Montag, 30. Januar 2012

Tag 21 19.9. Die Winternacht

Von Pereje nach Triacastela (46 km)
Es war unglaublich kalt im Schlafsaal, wir hatten Decken, denen sei Dank, aber kalt ist der Raum ja trotzdem noch. Judith und ich wecken wieder alle, weil wir die ersten sind und man sich nicht totenstill aus dem Schlafsaal schleichen kann. Die deutsche Gruppe verschwindet schon durch die Vordertür, als wir noch mit den Schuhen beschäftigt sind, tüchtige Leute.
Draußen ist es abgöttisch kalt, ich schätze um die 5°C oder etwas weniger, im Spätsommer finde ich das sehr kalt. Auf solche Temperaturen sind wir nicht vorbereitet, da kann ich nur meine Zipper-Hose als komplettes Teil anziehen, die Socken so hoch wie möglich rollen, Pullover und Jacke (ich sollte eher sagen, Innenfutter und Regenjacke, denn wenn man beides kombiniert, ist es meine Winterjacke, die ist zum Glück winddicht) und Kapuze aufsetzen, eine Mütze habe ich nicht. So geht das schon, schließlich läuft man, ich will auch nicht rumjammern, aber kalt ist eben kalt. Für die Hände habe ich nichts, nach einer halben Stunde sind die völlig unterkühlt, ich versuche sie in den Ärmel zu verstecken. Judith holt mich bald schlotternd und am ganzen Leib zitternd ein, auch wenn sie aus Kanada kommt, würde sie nicht bei diesem Wetter in Sommergarnitur herumlaufen. Im nächsten Ort, Trabadelo, halten wir nach einem Café Ausschau, irgendein warmes Plätzchen gibt es hoffentlich. Zuerst sieht es vergebens aus, auf der anderen Seite der Autobahn kann ich die leuchtenden Reklameschilder einer Raststätte ausmachen, aber dann taucht vor uns ein Haus mit einer Bar im Erdgeschoss auf, und die hat schon offen. Wir kennen hier jedes Gesicht, aber niemanden beim Namen. Hier gibt es eine Waage, auf der wir unsere Rucksäcke wiegen, ich habe etwa 10 kg aufgeschnallt, das ist für mich vollkommen okay, aber noch etwas erzählt mir die Waage. Und zwar, dass ich 5 Kilo abgenommen habe, das halte ich erst für weit hergeholt, aber es stimmt wirklich (ihr kennt ja meine Schlankheit, da kann ich auch nichts dagegen tun).
Photo by Alex
Nachdem Judith ihren Kaffee und ich meinen Croissant hatte, ziehen wir weiter. Sie hat die Idee, sich ihre Socken über die Hände zu ziehen, als Ersatz für Handschuhe, aber die Socken liegen bei ihr unten im Rucksack und sie will jetzt nicht darin herum kramen. Ihre Socken setzt sie vielfältig ein. Am ersten Abend in Los Arcos kam sie aus der Dusche und verkündete: „Heute habe ich den Rat einer Pilgerin befolgt. Ich habe nämlich mein Handtuch zu Hause vergessen und die Frau hat mir geraten, meine Socken zu benutzen. Also habe ich mir die Socken, ja, sie waren sauber, übergezogen und mich abgetrocknet.“  Die Not macht erfinderisch. Kurz vor Sonnenaufgang machen wir noch einmal halt, diesmal an einer Bäckerei, Judith besteht darauf uns beiden heiße Schokolade zu kaufen, das macht wach. Nach dieser Stärkung fängt die Sonne an, die Berge zu wärmen, unseren Kälteschutz brauchen wir nicht mehr und legen ihn Stück für Stück ab, gerade als die Straße endlich richtig bergauf geht, wird es angenehm warm. Bald verlassen wir dieses betonierte Elend und steigen auf die Bergpfade um, besser gesagt Hohlwege. Der Boden ist mit großen Steinen übersät, zu den Seiten 
