Montag, 7. November 2011

Tag 2 31.9. Der Biss

Von Roncesvalles nach Larrasoaña (28 km)
Es wird Zeit für eine Änderung, gestern bin ich zu lange in der Herberge geblieben und kam erst spät aus der Stadt, damit ist jetzt Schluss. Zwischen 5 und 5:30 Uhr stehen ohnehin die meisten Pilger auf, um 6 Uhr schaltet sich das Licht an, in einem so großen Schlafsaal würde länger schlafen ohnehin keinen Sinn ergeben. Einige kommentieren die Nacht als furchtbar, es war auch sehr laut, so ein Schnarchkonzert hatte ich noch nie. Allerdings hörte ich auch nur etwas, wenn ich meine Ohrenstöpsel herausnahm, danke Oropax.
Es ist noch dunkel draußen, kurz vor 7 Uhr verlasse ich die Herberge, so viel zum Vorsatz. Es geht durch einen Wald an der Landstraße entlang, deren Markierungsschild aufmunternd verkündet, dass es bis nach Santiago noch 790 km sind. Meiner Taschenlampe sei Dank ist der finstere Weg schnell beschritten, die Markierungen sind schwer zu finden, deshalb schließen sich mir drei lichtlose Pilger an.
Pünktlich zur Öffnung der Dorfbar erreichen wir Burguete, Zeit für ein Frühstück zusammen mit zwei Bekannten von gestern, deren Namen ich aber erst in Pamplona erfahren werde: Steve aus Manchester und Bill aus Irland. Steve scheint in den späten Zwanzigern zu sein, Bill um die 60. Wir unterhalten uns zwar interessiert  - und besonders Bill scheint begeistert von meinem Geologie-Studium zu sein - allerdings ist jeder noch etwas zurückhaltend, so zurückhaltend man eben sein kann, wenn man zusammen mit 20 Pilgern vor einer Bar sitzt. Jeder läuft für sich, nur für kurze Zeit sitzt man zusammen und redet. Ob sich das noch ändern wird?
Meine Faustregel lautet keine unnötigen langen Pausen zu machen, ich brauchte etwas zu essen, das ist jetzt verputzt, es geht also rasch weiter durch das Dorf, welches übrigens malerisch aussieht. Jeder Winkel ist geputzt und gekehrt, die Häuser stehen in Reih und Glied, präsentieren sich in feinem Weiß, es hat den Anschein, dieses Dorf würde an einem Wettbewerb um die idyllischste Gemeinde teilnehmen. Lange währt dieser Eindruck nicht, der Weg biegt in ein weitläufiges Kornfeld, gerade als die Sonne aufgeht und jeden Flecken Erde in rotes Licht taucht.
In Gerendian soll es einen Supermarkt geben, nachdem ich den Weg erfragt habe, ist dieser dennoch nicht zu finden. Ich streife endlos durch das Dorf und bin dabei wohl eine witzige Erscheinung für die Leute in der Bar, an der ich oft vorbeikomme. Der Supermarkt liegt dabei direkt am Wegesrand am Ortsausgang. Was brauche ich? Nudeln und Tomatensoße, es lebt sich günstig hier, ein Hut darf auch nicht fehlen, der neueste Schrei ist ein Cowboyhut aus Wildleder, her mit dem Fetzen. Entweder sagt die Kassiererin, dass ich damit wie ein Amerikaner aussehe oder dass ich tatsächlich aus Nordamerika komme, ich werde es nie erfahren. Eins bekomme ich aber mit, sie ist erbost, dass ich kein Spanisch spreche, das kann ich ihr noch vermitteln. Als ob ich der erste nicht Spanisch sprechende Pilger wäre.
Don't stop walking
Der Rucksack hat nun an Gewicht zugelegt, dabei ist es nur 1 kg, aber man spürt jedes Quäntchen mehr.
Gerade recht zur Mittagszeit, die Kirchturmuhr schlägt 12, ist Zubiri nach einem holprigen und steilen Abstieg erreicht. Die Füße wünschen eine Pause, die haben sie sich auch verdient. Die Beine schmerzen, den Zehen geht es nicht besser und die Blase am Hacken tut ihr übriges dazu. Unter dem Kirchturm halte ich Brotzeit und denke darüber nach, wie es weitergeht. Die Herberge in Zubiri ist mir von einem Freund empfohlen worden, der Reiseführer lehnt diese allerdings ab, papperlapapp, Bett und Dusche genügen. Doch es ist erst 12 Uhr, man kann doch den Tag nicht schon um 12 beenden, wenn einen nichts erwartet. Die nächste Herberge ist auch nicht weit entfernt.
Deshalb beschließe ich noch weiterzugehen. Meinen Beinen gefällt das zuerst nicht. Die Erfahrung habe ich bereits letztes Jahr in Belgien gemacht, als ich mit zwei Freunden zum Dodentocht angetreten bin (für die Interessierten: der Dodentocht oder auch Totenkopfmarsch findet alljährlich im August statt. Start und Ziel ist die Stadt Bornem, es gilt 100 km in 24 Stunden zu Fuß zurückzulegen. Wer mehr wissen möchte, sollte es im Internet nachlesen oder kann mich auch anschreiben, es ist ein wunderbares Sportereignis). Wir haben oft kurze Pausen gemacht und uns hingesetzt. Nach 50 km war es damit vorbei und wir mussten abbrechen. Einmal abgesehen von den vielen  Blasen hatten wir starke Schmerzen in den Beinmuskeln, vom ständigen Ausruhen und dann weiterlaufen. Daher lautet meine Devise: wenn es Pausen gibt, dann nur äußerst kurze und wenigstens eine sehr lange Mittagspause. Die hatte ich, aber wegen der Stopps zwischendurch habe ich meine Muskel zu sehr strapaziert, die Schmerzen kamen. Da hilft nur die Zähne zusammen beißen und weiterlaufen, ich will nicht in Zubiri bleiben, also muss ich weiterlaufen. Nach zehn Minuten langsamen Gehens haben sich die Beine daran gewöhnt und geben Ruhe. Mit dem richtigen Biss ist vieles machbar.
