Sonntag, 13. November 2011

Tag 3 1.10. Katzensprung zum Stierkampf

Von Larrasoaña nach Pamplona (15 km)
Pamplona ist eine sehr alte Stadt, obwohl in der Römerzeit gegründet gibt es Spuren von noch älteren Siedlungen in dem Gebiet. Das ist mein Ziel für heute.
Und es ist der erste Tag, an dem ich verschlafen habe, womit die Wirkung von Oropax bewiesen wäre. Viel hat dieser Morgen nicht zu bieten, es geht hauptsächlich an Schnellstraßen entlang, der ländliche Weg nach Pamplona hat der modernen Zivilisation Platz gemacht. Und als wären Schnellstraßen nicht genug, wird der Jakobsweg "restauriert", hierzulande bedeutet dies Asphalt, der auf den Weg gegossen wird. Es ist die einzige mir bekannte Route und einen Umweg um die Baustelle herum stelle ich mir schwer vor. Doch andere Länder zeigen andere Sitten, denn die Bauarbeiter bemerken mich, wie ich über die Baustelle stapfe und sie machen auch mit ihrem schweren Gerät genug Platz. Ich finde das übermäßig freundlich, hätte man das bei uns in Deutschland auch gemacht?
Die hässliche neue Straße findet alsbald ein Ende und weicht dem malerischen Villava, ein traumhaft schönes Dorf, ebenso das nahtlos angrenzende Burlada. Das Panorama gleich einem Urlaubsort an der Ostsee. Es sind aber nur Vororte von Pamplona, der Übergang ist fließend und nur durch Ortschilder erkennbar.
4 Pilger auf der Magdalenenbrücke: Brenda, Bill, Anne, Ich
Noch bevor ich Burlada verlassen habe, holen mich drei Iren ein, es sind Bill aus Roncesvalles sowie Brenda und Anne. Bill rennt uns beinahe davon, Anne und Brenda verwickeln mich in ein Gespräch. An dieser Stelle sei gesagt, dass sich die ersten Minuten eigentlich nur ums Kennenlernen drehen. Aber von der ersten Sekunde an verstehen wir uns prächtig. Anne und Brenda sind Freundinnen und gemeinsam mit Bill, den sie am Flughafen aufgegabelt haben, in St.-Jean gestartet.
Er ist den Weg schon einmal gelaufen, deshalb bleibt er nicht in Pamplona, sondern zieht zur nächsten Herberge weiter nach Cizur Menor. Anne, Brenda und ich schlendern durch die belebte Altstadt, in den Straßen ist es angenehm kühl, denn an den hohen Wohnhäusern kommt die Sonne nicht vorbei. Mit den Rucksäcken ist es aber recht umständlich, deshalb trennen wir uns vorerst und verabreden uns abends zum Wein trinken. Die beiden brechen zur städtischen Herberge auf, ich suche die private "Casa Paderborn", die hochgelobt und von den Jakobusfreunden Paderborn geleitet wird. Es ist noch genug Zeit, jetzt ist es etwa 11:30 Uhr, die Herberge öffnet erst in einer halben Stunde. Vor dem Eingang warten bereits einige Pilger, darunter Steve, ein Kanadier und eine Manchesterin. Ein paar Deutsche sind auch hier, wen wundert es bei einer deutschen Herberge, eine Pilgerin erinnert mich von Gesicht und Art her sehr an meine lebhafte Tante Elke. Eine andere Pilgerin, Sandra, ist damit beschäftigt ihren Rucksack zu erleichtern, sie hat sagenhafte 18 kg dabei, das ist doppelt so viel, wie eine Frau höchstens auf dem Weg tragen sollte. Wir helfen ihr beim Ausmüllen, vor allem Steve macht sich einen Spaß daraus. Beinahe jedes Gepäckstück kommentiert er als vollkommen nutzlos, Recht hat er, was soll sie denn mit einem 1,5 kg schweren Schlafsack im Spätsommer. Den gibt sie weg und bekommt von einem spendablen Pilger einen neuen und wesentlich leichteren. So geht es die ganze Zeit weiter, das Handtuch ist zu groß, der Kulturbeutel zu 
Harald in voller Pracht
voll, schminken braucht sich auf dem Camino ohnehin keiner und sie 
hat zu viele Klamotten bei sich.
Nun bringt ihr Rucksack nur noch 11 Kilo auf die Waage, immer noch viel, aber sein Eigengewicht spielt dort auch mit rein. Steve weiß wovon er spricht, sein Rucksack ist eine Schultasche von Eastpak und er trägt geschätzt 5 kg mit sich herum. Bis um 12 sind wir beschäftigt, dann öffnet die Herberge, die von Friederike und Harald geführt wird. Sie ist sehr sauber und bequem, das Bad könnte aus einem 4-Sterne-Hotel kommen. Harald flüstert mir zu, dass ich in der Küche nicht kochen darf (obwohl es so in meinem Reiseführer steht). Als deutsche Herberge wird sie nämlich von den spanischen Behörden schärfer als die einheimischen kontrolliert.
Die Siesta hat gerade begonnen und wir sind ein wenig ausgeruht. Sandra und ich brechen zur Stadtbesichtigung auf, was beinahe umsonst ist, denn fast alle Geschäfte haben geschlossen. An diesen Brauch habe ich mich nie gewöhnt, die Siesta kommt mir immer sehr ungelegen und liegt für die Pilger nicht günstig. Um die Mittagszeit herum erreicht man für gewöhnlich sein Ziel, verschwindet in einer Herberge, wäscht seine Wäsche wenn nötig und ruht sich aus. Danach sollte man sich wieder etwas bewegen, Besichtigungen bieten sich hervorragend dafür an. Und genau um diese Uhrzeit hat eigentlich alles geschlossen. Um 5 Uhr nachmittags öffnen die Geschäfte wieder und um 7 Uhr abends erst die Küchen der Restaurants und Bars, mit dem Essen muss also auch gewartet werden.