 türmen sich hohe Bäume und dichtes Geränke auf, wie im Dschungel komme ich mir vor, das Sonnenlicht blinzelt nur vereinzelt durch das massige Blattwerk. Die Bauern treiben ihre Kühe von den Bergen herunter, wir müssen anhalten und den Tieren Platz machen, die den ganzen Weg für sich einnehmen und gemächlich ins Tal hinab trotten, wir stoppen natürlich gerne, wir sind Stadtmenschen, so oft sehen wir keine Kuhherde. In La Laguna, die Lagune glänzt nur durch ihre Abwesenheit, machen wir Pause, der Barbesitzer wirft uns jedes Mal, wenn er vorbeikommt, böse Blicke zu, weil wir uns aus unserem Rucksack versorgen und nichts bestellen. Hinter dem Dorf liegt die Grenze zu Galicien, die letzte Provinz, in der auch Santiago de Compostela liegt. Ab hier gibt es alle 500 Meter einen Markierungsstein, der die Entfernung nach Santiago angibt. Die Frequenz nimmt mit zunehmender Nähe zum Ziel allerdings ab. Nach gut vier Stunden Wanderung haben wir O Cebreiro erreicht, hier steht eine der ältesten Pilgerherbergen, sie wurde im 11. Jahrhundert erbaut und existiert noch heute in ursprünglicher Form. O Cebreiro ist vor allem durch das Blutwunder bekannt geworden. Im 14. Jahrhundert kämpfte sich ein Bauer aus dem Tal durch Sturm und Regen des Nachts den Berg hinauf, um der heiligen Messe beizuwohnen. Der Mönch, der die Messe hielt, hielt den einzigen Gast, eben jenen Bauern, für verrückt, diese Strapazen nur für etwas Wein und Brot auf sich zu nehmen. Plötzlich verwandelten sich die Hostie in Fleisch und der Wein in Blut, seitdem gilt der Ort als bekannter Wallfahrtsort und wird auch von Massen von Touristen besucht. Wir bleiben nicht lange hier, es geht jetzt eigentlich nur noch bergab, auf diese Höhe kommen wir nie wieder. Unterwegs streifen wir einen Schweinestall, es ist das erste Schwein, dem wir in Nordspanien begegnen, fett und strahlend rosa frisst es sich über die Wiese. Judith zückt ihr Ipad, um ein Foto zu schießen, aber die Schweineschnauze guckt nie in unsere Richtung, also fängt Judith an, das Vieh anzugrunzen. Es bleibt stur und Fotoscheu, dafür hab ich seine rosa Seite voll ins Bild bekommen.
So weit noch bis Santiago
Judith interessiert sich sehr für Deutschland, ab und an versuche ich ihr etwas Deutsch beizubringen, es trägt leider kaum Früchte. Aber sie und Eric haben besonders an dem Wort „Prost“ ihren Gefallen gefunden. Sie fragt mich vor allem über mein jugendliches Umfeld aus, was die Leute in meinem Alter so machen. Wie soll ich das beantworten? Zu den Leuten aus der Schule hab ich nur noch wenig Kontakt, meine Kommilitonen sehen langsam zu, dass sie eine Spezialisierung finden. Die jüngeren Semester haben mit den Studentenmassen zu kämpfen, jetzt wo die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. So etwas haben die nicht in Kanada, auch mal gut zu wissen. Ihr Cousin war in Afghanistan, ihm ist nichts geschehen, zumindest körperlich, wenn es brenzlig wurde, war er gerade nicht dort stationiert, das hat sehr an ihm genagt, dass dagegen seine Kameraden die Schwierigkeiten abbekommen haben.
