Dienstag, 31. Januar 2012

Tag 22 20.9. Das Kloster von Samos

Von Triacastela nach Barbadelo (30 km)
Es ist soweit, ich bin krank. Abgesehen von dem Plemplem in meinem Kopf meine ich, dass mich eine Erkältung gepackt hat, der Hals kratzt und schmerzt, die Nase läuft. Großartig, hätte das nicht bis Berlin warten können?
Judith und ich hatten den Plan in Sarria einen Oktopus zu verspeisen, denn der wurde uns wärmstens empfohlen. Daraus wird nur nichts, denn wir gehen heute zwei unterschiedliche Routen und sich zu treffen, wird quasi unmöglich. Sie geht auf direktem Weg nach Sarria und wohl auch noch weiter. Ich mache heute einen Umweg über Samos, um dort die Klosteranlage zu sehen, und schlage dann erst den Pfad nach Sarria ein.
Nach Samos findet man nicht leicht, der Weg ist schlecht markiert, sehr schlecht, die Kleckerdörfer finde ich allesamt nicht auf meiner Karte, die ist also auch schon mal schlecht. Dennoch finde ich hin, gerade als die Sonne aufgeht, das Kloster liegt jetzt im aufsteigenden Licht des Feuerballs, toller Anblick, genau deswegen habe ich den Umweg in Kauf genommen, nur deswegen. Ins Kloster gehe ich nicht, eine Besichtigung würde mich meiner Zeit berauben, ich hab die Anlage gesehen, für schön befunden und ziehe weiter. Just in diesem Augenblick hält vor mir ein Auto, eine Frau steigt aus und ich muss sagen, sie sieht sehr deutsch. Keine Ahnung, woher ich das weiß, es ist mehr ein Bauchgefühl, dann steigt ihr Mann aus, okay, die beiden sind garantiert Deutsche, so ein griesgrämiges  Gesicht, so ein Bierbauch und so ein Schnauzbart, der gehört nach Deutschland. Ein Blick auf das Kennzeichen bestätigt meine Annahme. Man kann uns am Anblick erkennen?
Die Klosteranlage von Samos
Es ist typisch für diese Route, das merke ich aber erst jetzt, dass sich der Weg unzählige Male teilt, andauernd hat man die Qual der Wahl, alle Wege führen nach Santiago, aber welcher von denen geht nach Sarria? Ich weiß in etwa die Himmelsrichtung und schlage dann einfach den Weg ein, der dieser am nächsten kommt. Vom Glück bin ich gesegnet, alle Abzweigungen waren richtig. Die ganze Zeit über lief ich über Berge und durch Täler, als wäre hier die Zeit stehen geblieben, überall standen alte Häuser, alles grünte und blühte, die Vögel gaben ein lautes Konzert und seit Stunden habe ich kein Auto gesehen. Plötzlich quetsche ich mich durch eine schmale Häusergasse und bin wieder auf dem Hauptcamino, die Stille wird abrupt durch ein Radio zerschnitten.
Sarria ist eine sehr schöne Stadt, es reizt mich hier zu bleiben, aber dann fehlen mir viele Kilometer und mein Plan gerät ins Wanken. Sowieso sind alle Herbergen ausnahmslos überfüllt, dabei schlägt die Uhr erst 13. Sarria ist nebenbei gesagt der letzte Ort am dem Camino, den man gut mit Verkehrsmitteln erreichen kann und er liegt kurz vor dem 100 km Limit, das man mindestens gelaufen sein muss, um die Compostela zu erhalten. Es werden also viele Neustarter hier sein und sicher die Herbergen gefüllt haben.
Nach nur einer Stunde bin ich in Barbadelo und unsicher, ob ich hier bleibe. Einen neuen Pilger wird man hier sicher nicht treffen, denn die beiden Herbergen nehmen niemanden auf, der erst in Sarria angefangen hat, die müssen noch weiter laufen. Als ich über meinen Verbleib grüble, sehe ich Judith aus dem Herbergsbüro kommen, sie winkt mir freudig zu und ich beende den Tag für heute. Die Herberge ist auch ganz nett, die Besitzer geben sich viel Mühe, alles paradiesisch zu halten, es gibt einen sanft plätschernden Springbrunnen, am Eingang trällert Entspannungsmusik…
Ich muss sagen, der kurze Mittagsschlaf, oder heutzutage auch powernapping genannt, wirkt Wunder, danach fühlt man sich wie neugeboren. Judith erzählt mir, dass sie anfangs davon überhaupt nichts hielt, bis ihr Chef sie darauf aufmerksam gemacht hat. Seitdem hat sie in ihrem Büro eine Isomatte, rollt sie während der Mittagspause aus und hält für zehn Minuten ein Nickerchen, die Obrigkeiten begrüßen das, stärkt es danach doch erheblich die Konzentration und Arbeitsqualität. Wann wird das bei uns eingeführt? Oder ist es schon soweit und ich habe es nicht mitbekommen?
Zum Abend speisen wir im ansässigen Restaurant, die Pilgermenüs sind überall gleich, ein paar Mal kann man es wagen, aber überragend ist es nicht, soll es ja auch nicht, wir möchten nur satt werden. In den Wäldern bei Sarria gibt es anscheinend einen Waldbrand, zumindest steigen dicke Rauchwolken auf. Wenig später kommen Löschflugzeuge und entleeren ihren Wassertank über der Stelle, also wirklich ein großer Brand, den sie aber unter Kontrolle bekommen.

zurückgelegte Strecke: 686 km

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