Sonntag, 27. November 2011

Tag 6 4.9. Der Wanderzirkus


Von Los Arcos nach Logroño (28 km)
Wie man so schön sagt, herrschen in fremden Ländern fremde Sitten. Mit den Menschen scheint es genauso zu sein. Bisher bin ich möglichst früh aufgestanden, einerseits, um ebenso früh in der Herberge zu sein, freie Bettenwahl ist etwas Tolles. Und andererseits, um der Mittagshitze zu entgehen.
Heute geht es aber nicht nach mir. Wir stehen um 8 auf, normalerweise wäre ich um diese Uhrzeit schon zwei Stunden unterwegs. Ebenso neu ist das morgendliche Dehnen, was auch sehr angenehm ist. Unsere Muskeln werden jeden Tag durch die vielen Kilometer verkürzt, Dehnen hilft dagegen, aber ich habe bisher keinen Gedanken daran verschwendet. Eric hat eine sehr große Blase an seiner Fußsohle, hier lerne ich auch die Essenz der Blasenbehandlung kennen. Mit Nadel und Faden durchsticht er die Blase und zieht den Faden durch. Dadurch kann das Wasser ablaufen und die Wunde sich nicht mehr schließen. Hier sei angemerkt, dass der eingeführte Faden enorm brennt, man sollte ihn vorher desinfizieren, was den Schmerz nicht lindert, aber zumindest den Dreck fernhält.
Eric's chirurgisches Werk
Ein Gutes hat das späte Aufstehen auch, man läuft die ersten Kilometer in der aufgehenden Sonne, gerade in dieser leicht hügeligen und trockenen Landschaft sieht das äußerst eindrucksvoll aus. Jytte hat sich von uns verabschiedet, sie möchte nicht so lange warten.
Bernard, Judith, Eric und ich wandern gemeinsam los. Unser Tempo ist völlig gleich, das finde ich sehr angenehm, mit Anne und Brenda hatte ich da meine Schwierigkeiten. Und noch schöner ist das Schweigen, das wir geschätzte zwei Stunden durchhalten. Niemand hat das Bedürfnis sich mitzuteilen, jeder genießt die ersten Kilometer in der Stille für sich.
Bernard, Judith und Eric, der Schatten ist meiner
Aber meine drei Begleiter brauchen dringend ihren Kaffee, so schön die ruhige Natur auch ist, ohne Koffein machen sie es nicht lange. Die erste Bar hat geschlossen, das nächste Dorf, Torres del Rio, ist nicht weit entfernt und wird zum Pausenort erklärt.
Eric trägt sein T-Shirt die ganze Zeit falsch herum, das ist mir bereits gestern aufgefallen, aber wen kümmert das schon. Für ihn ist es nicht weniger bequem, er hebt sich eben von der Masse ab. Jeder hier ist erschöpft, verschwitzt, hat Blasen oder Schlimmeres und gleichzeitig sind wir doch alle froh, auf dem Camino zu sein, wen stört da schon sein Shirt.
Kunst am Straßenschild
Die Sonne fängt ordentlich an zu heizen, zwar bläst ein beständiger Wind, aber der schafft es nicht die Wärme zu vertreiben. Es ist der Tag der neuen Lektionen: eine neue Art des Abstiegs wurde mir beigebracht. Sobald es bergab geht und der Zustand des Weges es zulässt, joggen wir hinunter, man beugt dabei automatisch die Beine und belastet mehr die Muskeln als die Kniegelenke. Die Blase erfreut sich daran nicht und quält mich mit jedem Schritt mehr, das Biest will mich anscheinend umbringen. 
Eric, Bernard und Judith unterhalten sich die ganze Zeit in Französisch, was liegt näher, es ist immerhin deren Muttersprache. Mein Französisch ist dagegen schmerzhaft eingestaubt, in Frankreich konnte ich noch ein Zugticket oder ein Baguette kaufen, aber mich gewiss nicht unterhalten. Ich versuche zu verstehen, worüber geredet wird, das ist eine spaßige Beschäftigung, wenn ich mich genug konzentriere, kann ich zumindest den Kontext begreifen. Ab und an übersetzt mir jemand das Gesagte ins Englische, damit ich nicht völlig auf der Strecke bleibe.
Wie ein Wanderzirkzus ziehen wir an den anderen Pilgern vorbei, bergab überholen wir zahlreiche Leute, die uns verwirrt hinterher und belustigt schauen, als ob sie sich fragen, welcher Verrückte schon einen Berg runter rennt.
Als große Traube marschieren wir in Viana ein und kommen zu unserer wohlverdienten Mittagspause. Bernard und Judith ziehen los und besorgen das Essen. Eric und ich flanieren im erstbesten Park, mit anderen Worten ein kleines Stück Wiese inklusive Brunnen, legen uns auf das Gras, strecken die Beine in die Luft und diskutieren über klassische Musik. Der Mann hat ein gewaltiges Wissen um die Komponisten der Klassik und ihre Musik, er kennt zahlreiche Opern und andere Konzerte, die er mir allesamt ans Herz legt. So vergeht die Zeit rasant, bis das Essen erscheint: Baguette, Kuchen, Schinken und der Wein, den ich in Irache abgezapft habe.
