Mittwoch, 23. November 2011

Tag 5 3.9. Vino

Von Puente la Reina nach Los Arcos (44 km)
Anne und Brenda, zwei Glöckner
Um es gleich zu erwähnen, dieser Tag versprach lange nichts Besonderes und war größtenteils ereignislos. Bis…
Okay, zurück zum Anfang. Die ganze Nacht hindurch hat es geregnet, der Boden ist aber dermaßen trocken, dass er jeden Tropfen Wasser aufsaugt und was übrig bleibt, verwandelt sich in Matsch.
Vor dem Aufbruch machen wir uns wetterfest, unter den Regensachen ist es aber bald sehr heiß, also entweder ist man nass und friert oder man schwitzt. Anne und Brenda sehen mit ihren Regencapes aus wie die Zwillingsschwestern des Glöckners von Notre Dame. Die Pfützen auf dem Weg sind ziemlich groß, doch die Schuhe sind sowieso schon eingesaut, sehr schnell tragen wir nicht nur unsere Rucksäcke, sondern auch noch einiges an klebrigem Matsch an unseren Schuhen. In Mañeru halten wir für ein kleines Frühstück in einer Municipal, das sind die öffentlichen Herbergen, diese hier ist auf Spenden basiert.
Danach trenne ich mich von Anne und Brenda, meine Zehen schmerzen enorm und ich kann nicht mit deren Tempo mithalten. Jetzt habe ich endlich auf beide gehört, denn damit lagen sie mir schon gestern in den Ohren. Ich werfe mir eine Schmerztablette ein und laufe gemütlich weiter, so geht es schon besser.
Die Aussicht wird mit jedem Schritt malerischer. Die Erde ist rotbraun, auf den geernteten Getreidefeldern sind nur noch die gelben Halme übrig, der Himmel ist dunkel, aber auf der Unterseite der Wolken kann man jeden Fetzen erkennen. Dem Regen scheinen wir hinterherzulaufen, es ist eigentlich das perfekte Pilgerwetter, nicht heiß, nur ganz leichter Nieselregen, allerdings ist der Schlamm eine Plage.
Photo by Alex Groundwater
Der Weg führt durch Lorca, kein sehr schönes Dorf, aber das kann auch am Regen liegen. Eigentlich bin ich nur auf der Durchreise, in einem Café sehe ich jedoch Anne und Brenda sitzen, die vor dem Regen geflüchtet sind, der jetzt über uns herzieht. Kaum betrete ich das Café, hört es auch schon wieder auf.
Wir gehen bald weiter und es wird immer schlammiger. Am Horizont erkennt man bereits die ersten Ausläufer von Estella an einer Bergflanke, es wirkt nur recht hässlich, wie eine Industriestadt mit alten, schmutzigen Gemäuern und schlechten Straßen.
Wie so oft, hat der Blick um die Ecke einige Überraschungen parat, hinter einer Straßenkurve betrete ich plötzlich den eigentlichen Stadtrand und mit einem Mal wird es schöner. Estella ist eine große und äußerst lebendige Stadt, von außen hätte ich ihr das niemals zugetraut. Mit meinen brockenhaften Spanischkenntnissen frage ich nach dem Postamt, ich muss ein Paket nach Hause schicken. Es sind zwar nur 500 g an Übergewicht aus meinem Rucksack, aber Kleinvieh macht auch Mist. Es gibt auf der Post nur eine Frau, die ein wenig Englisch spricht, sie ist ein wenig älter als ich und hat es anscheinend in der Schule gelernt. Nebenbei bemerkt glaube ich, dass die jungen Spanier heute kein Englisch verpflichtend in der Schule haben, nur die allerwenigsten Spanier verstehen Englisch.
Anne und Brenda wollten mich in der Stadt treffen und mit mir zusammen Mittag essen, wir haben nur keinen Ort ausgemacht. Die Stadt ist ohnehin zu voll, der Kudamm in Berlin ist ein wenig mehr gefüllt, hier finde ich ganz sicher niemanden. Nach meiner Mittagspause muss ich weiter, in Estella wollte ich von Vorneherein nicht bleiben, sondern nach Villamajor de Monjardin.