Ich weiß nicht, wie groß das Nationalbewusstsein der Kanadier ist, Judith ist überzeugte Pazifistin und hält den US-amerikanischen Patriotismus für überzogen und fehl am Platze, sie war entschieden gegen die Bush-Regierung (da finden sich auch genug in Deutschland) und bedauert, dass der jetzige kanadische Premier, der auch aus Quebec kommt, soviel Gegenwind von den Konservativen erhält, ebenso wie sie die Kritik an Obama bedauert. Sie kriegen das viel stärker als wir in Europa mit, immerhin teilen sie sich eine Grenze, von einem zum anderen Ozean.
die Grenze zu Galicien
In der Nachmittagshitze machen wir kurz in Fonfria im Hof der Herberge halt. Wir sind uns nicht sicher, ob wir hier bleiben. Naja, es gibt kein Telefon, damit ist Judith’s Wahl getroffen, also ruhen wir uns rasch aus. Dahinter kommt uns erneut eine Kuhherde entgegen, die letzte Kuh büchst aus und geht in die falsche Richtung. Der Schäferhund ist zu sehr mit der Herde beschäftigt, also ruft der Bauer einfach ihren Namen und siehe da, sie spitzt die Ohren, macht auf der Stelle kehrt und rennt zu ihrem Herrchen zurück. Ich hab noch nie erlebt, dass eine Kuh einen Namen hat, auf den sie auch hört, ich bin durch und durch ein Stadtkind.
Wir sind heilfroh nicht in Fonfria geblieben zu sein, hätten wir es getan und diesen Teil des Caminos in den dunklen Morgenstunden beschritten, wäre uns der fantastische Ausblick durch das Blattwerk der Bäume auf das Tal von Triacastela entgangen.
In Triacastela wollen wir bleiben, denn man müsste schon noch acht Kilometer hinten ranhängen, um das nächste Bett zu bekommen. Die städtische Herberge platzt aus allen Nähten, es gibt unter den vielen Alternativen nur noch eine private Herberge, die uns aufnimmt, auch die letzte im Ort. Dafür hat sie eine moderne Küche, gratis Internet und Judith und ich haben keine Zimmergenossen, die erste Nacht ohne Oropax. Ich verkoche alle meinen Nudeln, das reicht für uns beide, eine andere Pilgerin überlässt uns auch noch den Rest ihrer Pasta, Nudeln sind wirklich für jeden das Hauptgericht.
Kurz vor dem Schlafen gehen, hecken wir unseren Plan für die nächste Woche aus. Judith’s Flug von Paris nach Quebec geht Ende September, davor will sie aber noch Freunde in Paris besuchen, sie läuft also schnurstracks durch bis Santiago. Mein Flug geht am 29. September von Santiago nach Deutschland. Vor uns liegen nur noch um die 120 km und ich habe noch zehn Tage Zeit. Nach Santiago schaffe ich es in vier bis fünf Tagen, die Herbergslage sieht auch gut aus. Mein Wunschtraum noch nach Finisterre zu laufen, rückt in greifbare Nähe, was soll ich fünf Tage in Santiago gammeln, wenn ich auch weiter bis zur Küste laufen kann. Das Geld muss nur reichen, etwa zwei Mal pro Woche hebe ich Geld von meiner Visakarte ab, aber selbst ohne die Notreserve sollte es genug sein.
Ich erzähle ihr noch ein bisschen von unserer Sprache, denn sie findet es höchst seltsam, dass wir drei bestimmte Artikel haben, im Englischen gibt es immerhin nur einen. Okay, im Französischen haben die zwei.
„Zum Beispiel gibt es den Stuhl, die Treppe, das Haus. Es gibt leider keine allgemeine Regel, so heißt es auch, der Mann, die Frau, das Kind, der Junge, das Mädchen, hmm, komisch.“
Daran hängen wir uns auf, dass das Mädchen keinen weiblichen Artikel bekommt.
„Warum ist das Mädchen ein Objekt?“, lautet ihre bezeichnende Frage.
Ich weiß darauf keine Antwort und schicke am nächsten Morgen ein Hilferuf per Email an meinen Großvater, der ist Germanist und hat hoffentlich eine Antwort.
 
zurückgelegte Strecke: 656 km

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