In Viana wollen wir nicht bleiben, deshalb muss ich zuerst meine Blase behandeln und Wandertauglich machen. Sobald ich meine Schuhe anhabe, reibt es an dem Teufelsding. Mein Plan mit mehr Polsterung die Reibung zu verringern, indem ich ein Taschentuch auf das Pflaster klebe, geht nach hinten los. Es reibt zwar nicht mehr, aber jetzt drückt es umso stärker.
Eine Wolkenbank über Logroño
Durch Viana hindurch fällt es uns schwerer weiterzugehen, denn die Stadt, insbesondere der alte Kern, ist wirklich schön. In den alten Gassen, die von Bars und Restaurants gesäumt sind, ist es voll und belebt, mit unseren bepackten Rucksäcken müssen wir uns wie Schlangen einen Weg durch das Gedränge suchen.
Wenn man Viana verlässt, kann man am Horizont bereits Logroño erkennen, auch wenn es noch weit entfernt liegt. Meine drei Begleiter laufen weit vor mir, ich möchte sie durch mein Humpeln nicht aufhalten und schlage ein nicht ganz so schnelles Tempo ein. Eine deutsche Pilgerin, Susanne, holt mich ein und bietet mir freundlich ein Blasenpflaster an. Leider helfen die mir auch nicht mehr, es muss einfach gehen. Gemeinerweise führt die Straße nicht direkt in die Stadt, sondern erst um einen kleinen Berg herum, Auf- und Abstiege setzen mir zu und machen das Wandern zur Qual.
Beine hoch und ausgeruht: Eric
Jede Qual hat dennoch ein Ende, Logroño überzeugt mich schon beim Eintritt durch ihre Schönheit, breite und lichte Straßen am Fluss entlang, eine hübsche Brücke darüber und kurz vor der Herberge die enge und verwinkelte Altstadt. Vor mir laufen drei Italiener, noch weiter vorne der Rest vom Wanderzirkus, ich beeile mich sie einzuholen. Das war eine gute Entscheidung, die drei haben mir das letzte Bett freigehalten, an der Rezeption der Herberge gab es bereits eine kleine Schlange, dank meiner drei Freunde habe ich einen Schlafplatz bekommen, ansonsten sähe ich jetzt alt aus. Die Herberge ist ziemlich groß, ebenso die Schlafsäle, davor stapeln sich die miefigen Schuhe, für die Betten gibt es Einmal-Bezüge, was ich davon halten soll, weiß ich nicht. Einerseits sorgt dies für eine gewisse Sauberkeit und beugt vielleicht so Bettwanzen vor.  Andererseits, warum sollte man die Betten säubern, wenn es doch Bettbezüge gibt. So kann alles fröhlich verdrecken. Für keine der Versionen habe ich mich bisher entschieden.
Bollwerk des Miefens
Nach dem Duschen wird es Zeit für meine Blasenbehandlung. Das Mistvieh habe ich erst mit einem Blasenpflaster abgeklebt und schließlich weitere Tapes darüber gelegt, um das Pflaster zu schützen, mein Hacken ist also ordentlich einbandagiert. Diese Konstruktion möchte ich aber nicht zerstören, das Pflaster klebt so gut, dass ich wahrscheinlich auch einen Teil der Blasenhaut mitnehmen werde, wenn ich es abziehe. Erics Technik ist mir eine große Hilfe, ich borge mir Nadel und Faden und steche im Blindflug durch die Pflaster. Das geht einfacher als gedacht, wenn man das Ganze in einem flachen Winkel angeht, spürt man schnell aber schmerzlos, wenn man auf gesunde Haut gestoßen ist. Ich ziehe fünf Fäden durch die Pflaster, die Blase ist stark angeschwollen und es entweicht viel Wasser, das allerdings nur schwer durch den dicken Belag kommt, mehrere Fäden helfen hier gut. Am Ende sieht mein Fuß wie ein Wimpel aus.
Eric braucht seinen Schlaf
Eric schläft wie ein Baby in seinem Bett, ich streife durch die Stadt und treffe Bill und Harry wieder. Mit Bill hatte ich als letztes gerechnet, ich hatte ihn schon viel weiter vermutet. Harry ist in Viana an uns vorbeigelaufen, fit wie ein Turnschuh fühlt sich der Ire. Er hatte eine interessante Theorie zu meiner Blase: ein Bein ist stets länger als das andere, deshalb habe ich auch nur am rechten Fuß Beschwerden. Jytte ist ebenfalls in der Herberge.
Um ehrlich zu sein, der Tag war eindrucksvoll und schön, wenn es um die Menschen geht. Aber auf das Wandern bezogen war er grauenvoll und bisher das Schlimmste, was ich überhaupt bisher erlebt hatte.

zurückgelegte Strecke: 165 km

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