Der Weinbrunnen des Klosters
Kaum habe ich Estella verlassen, passiere ich die Klosteranlage von Irache. Mein Reiseführer prophezeit einen öffentlichen Weinbrunnen, was ich aber nie ernst genommen habe. Nun werde ich eines besseren belehrt, den Brunnen gibt es wirklich. Neben einem Hahn für Wasser gibt es einen weiteren für Wein, der tatsächlich fließt und obendrein auch noch gut schmeckt. Es ist wie im Schlaraffenland. Man kann leider nicht lange bleiben, der Wein steigt schnell zu Kopf, ich fülle mir besser einen halben Liter für später ab. Das ist normalerweise nicht gestattet, es hält sich trotzdem niemand daran, besonders nicht die Einheimischen. Es gibt sogar eine Webseite des Klosters (http://www.irache.com/index_ale.html), auf der eine Webcam verlinkt ist, irgendwann also hat man mich dort per Kamera beim Umtrunk beobachtet. Die Trauben, aus denen der Wein gemacht wird, sind übrigens auch sehr lecker. Von hier aus ist der Berg von Monjardin mit der alten Burgruine bereits in der Ferne zu erkennen.
Photo by Alex Groundwater
Hier kommt es mir vor, als ob ich eine neue Reisegruppe erreicht habe. Normalerweise kommen einem die Gesichter, die man unterwegs trifft bekannt vor, man hat sich flüchtig in der letzten Herberge oder im gestrigen Dorf gesehen. Hier ist alles neu, völlig neue Menschen, das muss die Nachhut sein, die einen Tag vor mir gestartet ist.
Um 15 Uhr treffe ich in Villamajor zusammen mit einer anderen Pilgerin ein. Die Herberge öffnet erst eine Stunde später, davor warten bereits zwei Frauen aus Frankreich. Niemand ist wirklich gesprächig, wir sind alle sehr erschöpft vom Tag, die Schuhe lüften und die Socken trocknen in der Sonne. 16 Uhr kommt und geht, eine der Französinnen steht auf und streift durch das kleine Dorf. Als sie wiederkommt, verkündet sie uns, dass diese Herberge geschlossen wurde, weil vor geraumer Zeit das Dach eingestürzt ist. Es gibt noch eine weitere Herberge, die hat aber nur noch zwei Plätze. Clever wie sie ist, hat sie die bereits für sich und ihre Freundin augenblicklich reservieren lassen.
In der Herberge sitzen schon Harry der Ire und Harald der Schweizer gemütlich bei einem Bier. Der Besitzerin bleibt nichts übrig als mich zwölf Kilometer weiter nach Los Arcos zu schicken, dort sollte ich mein Glück versuchen und nach einem freien Bett Ausschau halten, hier sei leider nichts mehr zu machen. Selbst der Boden ist mit Isomatten voll belegt.
Ein Bus fährt um die Zeit auch nicht mehr, die Pilgerin von vorhin schließt sich mir an und wir machen uns auf den Weg nach Los Arcos. Ihr Name ist Judith und sie kommt aus Quebec, Kanada. Wenige Hundert Meter hinter dem Dorf sammeln wir zwei weitere Pilger auf, die ebenfalls kein Glück in Villamajor hatten: Jytte aus Dänemark und Bernard aus Frankreich.
Nach eineinhalb Kilometern beim nächsten Brunnen haben wir schon keine Lust mehr, Bernard spricht fließend spanisch und versucht erst in der Herberge anzurufen und vier Betten freizuhalten (was die Spanier aber nicht dulden) und schließlich ein Taxi zu rufen. Nicht weit von uns gibt es zwar eine Schnellstraße, aber keine Auffahrt, Villamajor ist auch schlecht an Los Arcos angebunden, der einzige Ort, der verkehrsgünstig liegt, ist Urbiola. Wir gehen dorthin den Weg zurück. Es sieht sehr verlassen und verschlafen aus, wie immer trügt der erste Eindruck.