Ganz ausgestorben ist Pamplona aber nicht, die Kathedrale ist dennoch zu und ich habe sie nie von innen gesehen. Kurz vor Ladenschluss um 18:30 Uhr bin ich noch einmal zur Herberge gelaufen, um meinen Pilgerausweis zu holen, weil man mit diesem weniger Eintritt bezahlt. Als ich zurück kam, hatte die Kathedrale seit 10 Minuten ihre Tore versperrt. In einem Souvenirladen treffen wir jedoch Anne und Brenda wieder. Sandra hat sich dabei sofort in Anne Blues-Stimme verliebt und will sie, glaube ich, nicht mehr gehen lassen.
Plaza de Castillo, wie ausgestorben
Auf der Plaza de Castillo finden wir am Rondell in der Mitte David, den Typen, der wegen seinen Blasen schon den dritten Tag in Pamplona ist. Seine Füße sehen furchtbar aus und die Blasen sind mit Blut gefüllt, wie er damit überhaupt noch laufen konnte, ist mir ein Rätsel.
Zu Abend sitzen wir im Café Hemingway und lassen uns den Wein, eine weißen Rioja Crianza, gut schmecken. Aus einem Glas werden dabei schon einmal zwei. Leider steigt einem der Alkohol schnell zu Kopf, das ist wohl eine Folge vom täglichen Sport.
Jeder hat etwas über sich erzählt: Brenda arbeitet mit autistischen Kindern und hat selbst zwei erwachsene Kinder zu Hause, die sie schrecklich vermisst. Anne betreut Jugendliche in der Zeit zwischen der abgeschlossenen Schule und der Ausbildung oder dem Studium, was sich eventuell daran anschließt.
Ich möchte von beiden wissen, ob es stimmt, dass die Iren mehr Sympathie für Deutschland als für England hegen und sie bejahen es. Die Geschichte ist so verlaufen, dass die Iren teilweise sogar mit den Nazis sympathisierten und hofften, Hitler würde sie von den Engländern befreien. Um nationalsozialistisches Gedankengut ging es dabei nicht, aber England war ein gemeinsamer "Feind" im zweiten Weltkrieg und wie die Geschichte gezeigt hat, mündeten der englische und irische Nationalismus in der Spaltung der Insel. Der Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken besteht noch heute.
Brenda kennt sogar Hugo Hamilton, ein irischer Autor, dessen Buch „Der Matrose im Schrank“ ich gelesen habe und nur weiter empfehlen kann.
Gegen Ende gesellt sich Alex dazu, ein witziger und lebensfroher Kerl aus London. Er macht hervorragende Fotos und schleppt eigens dafür sein Ipad mit, damit er diese noch am selben Abend ins Netz stellen kann. Er hat den schrägsten Nachnamen, der mir bisher untergekommen ist. Sein Name ist Alex Groundwater. Als ich verkünde, dass ich mich in der Hydrogeologie spezialisieren möchte und das Grundwasser zum Studienobjekt wird, erzählt er mir die Geschichte seines Nachnamens, die ich hier kurz wiedergeben möchte.
Der Name „Groundwater“ stammt aus der Wikingerzeit. Als die Nordmänner mit ihren Schiffen umher segelten, hatten sie ihre Schilde stets auf der Außenbordseite montiert. Es ergab sich der Fall, dass sie das Land betreten wollten, dazu fuhren sie den Strand hinauf. Als sie immer weiter über den Grund schabten, gruben sich die Schilde in den Sand und steckten dort fest. Am Ufer warteten bereits die Einheimischen bis an die Zähne bewaffnet und begrüßten die fremden Eroberer mit Mord und Totschlag, die Wikinger konnten ihre Schilde nicht rechtzeitig aus dem Schlamm ziehen und starben einen blutigen Tod. Für die Lösung des Problems wurde für kommende Eroberungen stets der größte und stärkste (und wohl auch bärtigste) Mann mit einer gewaltigen Axt am Bug postiert. Kaum berührte das Boot den Grund (an dieser Stelle ist der Bezug zu Groundwater einwandfrei hergestellt), sprang der Krieger von Bord und metzelte alles nieder, was ihm vor die Nase kam. Den anderen Wikingern blieb genug Zeit, um an die Schilde zu kommen.
Jeder mag von der Geschichte halten was er will, unterhaltsam ist sie alle mal.
Alex schmeißt die dritte und letzte Runde Wein und lenkt das Gespräch auf die Themen Literatur und Film. Dass ich Kafka lese, entsetzt alle Anwesenden, ihm kann niemand etwas abgewinnen, über die Geschmäcker kann man eben nicht streiten. Dafür werden mir Jane Austen und die Odyssee wärmstens empfohlen.
Im England, so meint Alex, bezahlt man für eine Filmvorstellung im Kino an die zwölf Pfund als Normalpreis, mit 3D wird es entsprechend teurer. Daher geht kaum noch jemand in die Kinos. Doch als Avatar die Leinwände eroberte, war das Kino buchstäblich gerettet. Ich hoffe, solche horrenden Preise werden sich bei uns nie durchsetzen.
Es ist nun schon sehr dunkel geworden, die tanzende Menschenmenge vom Platz hat sich verdrückt und am Himmel beginnt es zu blitzen, ein Gewitter zieht auf, obwohl wir es erst für ein weit entferntes Feuerwerk gehalten haben.
Es ist gleich 10 Uhr, die Herbe schließt in wenigen Minuten und es wird Zeit sich zu verabschieden. Ein paar Sekunden später kommt plötzlich ein großer Regenschauer über die Stadt. Alle Passanten auf der Straße flüchten unter die Markisen, ich renne aber lachend durch die Straßen und werde wohl für verrückt gehalten. Gott sei Dank komme ich rechtzeitig bei der Herberge an. Harald steht bereits zwischen Tür und Angel, späht in das Unwetter hinaus und sucht seinen letzten Gast.

