Mittwoch, 2. November 2011

Tag 1 30.9. Gewaltmarsch

Von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Orrega/Roncesvalles (27 km)
Sonnenaufgang in den Pyrenäen
Obwohl der Wecker erst um 6 Uhr losgehen sollte, werde ich durch den Lärm der anderen im Schlafsaal wach, es ist 5:45 Uhr, Zeit zum Aufstehen. Dabei heiße ich die anderen Pilger herzlich willkommen, indem ich meine Sachen ausversehen vom Bett hinunterwerfe und dadurch auch den letzten schläfrigen wachgerüttelt habe. Es gibt ein Frühstück, das finde ich hervorragend, aufwachen mit einer großen Tasse heißen Tee.
Plötzlich kommt eine Deutsche aus dem Schlafsaal gestürmt und hält ihren Wecker in der Hand, der einen ohrenbetäubenden Lärm macht und scheinbar nicht ausgehen möchte, egal wie oft sie auf den Knopf drückt. Der Herbergsvater nimmt sich der Sache an und schlägt das Ding einige Male gegen die Wand, aber es bleibt dabei, laut und lauter. Ich schreite ein, zücke mein Taschenmesser, schraube die Klappe auf und entferne die Batterie, dann ist Stille. Sofort verkündet die Frau, dass es kein Wecker sondern eine Lampe sein soll. Und tatsächlich, beim Einsetzen der Batterie leuchtet es hell auf, macht aber wieder Lärm, ein unglaubliches Gerät, die Batterie lässt die Frau besser draußen. Wenn sie allerdings auf dem Weg verloren gehen sollte, ist das bestimmt eine gute Möglichkeit, um gefunden zu werden.
Saint-Jean-Pied-de-Port, verloren im Nebel
Um 7 Uhr breche ich auf und verlasse das noch schlafende Städtchen. Die Straße in die Berge ist sehr steil, jeder Radpilger, der hier beginnt, wird seinen Spaß haben, zumal die Wege bald nur noch über Stock und Stein führen und so mancher sein Rad dann doch lieber hinaufträgt. Eine Stunde später geht die Sonne auf und sorgt in der nebligen Landschaft für ein herrliches Panorama. Aber der Genuss hat kurze Zeit später ein Ende, nach drei Stunden Wanderung habe ich die erste Blase. Das ist doch wirklich unglaublich, ich war zehn Tage in den Alpen jeden Tag die Berge rauf und runter wandern, es gab keine einzige Blase. Da bin ich den ersten Tag auf Pilgerschaft und sofort bildet sich eine an meinem rechten Hacken, was soll's, für so etwas gibt es schließlich Blasenpflaster.
Nach der Mittagspause fängt die Sonne an zu heizen, es wird wirklich sehr heiß hier in den Bergen. Auf etwa 1250 m, kurz vor dem Berg Pic Leizar-Athéka, begegne ich das erste Mal Harry aus Irland, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn er stellt sich nicht vor. Er möchte lediglich wissen, ob der Berg vor uns der höchste Punkt ist.
"Tut mir sehr leid, aber nein, wir müssen noch etwa 200 m höher steigen".
Photo by Alex Groundwater
Er stöhnt hilfesuchend auf, trotzdem er ist gut zu Fuß und stürmt mir davon, der hat bestimmt keine Schwierigkeiten, sondern hüpft durch die Gegend wie eine Bergziege.
Entlang an der Westflanke des Berges führt der Weg zur Rolandsquelle, aus der köstliches Wasser sprudelt, kurz dahinter befindet sich die Grenze zu Spanien. Gegen 12 Uhr kommt Roncesvalles in Sicht, ich stehe auf dem höchsten Punkt, dem Cisa-Pass und darf mich für zwei Wege entscheiden. Der erste führt durch den Wald und kürzt die Landstraße erheblich ab. Der zweite geht erst einmal ebenfalls durch einen Wald zum historischen Ibañeta-Pass, wo Roland einst gegen die Basken kämpfte. Da will ich hin, doch welche Route soll ich nehmen. Da es kein Schild gibt, nehme ich einen der beiden Waldwege, natürlich den falschen. Der Weg geht permanent durch den Wald und sehr steil bergab. Die Bäume stehen so dicht, dass es unmöglich ist, zu sehen, wo man sich gerade befindet und wie weit es noch bis Roncesvalles ist. Das finde ich nicht gerade amüsant, denn unterwegs wird mir bald klar, dass ich zwar auf der kürzeren, aber dafür auch schlechteren Route bin und nicht über den Ibañeta-Pass gehen werde. Wann ich am Ziel bin, weiß ich allerdings nicht.
Die Rolandsquelle
Irgendwann ist es aber geschafft, urplötzlich habe ich den Wald verlassen, folge der Straße nach rechts und stehe mit einem Mal vor dem Kloster von Roncesvalles, viel mehr außer das, ein Hotel und eine Touristeninformation hat der Ort auch nicht zu bieten. Weil wir uns nun in Navarra befinden, dass zum Baskenland gehört, heißt der Ort im spanischen Kastellanisch Roncesvalles, im baskischen jedoch Orrega.
Die Herberge ist im Kloster untergebracht, Bettmangel herrscht gewiss nicht, es ist Platz für etwa 150 Menschen. Einen extra Raum für die Schuhe gibt es auch, der, wer hätte es gedacht, andachtsvoll stinkt. Der Mann an der Rezeption lässt mich einen kurzen Fragebogen ausfüllen, wo ich nach meiner Motivation für den Camino gefragt werde. Ich entscheide mich für kulturell und sportlich, religiös bin ich nicht hier, das macht sich schwer als konfessionsloser, und bis jetzt bin ich mir keines spirituellen Grundes bewusst. Aber ich habe noch den ganzen Weg vor mir, um darüber nachzudenken.
Die Klosteranlage von Roncesvalles
Hier bekomme ich meinen allerersten Stempel auf meinen nagelneuen Pilgerausweis. Somit bescheinige ich in einigen Wochen der katholischen Kirche, dass ich brav zu Fuß unterwegs gewesen bin und nicht durch andere Mittel abgekürzt habe. Die Stempel gibt es in jeder Herberge, man braucht jedoch nur die, in denen man die Nacht verbringt, damit ist man auch zur Nutzung sämtlicher Einrichtungen ermächtigt.
Abends findet in der Kirche eine Pilgermesse statt, nachdem alle Pilger ihren Weg in die Herberge gefunden haben. Es ist natürlich auf Spanisch, daher verstehe ich leider kein Wort, nur erahnen lässt es sich, dass der Priester uns eine unbeschwerte Reise wünscht und den kirchlichen Segen dazu erteilt. Die Musik war grandios, geradezu bombastisch, den Höhepunkt fand sie beim Einzug der Priester in die Kirche. Das gab einen Vorgeschmack dessen, was mir auf der weiteren Reise noch begegnen wird: Spanien ist ungelogen sehr katholisch, davon hatte ich zumindest schon gehört. Es war mein erster Gottesdienst in einer katholischen Kirche und er wurde gewaltig zelebriert.