Jytte, Ich und Judith
In Urbiola wird nämlich eine übergroße Dorfparty gefeiert. Bernard fragt sich auf Spanisch nach der nächsten Bar durch, übersetzt es Judith auf Französisch, die es Jytte und mir dann in Englisch erzählt. Diese Routine aufzubauen, hat ein wenig gedauert. Jytte und ich standen oft mit fragenden Gesichtern in der Gegend herum, wenn sich Bernard und Judith unterhalten haben, bis der Groschen gefallen ist, dass wir sie nicht verstehen.
An dem Fest nehmen um die 560 Menschen teil, es ist eine Party von vier benachbarten Dörfern, die jedes Jahr am ersten Wochenende im September stattfindet und jedes Jahr wird das Dorf im Turnus gewechselt, nächstes Jahr ist Villamajor de Monjardin an der Reihe. Urbiola liegt abseits des Jakobsweges, wie man uns mitteilt, sind wir demnach die ersten Pilger in dem Dorf, entsprechend feierlich und herzlich werden wir begrüßt. Wir nehmen an der sehr langen Tafel Platz und werden umgehend mit Wein, Limonade, Keksen, Kuchen und Melonen bedient. Alle fragen uns über unsere Reise aus und warum wir ausgerechnet hier gelandet sind. Eine so ausgelassene und frohe Stimmung habe ich selten erlebt, jeder   will unsere Geschichte hören und kurze Zeit später sind wir das Gesprächsthema und in aller Munde.
Die lange Trinktafel in Urbiola
In den Cocktails, die uns hingestellt werden, ist so viel Fruchtsaft, dass man den Rum nicht schmecken kann, die Mixerin scheint die Dorfälteste sein. Bernard regelte alles dank seiner hervorragenden Spanischkünste, wir anderen drei saßen einfach nur da und ließen uns berieseln, ich glaube, wenn wir länger geblieben wären, hätten man uns auf den Tischen tanzen lassen und am Ende noch irgendwo einen Schlafplatz angeboten. Das Taxi lässt auf sich warten, am Rand des Dorfes wird zusätzlich ein professionelles Radrennen veranstaltet, was der Feier noch mehr einheizt. Gegen halb 8 kommt das Taxi im Dorf an, wegen der Absperrungen zum Radrennen musste die Frau wahrscheinlich einen langen Umweg in Kauf nehmen. Kurz vor Los Arcos sammeln wir Eric ein, der den ganzen Weg gelaufen ist. Das hätten wir jetzt eigentlich auch tun können, nur dann hätten wir die grandiose Party verpasst. Eric haben wir auf dem Weg nach Urbiola getroffen, er und Judith kannten sich bereits. Auf ein Taxi hatte er keine Lust, stattdessen ging er zu Fuß weiter. Als erstes hielt ich ihn und Judith für Geschwister, aber zwischen den beiden existiert genauso viel Verwandtschaft wie zwischen Brenda, Anne und mir. Er kommt aus Frankreich, hat Frau und Kinder und betreibt auf eigene Faust ein kleines Möbelhaus, gleich neben seinem eigenen Heim.
Innenraum der Kathedrale von Los Arcos
In der Herberge in Los Arcos sind noch genügend Betten frei, obwohl es schon sehr spät ist. Das ist meine Lektion für heute: es gibt für alles einen Ausweg, auch wenn es nicht im Ansatz danach aussieht. Zwischenzeitlich hatte ich den Drang alleine nach Los Arcos zu laufen, um mir ein Bett zu sichern, ich wusste schließlich nicht, ob die Aktion mit dem Taxi überhaupt funktioniert und ob wir nicht zu viele auf einmal wären. Die Bettenjagd ist aber sinnlos, es gibt immer irgendwo ein Bett. Und falls nicht, habe ich schließlich auch noch meine Isomatte dabei. Ich bin heilfroh, dass ich die vier getroffen habe, der Tag hat eine unglaubliche Wendung genommen.
Jetzt bin ich todmüde und falle wie gesteinigt ins Bett. Meine vier neuen Bekanntschaften ziehen zum Abendessen los und kommen erst spät in der Nacht zurück, als ich schon tief und fest schlafe.

zurückgelegte Strecke: 137 km

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