Die Magnesitfabrik bei Zubiri
Es geht an einer ziemlich lärmenden und schmutzigen Magnesitfabrik vorbei, hässlich, dreckig und laut, wer das noch nicht bemerkt hat, wird durch die Hinweisschilder darauf aufmerksam gemacht, nett finde ich aber, dass sie uns am Ende der Route eine gute Reise wünschen. Wenn schon der Blick auf die Fabrik nicht schön ist, so ist er es doch auf den Boden, wo ich eine Fahrkarte aus Berlin finde, die vor wenigen Tagen entwertet wurde. Manchmal ist die Welt ein Dorf, um es vorweg zu nehmen, ich habe nie herausgefunden, wem diese Fahrkarte gehört.
Wieder in der freien Wildbahn dürstet es mich und im nächsten Augenblick höre ich plätscherndes Wasser, das von einem kleinen Wasserfall kommt. Das Wasser ist jedoch gräulich trüb, da lasse ich lieber die Finger davon.  Jetzt hätte ich gerne ein hydrochemisches Beprobungsset dabei. Kurz darauf betrete ich den Villenort Ilarratz  noblen Appartements auf Mallorca. Ein solches haben wir vor vielen Jahren im Sommer bezogen, das einzige, was hier fehlt, ist der Meerblick. Statt salziges gibt es hier aber Süßwasser aus einem Brunnen, der mir gerade recht kommt. Es sind noch zwei andere Pilger hier, wir drei sind völlig durchgeschwitzt und kauern am Brunnen wie das Vieh vor der Tränke.
Nach einer Stunde Marsch habe ich mein Tagesziel erreicht, Larrasoaña macht einen hübscheren Eindruck als Zubiri, die Herberge hat noch drei freie Betten und ist im Rathaus untergebracht.  Alles ist sehr gemütlich, der Innenhof ist spartanisch und hätte mir unter normalen Bedingungen bestimmt nicht gefallen, aber hier finde ich ihn toll und freue mich wie ein kleines Kind darüber. Hier kann ich meine dreckige Wäsche waschen, mich entspannen und sogar kochen, mehr kann man sich wirklich nicht wünschen.
Den überwiegenden Teil des Tages bin ich alleine gewandert, das hat mir nicht gefallen. Also habe ich beschlossen, dass es endlich Zeit wird neue Leute kennenzulernen und nicht nur mit ihnen zu frühstücken. Wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er schon. In der Herberge lerne ich Jan kennen, ein Krankenpfleger in den Vierzigern aus der näheren Umgebung von Frankfurt am Main. Wir unterhalten uns sehr lange im Innenhof. Er wollte den Camino bereits 2003 in Angriff nehmen, damals noch zu Rad mit einem Freund. Aus der Reise wurde nichts. Jetzt zieht er es durch und trifft sich mit besagtem Freund irgendwo auf der Strecke.
Als wir auf mein Studium zu sprechen kommen, erzählt er mir eine unglaubliche Geschichte. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts plante der Architekt Hermann Sörgel das Mittelmeer trockenzulegen. So gigantisch und utopisch es auch klingt, er hatte nicht nur ausgefeilte und durchsetzungsfähige Pläne, er steckte mit seiner Idee auch weitere Denker an. Sein Plan war die die Errichtung zweier Staudämme, der erste sperrte die Straße von Gibraltar zu und verhinderte so den wichtigen Frischwasserzufluss aus dem Atlantik. Der zweite Staudamm sollte über das süditalienische Festland und Sizilien nach Tunesien führen und so eine verkehrsgünstige Verbindung zwischen Europa und Afrika schaffen. Durch das Verdunsten des Meerwassers, würde der Meeresspiegel abgesenkt und gewaltige Flächen an Neuland gewonnen werden, der neue Kontinent trüge den Namen "Atlantropa". Die Dämme sollten die Nutzung von Wasserkraft ermöglichen, das heiße Klima Afrikas zu wohnlichen Bedingungen herunter gekühlt und die trocken gelegten Landmassen besiedelt werden. Einzig und allein Venedig erhielte einen Sonderstatus. Ein weiterer Damm, weit entfernt von der Küste und außer Sichtweite sollte die Lagune und damit die Kulturstadt erhalten.
Die Geschichte klingt wirklich unglaublich, zwar revolutionär und innovativ, aber dennoch zu utopisch und zu groß. Gut, dass es nur eine Idee war.
Die Bekanntschaften nehmen kein Ende, kurz vor dem Schlafen gehen lerne ich einen Spanier kennen. Er spricht nur Spanisch, wir verstehen uns eigentlich überhaupt nicht, aber wir versuchen es, mit Händen und Füßen. Ich glaube, er möchte über die Berliner Mauer reden, aber genau weiß ich das nicht.

zurückgelegte Strecke: 55 km

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