Pamplona und Hemingway
Countdown zu den nächsten Sanfermines
künstlerische Darstellung der Sanfermines
1926 erschien Hemingways erster größerer Roman unter dem Titel „Fiesta“. Inspiriert durch die Erlebnisse während seines Aufenthalts in Pamplona beschreibt Ernest Hemingway das Fest des Stadtpatrons San Fermín, welches jährlich zwischen vom 6. bis 14. Juli stattfindet, auch Sanfermines genannt. Besondere Bekanntheit erlangte das Fest durch die allmorgendlichen Stierläufe durch die Stadt, wobei die Tiere von ihren Stallungen aus auf einer Strecke von über 800 m durch die Altstadt getrieben werden. Die Mutprobe besteht darin möglichst lange vor den Bullen zu laufen, ihnen so nahe wie möglich zu kommen und erst im letzten Moment auszuweichen. Verletzungen sind keine Seltenheit, die besten Plätze, um diesem Spektakel zuzusehen, sind bereits Monate vorher zu Höchstpreisen vergeben.
Der Bekanntheitsgrad Pamplonas stieg quasi mit der Auflage des Buches, heute gibt es Hemingway zu Ehren ein Denkmal und eine nach ihm benannte Straße, nicht zuletzt das Café Hemingway am Plaza de Castillo, wo wir unseren Abend verbrachten.

zurückgelegte Strecke: 70 km

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