Ein wenig Geschichte
Die Route über die Pyrenäen ist älter als das Volk der Franzosen und Spanier. Schon die Römer benutzten den Pyrenäenübergang als Verbindung ihrer hispanischen und aquitanischen Provinzen und bauten ihn bald zu einer befestigten Straße aus.
Eine besondere und historische Schlüsselstelle nimmt bis heute der Ibañeta-Pass ein, den Karl der Große 778 auf seinem Rückzug nach Frankreich überquerte. Ein Jahr zuvor  befand sich der fränkische König auf seinem Spanienfeldzug, nachdem ihm mehrere islamische Statthalter um seine Unterstützung in ihrem Unabhängigkeitskampf baten. Anstatt sie zu befreien, eroberte er die nordspanische Region und zog gegen Saragossa, vor dessen Toren sein Heer jedoch zum Stillstand kam. Auf eine Belagerung nicht vorbereitet musste er bald darauf den Rückzug antreten, um möglichen Verfolgern keine Gelegenheit zu geben, ließ er auf dem Rückweg das christlich-baskische Pamplona plündern und schleifen.
Die Basken sannen auf Rache und stellten den Franzosen bei der Überquerung der Berge einen Hinterhalt. Aufgrund des engen Passes war die Armee gezwungen in langen Reihen zu gehen, was sie entsprechend verwundbar machte. Nachdem der Großteil der Franken vorübergezogen war, griffen die Basken die Nachhut an. Unter ihnen befand sich der Befehlshaber Roland, der zusammen mit seinen Männern vom Hauptheer getrennt und hinab ins gedrängt wurde. Erst nach der ersten und verlustreichen Angriffswelle entschied sich der stolze Roland das Horn zu blasen, um die Armee um Hilfe zu rufen. Nach der zweiten Angriffswelle war nur noch Roland am Leben und kämpfte erbittert weiter, bis er im Pfeilhagel den Tod fand. Die Basken flohen, als sie das sich nähernde Hauptheer hörten, wurden jedoch bald eingeholt und getötet.
Die Schlacht von Roncesvalles ist ausführlich im Rolandslied, dem französischen Nationalepos, beschrieben. Die Geschichte des Helden Roland geht vermutlich auf den bretonischen Grafen Hruotland zurück. Anders als in der Historie wird das Heer jedoch nicht von Basken, sondern von Mauren angegriffen, diese Umdeutung schlägt Parallelen zu der spanischen Reconquista und den Kreuzzügen gegen die Araber.
Noch heute wird der heldenhafte Roland in Frankreich hochgeehrt, ebenso im spanischen Navarra. Entlang des Jakobsweges stehen immer wieder Statuen des Heerführers, genauso wie die steinernen gotischen Rolandskreuze, die an den Sieg der christlichen Franken über die Heiden erinnern.
Interessant ist dabei die Stilisierung Rolands zum Verteidiger der Christenheit, selbst im Baskenland, wenn man doch bedenkt, wer die Franken am Ibañeta-Pass überfiel.

zurückgelegte Strecke: 27 km

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