Von Ponferrada nach Pereje (30 km)
Gestern habe ich zwei Emails von Maren und Alex erhalten, in der ersten stand, dass sie nun in O Cebreiro sind, das Gebirgsdorf, in das wir erst morgen kommen werden, die zweite schrieb, dass sie schon Santiago sehen können. Alte Schummlerinnen, sie sind wahrscheinlich mit dem Zug vorgefahren, auch wenn ich der zweiten Mail keinen Glauben schenken kann, denn so schnell sind sie dann doch nicht.
Ich habe schon wieder verschlafen, das Oropax, das ich mir jede Nacht in die Ohren stecke, um die Schnarcher zu übergehen, ist anscheinend zu gut, obwohl ich normalerweise den Wecker höre. Das Frühstück gebe ich mir diesmal auf dem Weg, der Rest des gestrigen Bocadillos. Ponferrada zu verlassen gestaltet sich typischerweise schwierig, man kann eine größere Stadt also schon einmal daran erkennen, wie leicht oder eher schwer man wieder hinaus findet. Wir übersehen partout Schilder, oder sie sind gar nicht vorhanden, mein Reiseführer hat keinen Stadtplan. Man würde sicher ohne jegliches Hilfsmittel hinaus finden, eine ungefähre Richtung lässt sich in Erfahrung bringen, aber die Arbeit will sich niemand machen. Die nervige Handtuch-Deutsche kreuzt meinen Weg, aber Gott sei Dank erkennt sie mich nicht, sie führt entschlossen ihre Gruppe an, weist jeden zurecht, dass es dort nicht lang geht und sie den Weg genau kennt…und dann verläuft sie sich. Ich weiß, meine Vorurteile machen mich frech, sei’s drum.
Gestern habe ich zwei Emails von Maren und Alex erhalten, in der ersten stand, dass sie nun in O Cebreiro sind, das Gebirgsdorf, in das wir erst morgen kommen werden, die zweite schrieb, dass sie schon Santiago sehen können. Alte Schummlerinnen, sie sind wahrscheinlich mit dem Zug vorgefahren, auch wenn ich der zweiten Mail keinen Glauben schenken kann, denn so schnell sind sie dann doch nicht.
Ich habe schon wieder verschlafen, das Oropax, das ich mir jede Nacht in die Ohren stecke, um die Schnarcher zu übergehen, ist anscheinend zu gut, obwohl ich normalerweise den Wecker höre. Das Frühstück gebe ich mir diesmal auf dem Weg, der Rest des gestrigen Bocadillos. Ponferrada zu verlassen gestaltet sich typischerweise schwierig, man kann eine größere Stadt also schon einmal daran erkennen, wie leicht oder eher schwer man wieder hinaus findet. Wir übersehen partout Schilder, oder sie sind gar nicht vorhanden, mein Reiseführer hat keinen Stadtplan. Man würde sicher ohne jegliches Hilfsmittel hinaus finden, eine ungefähre Richtung lässt sich in Erfahrung bringen, aber die Arbeit will sich niemand machen. Die nervige Handtuch-Deutsche kreuzt meinen Weg, aber Gott sei Dank erkennt sie mich nicht, sie führt entschlossen ihre Gruppe an, weist jeden zurecht, dass es dort nicht lang geht und sie den Weg genau kennt…und dann verläuft sie sich. Ich weiß, meine Vorurteile machen mich frech, sei’s drum.
| Traubenernte |
Ansonsten ist der Tag absolut unspektakulär. In Campo, das auf dem Camino liegt, wurde in der letzte Nacht augenscheinlich eine große und wüste Party gefeiert, die Innenstadt ist mehr oder weniger verwüstet, auf der Straße türmen sich Berge von Glasscherben und Müll. Die Stadtreinigung ist voll und ganz mit den Aufräumarbeiten beschäftigt, wo man hintritt, tritt man auf Glas. An der Disco, die bestimmt auch etwas mit dieser Verwüstung zu tun hat, komme ich vorbei. Auch jetzt noch, wir haben bestimmt 9 Uhr, wird dort gefeiert und so mancher Spanier torkelt sturzbetrunken vom Gelände. Was war hier nur los?
