Sonntag, 20. November 2011

Tag 4 2.10. Über goldene Felder

Von Pamplona nach Puente la Reina (23 km)
Harald weckt uns punkt 6 Uhr mit Gesang, der Kerl hat ein mächtiges Organ und singt prächtig. Zum Frühstück wird schlicht Toast mit Marmelade und Tee serviert, mehr braucht man auch nicht, es ist fabelhaft. Diesen Service hat man eigentlich nicht auf dem Jakobsweg. Am Tisch mit mir sitzt Harald, ein Pilger aus der Schweiz. Er ist von Genf gestartet und hat den Weg in 2-Wochen-Abschnitte aufgeteilt, ich weiß nicht, wie lange er das schon macht. Ab St.-Jean läuft er den Rest nun an einem Stück.
Die Herberge liegt ein wenig abseits vom Schuss, man kann entweder zurück in die Altstadt gehen, um die richtige Route zu finden oder man läuft mit einer Karte, wie sie mein Reiseführer hat. Auf die Weise findet man nicht perfekt hinaus, aber irgendwann treffe ich doch auf einen Wegweiser, der mich davon geleitet, schneller ist es allemal.
In Cizur Menor angekommen bin ich ungemein durstig und muss meine Flasche auffüllen, wie durch einen Schmetterlingseffekt sehe ich die unglaublichste Pilgertruppe der ganzen Reise. Ein Ehepaar, das sich das Gepäck von einem Esel tragen lässt. Die Idee ist gar nicht übel, allerdings ist es ein Esel. In einem anderen Reiseführer habe ich folgendes gelesen: „Ein Esel wird ihr Gepäck tragen, solange Sie bereit auch ihn ab und an zu tragen“. Um das zu bestätigen, läuft das Tier auf den Rasen, um das Gras abzufressen. Sein Frauchen mag dies jedoch nicht und scheucht ihn weiter, störrisch wie er ist, trottet er wenige Meter zum nächsten Grasbüschel und lässt es sich gut schmecken.
vor mir: Brenda, noch weiter vorn: Anne
Um 8 Uhr geht die Sonne auf, der Himmel ist wolkenlos und in sattes blau getaucht, die gelbe Sonne färbt das Getreide golden ein und scheint hell über die geernteten Felder. Unter dem Berg, den es zu erklimmen gilt, befindet sich das verschlafende Dörflein Zariquiegui, in dem es nichts außer einem Brunnen gibt. Dort treffe ich Anne und Brenda wieder, die schon sehr früh ihre Herberge verlassen haben. Beide haben ihre Pause beendet und marschieren mit mir weiter. Der Aufstieg zum Perdón-Kamm ist nicht sehr beschwerlich, aber er kommt mir wie der Hohe Steig vor. Für alle, die nicht mit auf der Kartierung in den Alpen waren: der Hohe Steig ist ein ätzender Weg an der Bergflanke entlang, er kann sich nie entscheiden, ob er ganz hinunter oder ganz hinauf möchte, deshalb ist man gut zwei Stunden mit ihm beschäftigt. Dieser Weg hat ebenfalls sein Auf und Ab, was aber bald vorüber ist, und schon stehen wir auf dem „Gipfel“. Wir stehen auf gerade einmal 1000 m Höhe und trotzdem ist dieser Berg eine Klimascheide, hinter uns liegt grünes Vorgebirgsnavarra und vor uns beginnt das trockene Mittelnavarra.
Die Brücke über den Arga
Der Abstieg hat es in sich, mit den vielen lockeren Steinen ist er sehr holprig und keine Freude für die Füße, die Blase wächst immer weiter und der große linke Zeh beginnt stark zu schmerzen. Wie wir feststellen müssen, sind die Hinweisschilder umsonst und lügen uns permanent an. Ein Schild verspricht uns nur noch 5 km bis nach Puente la Reina, nach 2 km kommt das gleiche Schild noch einmal.
In Puente beziehen wir die öffentliche Herberge, gerüchteweise soll es auch eine geben, die einen Pool hat, das kommt uns aber unwirklich vor. In unserer Herberge gibt es stattdessen wackelige Zwei-Etagen-Betten und jede Menge Fliegen, die einem selbst den großen Garten vermiesen können.
Photo by Alex Groundwater
Puente la Reina ist eine sehr alte und kleine Stadt und genauso sieht sie auch aus. Viel mehr als die mittelalterliche Altstadt gibt es an Häusern auch gar nicht, die Gassen sind eng und von hohen Häusern umgeben. Entlang der Hauptstraße gibt es eigentlich nur Bars, hie und da mischt sich ein kleiner Supermarkt oder Schneider unter. Es gibt drei Kirchen, die man als Besucher der Stadt alle gesehen haben sollte. Hier bekomme ich den spanischen Katholizismus erst so richtig zu spüren, die Altäre sind riesig und alles ist prunkvoll in Gold gepackt. Ein Denkmal zu Jakob darf natürlich nicht fehlen.
Das bedeutendste Ziel ist die gotische Brücke über den Rio Arga. Hier vereinen sich der aragonische Weg, vom Somport-Pass kommend, und der navarrische Weg, von Saint-Jean-Pied-de-Port. Der Name Puente la Reine bedeutet übersetzt "Brücke der Königin" und bezieht sich auf eine nicht namentlich bekannte Königin aus dem 11. Jahrhundert, die den Brückenbau gestiftet hat. Der Ort entwickelte sich dank der Brücke rasch zum Knotenpunkt und ist dadurch fest mit dem Camino verwachsen.
Der Christian beim Tagebuchschreiben
In der Herberge gibt es eine Küche mit Herd, wie ein königliches Festmahl kommen mir meinen billigen Nudeln mit Tomatensoße vor, gibt es eben nicht alle Tage. Einem Franzosen kann ich mein Taschenmesser anbieten, damit er seine Tomaten schneiden kann. Wie ein kritischer Koch fügt er seinem Salat winzige Gewürzprisen hinzu, schmeckt immer wieder ab und gibt dann noch ein klein wenig mehr. Nachdem er eine halbe Stunde seinen Salat im Kühlschrank gelassen hat, kommt er wieder und würzt noch einmal äußert sensibel nach, bis es den perfekten Geschmack gefunden hat. Leider konnte ich mich nie selbst von seinen Kochkünsten überzeugen. Die Franzosen eben...
Vincent, fotograffiert von Alex
Nach dem Essen suche ich Brenda und Anne, die sich wahrscheinlich ins nächstbeste Restaurant gesetzt haben und bereits ihr erstes Glas Wein genießen. Sie sind aber nicht zu finden, weder auf der Hauptstraße, in keiner der Bars, in keiner Kirche und auch nicht in der Nähe der Brücke. Jeden Pilger, den ich kenne, sei es auch so flüchtig, frage ich „Have you seen Anne and Brenda? One tall, one small“, die Gestik gehört selbstverständlich dazu. Niemand kann mir helfen, durch Zufall schaue ich etwas abseits bei der Allee und da sitzen sie tatsächlich in einem Lokal, mit Essen und Wein. Als ich mich dazu geselle, zeigen sich die anderen vom Nachbartisch, allesamt Iren: Harry, Michael und Louis (zwei Brüder) und Vincent, ein sehr alter Mann, aber topfit, mit dem größten Mundwerk, den besten Witzen und dem größten Wissen. Ich bin also von lauter Iren umgeben, es ist als müssten alle von denen erst nach Spanien fahren, um sich kennen zu lernen.

zurückgelegte Strecke: 93 km

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