht Bayonne auf die Minute genau. Dort muss ich umsteigen in den "Bummelzug" nach St.-Jean, kein Mensch weiß, wo der abfährt, eine große Traube von Reisenden, allesamt mit Rucksäcken, trottet zum nächsten Bahnsteig und da steht er, der hochmoderne Zug, der uns in eineinhalb Stunden nach St.-Jean bringt, er hat den Namen "Bummelzug" wohl nur bekommen, weil er sich gemächlich durch die dschungelartige Berglandschaft schlängelt.
In St.-Jean angekommen werden wir buchstäblich an die Hand genommen und mit Hinweisschildern in die Altstadt geführt, dort findet jeder zum Pilgerbüro, wo ich mir den Pilgerausweis, eine Jakobsmuschel und auch gleich einen Herbergsplatz besorge, allerdings vergesse ich den ersten Stempel und werde danach den nächsten Monat noch gefragt.
In der Herberge hat jeder ein Buch zum Lesen, sehr schlau, es ist schließlich erst 6 Uhr abends, was will man die restliche Zeit machen? Daran habe ich nicht gedacht, ich habe allerdings auch kein Buch, was erstens leicht genug ist und zweitens noch genug zum Lesen bietet. Daher muss ich noch einmal in einen Bücherladen, der Verkäufer ist fröhlich gestimmt und singt in einer Tour, kann jedoch nur französisch, daher muss die Verkäuferin im Café gegenüber meinen Wunsch übersetzen. Wenige Minuten später bin ich stolzer Besitzer des Buches "The Man from Beijing" von Henning Mankell, dick und leicht, das mag ich an englischsprachigen Büchern.
Die Nachtruhe beginnt früh, alle gehen um 20 Uhr schlafen, gewöhn dich daran Christian, Gute Nacht.