In Cacabelos treffe ich die Deutschen wieder, vermutlich auch den, dem die Fahrkarte gehörte, die ich am zweiten Tag gefunden hatte, ich nenne ihn jetzt einfach in Hypothesis Peter. Er kommt immerhin aus Fredersdorf, was mit der S-Bahn um die 15 bis 20 Minuten von mir entfernt ist, aber wirklich angefreundet haben wir uns nie. Seine Gruppe muss dringend anhalten, der eine hat einen akuten Blasennotfall, um die ist er ganz sicher nicht zu beneiden. Ich sitze schweigend daneben, in die Karte vertieft und mache mich bald wieder auf die Socken. Die Gruppe holt mich immer wieder ein, setzt sich in ein Café und ist mir bald wieder auf den Fersen. In Villafranca del Bierzo lasse ich sie ziehen und mache erstmal Pause. Villafranca gilt als das kleine Santiago, einst konnten zu Tode erkrankte Pilger bereits hier ihren Sündenablass erhalten und friedlich ins Nirvana gehen. Eine alte Motivation war neben der Besichtigung des Jakobusgrabes eben auch die Erlassung aller bisherigen Sünden. Wie der Name schon vermuten lässt, war Villafranca lange von den Franzosen besiedelt. Das Städtchen wirkt sehr nett, wie ein barockes Alpendorf stechen die vornehmen Häuser aus dem Kirchturmmeer. Aber es gibt hier auch Unmengen an Touristen, ein Effekt, der immer stärker zu Tage tritt, je näher ich Santiago komme. Wie mir gesagt wurde, lassen sich viele vom Reisebus absetzen, laufen ein Stück des Weges und werden später wieder eingesammelt. Jedem das Seine, Hauptsache uns macht niemand die Herbergenplätze streitig. Kaum habe ich meine Pause beendet und die Straße betreten, zieht Judith an mir vorbei. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Wo sind ihre Schmerzen? Achja, sie ist wieder auf Schmerztabletten, schade, dass es immer noch nicht besser wird, im schlimmsten Fall wird es sie bis Santiago quälen. Udo hat mir auch schon prophezeit, dass mich meine verletzte Sehne bis zum Ende nicht in Ruhe lassen würde. Aus dem Grund schmiere ich mir drei Mal am Tag Voltaren darauf, und drei Mal wird der Verband erneuert. Es wird besser. Nur Judith hat keine kaputte Sehne, sie hat Blasen, die müssen von selbst heilen.
Im Schlepptau ist auch Ilka, aus Deutschland, sie und Judith kennen sich schon seit Saint-Jean, weil sie sich dort ein Taxi vom Flughafen geteilt haben, Ilka gehört zu der deutschen Gruppe, der ich mich nicht anschließen möchte, auch wenn sie furchtbar nett ist, werde ich meine Entscheidung nicht revidieren.
| Nicht mehr gefährlich, dank der Bande |
Vor Villafranca muss man sich entscheiden, an dieser Stelle teilt sich der Weg (das hat er schon oft getan, weil es ständig kleinere Routen gibt, die anders als der Hauptweg verlaufen), aber diese Abzweigung ist eine besondere. Wenn man will, wandert man auf dem Camino Duro, eine sehr anstrengende und mühselige Plage, sie soll es wegen der grandiosen Aussicht (und eben auch wegen der Anstrengung) wert sein. Den ganzen Tag war ich am Grübeln ob ich mir das antue, es hatte einen starken Reiz auf mich ausgeübt, nur leider habe ich das Schild verpasst. Das ist eine gute Motivation, um die Strecke in ferner Zukunft noch einmal zu laufen. Man müsste den Camino Duro dann auch wirklich durchziehen, denn der einzige nächste Herbergsort wäre Trabadelo, wo wir heute hin wollten, aber soweit kommt es nicht.
Da wir den Camino Duro verfehlt haben, bleibt uns noch der normale Camino neben der Landstraße und unterhalb der Bergautobahn, entsprechend laut ist hier. Vor vielen Jahren, als Hape Kerkeling selbst noch Pilger war, war der Camino gleich der Landstraße, es gab keine gesonderte Strecke und auf viele Kilometer musste sich der Pilger den Camino mit rasenden Lastern und Autos teilen, eine höchst gefährliche und nervenaufreibende Angelegenheit, die auch nur zu bildlich in Hapes Buch beschrieben wird. Doch nach Hape gab es das eine oder andere Heilige Jahr mit gewaltigen Pilgermassen, nicht zuletzt weil das Buch des Komikers vielen Deutschen den Camino erst in ihr Gedächtnis gerufen hat. Deshalb wurde ein eigener Weg neben der Straße gebahnt und mit einer kleinen Betonmauer abgegrenzt. Das schönste Stück Weg ist es sicher nicht, auf Beton laufen kann ich auch in Berlin, aber immerhin wird man hier nicht über den Haufen gefahren, das genügt schon.
Wir drei entscheiden uns in Pereje zu bleiben. Der Ort zählt nicht mehr als ein paar Häuser, eine Herberge und eine Bar. Wir haben die Befürchtung keinen Schlafplatz mehr zu bekommen, die deutsche Gruppe hat Ilka das letzte Bett freigehalten, aber glücklicherweise haben sie das Kellergeschoss und den darin liegenden zweiten Schlafsaal übersehen, Judith und ich haben freie Bettenwahl, noch, denn nachdem ich meine Sachen gewaschen habe, füllt sich das Haus bis unters Dach. Im Dachstuhl steht übrigens der Herd, der mir sehr gelegen kommt, ich habe noch eine volle Tüte Nudeln im Gepäck, natürlich nicht alles auf einmal.
Zum Abend sitzt die ganze Herberge in der ortsansässigen Bar, wohin auch sonst? Judith labt sich am Pilgermenü und kostet den Wein, der auch ziemlich lecker ist. Am Tisch neben uns sitzt die deutsche Gruppe. An dieser Stelle kann ich nun erklären, wieso ich die eine von ihnen Handtuch-Oma getauft habe. In früheren Sommern sind wir viel vereist, ans Meer und nach Möglichkeit im europäischen Ausland. Überall, wo man hingeht, es sind stets auch Deutsche dabei. Und jeder kennt sicher das Phänomen, dass besonders die Deutschen extra früh aufstehen, um am Pool eine Liege zu reservieren, mit ihren Handtuch. Die Idee ist gleichsam genial wie abstoßend, denn leider haben sich das andere Nationalitäten abgeschaut. Auch die Warnschilder, dies doch zu unterlassen, stoßen auf taube Ohren oder eher blinde Augen. Überall, wo wir bisher waren, gab es wie gesagt auch den einen oder anderen Deutschen. Nach einer Woche aber waren es viele, wie sich Eisenspäne um einen Magneten sammeln, wachsen die Deutschen zu einer großen Traube heran, die dann immer am lautesten im Hotelfoyer den Ton angibt. Ich war auch mal in so einer Gruppe, in der Türkei, war nicht mehr schön. Niemand soll hier kritisiert werden, das ist bloß meine Ansicht.
Und die besagte deutsche Gruppe ist nunmal zu einer großen Traube gewachsen. Dem möchte ich mich nicht anschließen, ich genieße eher eine bunte Mischung. Mein Opa hat dies folgendermaßen kommentiert: „Auf Konferenzen habe ich mich stets zu den ausländischen Teilnehmern gesetzt, weil ich mit Leuten aus anderen Ländern als mit meinen Landsleuten sprechen wollte.“ Der Punkt ist, ich bin überzeugt, dass ich viel mehr über andere Länder lerne, wenn ich mit denen agiere, in einer mononationalen Gruppe geht das aber kaum.
Einige von denen haben noch nicht geschnallt, dass ich Deutscher bin, wie auch, ich sage schließlich kein Wort, um mein Inkognito nicht zu verraten. Der Typ aus Fredersdorf bittet mich in Englisch von der Truppe ein Foto zu machen, Ilka klärt in schließlich auf, dass er mich auch auf Deutsch fragen kann, und damit ist es dann auch geklärt. Wenig später bekomme ich den Namen Edelpilger, laut der Erklärung, weil mein Outfit perfekt aufeinander abgestimmt ist, vielleicht aber auch, weil ich sie meide, aber das denke ich nur bei mir.
Judith ist von dieser Show allzu belustigt, sie zieht mich eben gerne damit auf und meint tagsüber als Scherz „Come on, Christian, let’s meet the Germans“. Es hat sich zu einem running gag entwickelt.
Viel verrückter finde ich dagegen ihre Geschichte, dass sie jedes Jahr aus 55 Kilo Tomaten Pasta macht, die dann auch für eine lange Zeit reicht, bis im darauf folgenden Jahr neue kommt. Man möge sich vorstellen, über ein Zentner, drei bis vier normale Rispentomaten bringen etwa ein Kilo auf die Waage, sie hortet also hunderte davon im Appartement und bestätigt meine Vorahnung, dass für ein Wochenende die Wohnung ganz in Rot gekleidet ist. Die Aktion bewältigt sie in zwei Kochdurchgängen, der Topf muss riesig sein, wenn dort fast 30 Kilo Tomaten hineinpassen. Ich habe mir eine verrückte Wanderkumpanin ausgesucht. Bis heute habe ich es nicht geschafft, sie um die vielen Puddingrezepte zu bitten, denn davon hat sie anscheinend genug, mir läuft bald das Wasser im Munde zusammen.
zurückgelegte Strecke: 610 km
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